Booth-Babe-Verbot auf Messen - Hexenjagd auf Miniröcke

Booth Babes sollen verboten werden, und sexy Cosplayerinnen am besten gleich mit! Blödsinn, sagt Ann-Kathrin. Denn die leicht bekleideten Hostessen sind nicht das Problem, sondern vielmehr ein Symptom.

von Ann-Kathrin Kuhls,
07.04.2015 16:06 Uhr

Um dem Sexismus in der Spielebranche beizukommen, haben die Organisatoren der PAX East 2015 leicht bekleidete Booth Babes (übrigens beiderlei Geschlechts) verboten. Laut dem offiziellen Messereglement sollen sich Besucher auf der Messe wohlfühlen, und das können sie nicht, wenn sich links und rechts halbnackte Frauen auf PlayStations räkeln.

Andere Messen wie die E3 überlegen sogar, neben den Booth Babes auch zu leicht bekleideten Cosplayerinnen den Zugang zu verwehren. Das ist meiner Meinung nach vor allem eins: scheinheilig.

Während nämlich schon auf der PAX genau geregelt werden soll, wie viele Quadratzentimeter nackte Haut Hostessen und Cosplayerinnen zeigen dürfen, gilt diese Regel nicht für diejenigen, die spielbare Charaktere darstellen.

Wenn ich mich also als Cortana, die Datenstrom-Nixe aus Halo, verkleide, wären Bodypainting und hautfarbene Unterwäsche kein Problem. Aber wehe, der Rock einer Hostess ist zu kurz! Hier wird eindeutig mit zweierlei Maß gemessen.

Ein Positivbeispiel für einen weiblichen Charakter ist Ellie aus The Last of Us.Ein Positivbeispiel für einen weiblichen Charakter ist Ellie aus The Last of Us.

Zumal das Publishern ja immer noch das Hintertürchen offenlässt, auf »Spielecharaktere« statt klassische Booth Babes zu setzen. Dann laufen am Microsoft-Stand eben 30 Cortanas durch die Gegend.

Wenn ich Booth Babes mit der Begründung verbiete, dass sie den Menschen Unbehagen bereiten, darf ich auch ein Sacred 3 nicht anrühren, denn schließlich trägt die Seraphim nicht mehr als eine vage Idee von Kleidung.

Vom Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Rüstungen will ich gar nicht anfangen. Das ist allerdings kein reines Problem der Spielebranche. Karnevalskostüme gibt es ja grundsätzlich auch nur in »männlich« und »sexy«.

Die Autorin Ann-Kathrin fühlt sich zwar von Booth Babes weder gestört noch beleidigt, hätte aber gegen ein bisschen mehr Varianz im Spielecharakter-Design nichts einzuwenden. Ein bisschen weniger Haut und ein bisschen mehr Persönlichkeit wären super.

Realismus vs. Sexismus

Das Booth-Babe-Verbot ist also vor allem scheinheilig, weil es an einem Symptom herumdoktert, statt sich dem eigentlichen Problem zu widmen. Halbnackte Frauen in Messehallen? Nein, um Himmels willen, unmöglich! Halbnackte Frauen in Spielen? Och, na klar, macht ruhig! Wer so argumentiert, hat seine eigene Botschaft nicht verstanden.

Um langfristig etwas am Frauenbild zu ändern, muss man auch nicht auf denen rumhacken, die sich wie übersexualisierte Videospielfiguren kleiden. Stattdessen sollten wir Studios, die realistische Frauenbilder vermitteln, unterstützen. Niemand würde sich – um das Argument der Pax aufzugreifen – neben einem weiblichen Commander Shepard unwohl fühlen. Oder neben Ellie aus The Last of Us.

Spiele wie Silent Hill und Portal haben bereits gezeigt, dass großer Erfolg nicht mit großen Körbchen zusammenhängt. Gebt uns starke Frauen, dann können wir sie auch cosplayen, ohne das ihr’s uns hinterher wieder verbieten müsst! Meiner Meinung nach kann man nicht gleichzeitig freizügige Kleidung verbieten und noch freizügigere Spiele vermarkten.

Entweder ganz oder gar nicht. Anstatt auf den Anti-Booth-Babe-Zug aufzuspringen, ohne irgendwas am Figurendesign zu ändern, könnte man nämlich auch einfach ehrlich sein: Nichts verschafft so schnell Aufmerksamkeit wie Brüste, Blut und Explosionen.

Cortana lässt an ihre Haut nichts außer Datenströmen. Ansonsten ist sie quasi nackt.Cortana lässt an ihre Haut nichts außer Datenströmen. Ansonsten ist sie quasi nackt.

Klar nervt es, dass Hostessen nur eingesetzt werden, um mit offener Bluse die Massen anzulocken. Aber es funktioniert ja auch. Publisher und Marketingagenturen achten nun mal darauf, wie man mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Aufmerksamkeit generiert. In diesem Fall mit möglichst wenig Stoff.

Das schließt natürlich die Annahme mit ein, dass wir Spieler und Messebesucher allesamt ausschließlich triebgesteuert sind. Was psychologisch betrachtet zu weiten Teilen sogar stimmt, aber möchten wir wirklich darauf reduziert werden?

Mein Kaufverhalten ist nämlich nicht davon abhängig, wieviel muskulöse, oberkörperfreie Männer auf einer Messe dafür Werbung machen. Abgesehen davon, dass ich dann wahrscheinlich nur WWE-Titel zuhause hätte, geht es mir um das Spiel an sich. Auch eine ganze Strippergruppe kann nicht langfristig von schlechtem Spieldesign ablenken.

Booth Babes zu verbannen, aber die Spiele weiterhin gleich zu präsentieren, ändert überhaupt nichts. Natürlich muss man irgendwo anfangen, aber bitte nicht auf so eine scheinheilige Art. Aufgesetzte Verbote führen nämlich nicht zum Umdenken, sondern verleiten nur dazu, Schlupflöcher zu suchen.

gamescom 2014 - Fotos vom ersten Messetag ansehen


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