Pokémon GO - So anders ist die Monsterjagd in den USA

Während das Pokémon GO-Fieber hierzulande langsam abklingt, hat sich unsere freie Autorin Beatrice in San Francisco gerade erst neu angesteckt. Dort funktioniert das Spiel nämlich ganz anders als hier.

von Beatrice Behn,
20.09.2016 09:00 Uhr

Egal wann, Lockmodule sind einfach immer an in San FranciscoEgal wann, Lockmodule sind einfach immer an in San Francisco

"Oh mein Gott, mach mal Pokémon Go auf!", sagt meine Reisebegleitung hyperventilierend und ich denke nur "Lass mich in Ruhe, Mann, ich hab gerade einen 15 Stunden-Flug hinter mir!". Aber seine weit aufgerissenen Augen machen mich dann doch neugierig. Ich starte also die App und kurz nach dem Ladebildschirm sehe ich San Francisco mit den Augen von Pokémon Go. Und gefühlt an jeder Ecke ist ein Pokéstop. Wenn ich einmal um den Block unseres Hostels in Downtown gelaufen wäre, hätte ich sieben Stück abgrasen können. Wenn ich hingegen in Berlin einmal um meinen Wohnblock laufe, sind es zwei.

Und ich wohne mitten in Berlin, in Neukölln, also schon einer relativ gut bestückten Gegend, auch wenn sie nicht mit den Hot Spots wie dem Alexanderplatz zu vergleichen ist. Hier in San Francisco sind es mindestens drei Mal so viele Stops.

Aber das war nicht das Erstaunlichste. Was ich kaum glauben konnte: In jedem, wirklich jedem dieser Pokéstops war ein Lockmodul aktiviert. Der Ort sah aus, als würden alle Sakura – das japanische Kirschblütenfest - feiern. Was wir da noch nicht wussten, dank Jetlag aber alsbald feststellten: Das war keine Anomalie, sondern Alltag. In den drei Tagen vor Ort waren diese Pokéstops flächendeckend und dauerhaft mit Lockmodulen bestückt. Egal zu welcher Uhrzeit.

Beatrice Behn
Seit Beatrice im Informatikunterricht Prince of Persia zocken durfte, weil ihr Lehrer keinen Bock auf Unterricht hatte, hat sie eine ausgesprochene Schwäche für Games, die sie meist als late adopter erst für sich entdeckt, wenn alle anderen schon damit durch sind. Zur Zeit hängt sie bei Pokémon Go fest (und ist endlich mal "en vogue") und kann nicht mehr fliegen ohne dabei stundenlang Plants vs. Zombies und Shattered Planet zu spielen.

Pokémon-Touristen

Wenn ihr in San Francisco Pokémon Go spielen wollt, müsst ihr euch faktisch nicht bewegen. Aus dem Hostelbett heraus konnten wir zwei Pokéstops ansteuern, bei denen im Minutentakt mehrere Pokémon auftauchten. Und nicht nur so Billo-Pokémon, wie in meinem Berliner Kiez, wo die ewige Taubsi-Rattfatz-Taubsi-Zubat-Situation mich in letzter Zeit fast in den Wahnsinn getrieben hat. Diversität und Abwechslung der fangbaren Pokémon halten sich dort leider relativ im Zaum. Aber es ist nicht nur die schiere Menge, die dank der Masse an aktiven Lockmodulen noch einmal vervielfacht wird (oft standen an meinem Pokéstop gleich 4-5 Pokémon gleichzeitig, es wurde fast stressig alle zu fangen). Es ist vor allem auch die Vielfalt, die mich total überrascht hat. Dort wurde ich mit ungefähr allem bombardiert, was es der Pokédex hergibt. Und dafür musste ich nicht einmal durch die Stadt laufen oder Nester suchen. Ich lag einfach im Bett. In San Francisco ist Pokémon Go eindeutig für faule Menschen geeignet.

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Natürlich waren wir sofort im absoluten Fieber und gingen durch die Innenstadt. Hätten wir aber für jedes Viech angehalten, das da irgendwo auftaucht, wären wir keine hundert Meter weit gekommen. Wir haben es trotzdem versucht und liefen so erratisch durch die Straßen, dass uns hilfsbereite Einheimische fragten, ob alles okay sei oder wir Hilfe brauchten. Als wir anmerkten, dass wir okay sind und nur Pokémon Go spielen, bekamen wir jedes Mal hilfreiche Tipps. Der Concierge eines Hotels erzählte uns von Horden, die letztens einen Dragoran drei Blocks weiter gesucht hätten. Ein anderer schob uns in den Yerba Buena Garten mit dem Hinweis auf Sichlors. Hier bekamen wir gleich zwei Ereignisse zum Preis von einem: Ein geniales kostenloses Rumbakonzert und ein Sichlor-Nest, aus dem gleich mehrere der grünen Käferpokémon spawnten.

Überhaupt eignet sich das Spiel überraschend gut als Hilfe für Touristen. Pokéstops markieren ja auch wichtige Orte, die man nicht unbedingt im Reiseführer findet. So wollte ich mich eigentlich nur auf das nur in Nordamerika ansässige Tauros stürzen, sah dann aber, dass sich dieses bei einem Pokéstop zu einer Dr. Seuss Ausstellung befindet. Double-Nerd-Win.

Tauros vs PantimosTauros vs Pantimos

Interessant übrigens, dass dieses geographisch limitierte Pokémon einem dort regelrecht um die Ohren geschmissen wird. In knapp 48 Stunden Aufenthalt hatte ich schon sechs Tauros gefangen. Den nur in Europa vorhandenen Pantimos habe ich in Deutschland bisher erst zweimal gesehen. Und wieso haben alle Kontinente eigentlich dort ansässige Tiere bekommen? Australien hat ein Känguru, Asien einen Vogel und wir einen … Pantomimen? Ist das alles, was Europa noch zusammenhält?

Suchet und ihr werdet tatsächlich mal finden…

Was das Spielvergnügen in San Francisco auch massiv erhöhte, war die neue Suchfunktion, die dort schon angeschaltet ist. Seit dem Update, das die Fußspuren entfernt hat und Pokémon nur noch mit Grashalmen im Hintergrund zeigt, habe ich in Berlin nie gezielt, sondern nur durch Zufall Pokémon gefunden. Die neue Suche, die wir in San Francisco ausprobieren konnten, ist da schon weitaus besser. Grundsätzlich werden Pokémon in der Nähe so angezeigt, dass sie im Hintergrund ein Foto des nächsten Pokéstops haben.

Die Suche von Pokémon GO in San Francisco ist um einiges besser als hierzulandeDie Suche von Pokémon GO in San Francisco ist um einiges besser als hierzulande

Tippe ich auf dieses Foto und dann auf "View", wird die Lage desselbigen auf der Karte angezeigt. Jetzt muss ich mich nur noch an diesen Ort begeben, dann taucht das Pokémon an diesem Pokéstop auf. Oder, wenn ich zu langsam bin, erscheint eine Nachricht, dass es geflohen ist. An sich eine wunderbare Sache. Solange es ein Ort wie San Francisco ist, der viele Pokéstops hat. In einer schlechter bestückten Gegend hätte diese Suchfunktion nicht viel gebracht, da ich entweder keine Pokéstops in der Nähe hätte oder ich unglaublich schnell sein müsste, um es innerhalb des Zeitraums auch dorthin zu schaffen.

Die Krux mit den Arenen

Am Anfang hatten wir uns noch gewundert. Wieso stehen in den Arenen hier so läppische Pokémon? Die können wir doch im Handumdrehen fertig machen? Also haben wir es ausprobiert. Direkt am Union Square, quasi dem Alexanderplatz San Franciscos. Dürfte kein Problem sein, die zu besiegen, dachten wir. Bis wir dann in der Arena standen, der Countdown runterlief und … nichts mehr passierte. Irgendwann kam dann eine Fehlermeldung und das war es. Na ja nicht ganz, das Pokémon, das ich reingestellt hatte, benötigte eine ordentliche Beleber- und Tränkekur. Wie sich also herausstellte, ist es einerseits ganz leicht, andererseits fast unmöglich sich in solch hochfrequentierten Städten in Arenenkämpfe zu begeben. Wenn ich es denn schaffe, kann ich dort Pokémon mit lächerlichen WP in Arenen abstellen und ewig bleiben, weil das Spiel für viele andere an dieser Stelle einfach abstürzt. Ich vermute es liegt daran, dass dort so viele Leute gleichzeitig versuchen zu kämpfen oder Arenen hochzuleveln, dass das System einfach aussteigt. Wir haben es noch mehrmals versucht. Einmal kam ich wenigstens so weit zu sehen, dass mit mir noch eine ganze Menge anderer Trainer ihre Pokémon zum Kämpfen in die Arena gepackt hatten. Genutzt hat es nichts, wenn alles abstürzt ist auch das verdammte Hornliu mit WP96 unbesiegbar.

Berlin vs. San Francisco

Jetzt, wo ich wieder in meiner Taubsi-Rattfatz-Zubat-Zone sitze, hoffe ich, dass Niantic sehr bald mehr Inhalte zur Verfügung stellt. Denn hier, in meinem Berliner Kiez, auf die Karte zu schauen, die im Gegensatz zu San Francisco plötzlich sehr leer aussieht, ist schon etwas deprimierend. Wir sind in den Staaten pro Tag vielleicht eine Stunde aktiv Pokémon spielen gegangen. Aber die Vielfalt der Monsterchen, die unfassbare Geschwindigkeit, in der diese permanent erschienen und damit auch der Push, den wir beim Leveln erlebten, hat so viel Spaß gemacht, dass es mir jetzt ganz schön zäh vorkommt, durch Berlin zu rennen und hier und da mal was zu fangen. Trotzdem, ich bin wieder frisch angefixt, nachdem vor dem Trip schon ein wenig Pokémon-Müdigkeit eingesetzt hatte. Trotzdem, die neuen Features und die Hoffnung, dass neue Updates hier noch viel mehr Vielfalt und Spielmöglichkeiten bringen werden, halten mich jetzt erstmal wieder bei der Stange. Gotta catch 'em all.


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