Pokémon Go - Pokémon Go Home

Pokémon Go treibt die Massen nach draußen, verpasst es aber, ihnen wirklich etwas beizubringen. Sebastian Stange beklagt seinen Frust.

von Sebastian Stange,
14.07.2016 10:00 Uhr

Nintendos AR-Mobilspiel Pokémon Go ist derzeit in aller Munde. Das Ding hat im Alleingang Nintendos Aktienkurs in die Höhe getrieben, binnen weniger Tage für Millionenumsätze gesorgt und rasch sprangen sogar Unternehmen auf den Hype auf, indem sie mit Ködern Pokémon und damit hoffentlich auch zahlende Kundschaft anlocken. Und vor allem: Pokémon Go wird gespielt. Überall. Überall sehe ich Menschen mit Smartphones, die ihre Umgebung scannen. Auf dem Weg zur Arbeit, auf dem kurzen Weg zur Kantine oder beim abendlichen Streifzug durch mein Viertel. Und mich frustriert das einfach nur!

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Nun bin ich in Punkto Social Media und Smartphone ohnehin eher der Spätzünder und finde die innige Beziehung vieler Menschen zu ihrem Mobiltelefon ohnehin schwer nachzuvollziehen. Es liegt also nahe, das alles als neumodischen Blödsinn zu verschreien, mich der Zukunft zu verweigern und hier trotzig den Zeiten von Röhrenfernsehern und Wählscheibentelefonen nachzutrauern. Aber das wäre Zeitverschwendung - für mich und für euch, liebe Leser.

Mein Frust rührt nämlich weniger von der Tatsache, wie die unsichtbare Welt einer AR-Anwendung sehr sichtbare Auswirkungen und das reale Leben - auch das von Nicht-Spielern - haben kann. Das empfinde ich eher als faszinierend, als einen Vorgeschmack auf die Zukunft unserer dauervernetzen Gesellschaft. Was mich bei der Pokémon-Go-Geschichte ärgert, ist die Tatsache, dass die Leute plötzlich massenhaft etwas sehr Wichtiges und Richtiges tun - nur aus den falschen Gründen.

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Der Autor
Sebastian Stange hat die Note 4 im Sportunterricht seine komplette Schulkarriere über durchgezogen, PC, SNES und später PlayStation waren ihm wichtiger als Wandertage und die Wunder der Sächsischen Schweiz direkt vor seiner Haustür. Jetzt wo Sebastian seinen Jugendtraum lebt und als Spieleredakteur arbeitet, erkennt er langsam, wie wichtig Sport und Aktivität sind. Er ist lange keine Sportskanone, findet aber immer wieder Gefallen daran, seinen Körper ein wenig zu fordern. Die Idee für diese Kolumne kam ihm, als er nach einem kleinen Rappel zu einem abendlichen Regenspaziergang aufbrach. Ohne Smartphone, versteht sich!

Pokémon GO
Genre: Adventure
Release: 13.07.2016

Bewegung aus Sucht

Einen Erfolg muss ich Nintendo und dem Mobile-Entwickler Niantic zugestehen: Pokémon Go gelingt, was bislang kein Fitness-Guru, Life-Coach, Moralapostel oder gar Mutto schaffte: Es motiviert zahllose Spieler, sich draußen zu bewegen. Und diese Tatsache ist prinzipiell super. Denn Bewegung ist spitze. Sie ist gesund, gut für das Gemüt und macht Spaß. Manche Spieler werden kaum glauben, welch kolossalen Beitrag sie zu ihrer Gesundheit und Lebenserwartung leisten, während sie seltenen Minimonstern nachstellen. Im nachstehenden Video illustriert Dr. Mike Evans, einer eben dieser Moralapostel, den Effekt wunderbar.

Warum also mein Frust, wo Pokémon Go doch offensichtlich lebensverlängernd wirkt? Weil die App die Leute zwar zur Aktivität verführt, sie aber aus den völlig falschen Gründen motiviert. Die Spieler gehen nicht aus dem Haus, um Ihre Nachbarschaft kennen zu lernen. Sie gehen nicht raus, um Stress abzubauen und ihren Kreislauf anzukurbeln. Es ist eine ziemlich simple Sammelsucht, welche die Leute zu Arenen und Pokéstops in ihrer Umgebung treibt.

Es sind dieselben, effektiven Suchteffekte, die schon damals bei Farmville dazu führten, dass unsere Facebook-Timeline mit Spielanfragen zugespammt wurde, oder mit denen World of Warcraft Millionen Spieler monate- bis jahrelang an den PC fesselte. Aufleveln, Sammeln, Zahlen in die Höhe treiben. Das bringt die Spielerschaft von Pokémon Go nach draußen. Und das sind doofe Gründe! Sie fesseln den Blick der Zocker auf ihr Smartphone. Sie sorgen dafür, dass die körperliche Anstrengung nicht mehr als ein notwendiges Übel ist, eine Hürde. Und das frustriert mich.

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Dieser Kurzfilm zeigt eine ebenso eindrückliche, wie bedenkliche Zukunftsvision, deren Grundzüge mit Pokémon Go schon jetzt Realität sind.

Ich befürchte nämlich, dass das Gros der Spieler schlichtweg übersieht, wie gut die Sache dem eigenen Körper tut. Anders als jemand, der aktiv und bewusst Sport treibt oder sich draußen bewegt, kreisen seine Gedanken um die Pokémon, schauen seine Augen aufs Handydisplay. Dabei passieren im Rahmen einer ausgiebigen Minimonster-Pirsch so viel mehr aufregende Dinge: Der Kreislauf wird angeregt, die Beinmuskulatur gefordert. Wer sich aufmerksam umschaut, lernt seine Heimat besser kennen, er findet Abkürzungen oder schöne, neue Orte und lernt, sich besser zu orientieren.

Belohnt wird man am Ende mit einer angenehmen Dusche aus Glückshormonen - die reale Dusche ist dann ein tolles Finale. Nur muss man dazu bewusst und aus eigenem Antrieb aktiv sein. Man muss aufmerksam in sich hineinhorchen und reflektieren, um den Spaß am Draußen sein zu entwickeln. Wenn es einfach wäre, würde es ja jeder tun!

FAQ: Was man jetzt über Pokémon Go wissen muss

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Nachhaltig? Eben nicht!

Der Hype um Pokémon Go wird vergehen, das haben solche Hypes an sich. Nach einer heftigen Anfangsphase werden all die Neugierigen und alle von Freunden und Bekannten Mitgezogenen langsam wieder aussteigen. Der Reiz des Neuen wird verblassen. Die kuriosen Menschenmassen vor den beliebten Pokéstops in der Innenstadt werden zu kleinen Grüppchen schmelzen. Bald wird uns der nächste Hype vielleicht wieder zuhause fesseln oder uns zum Autofahren motivieren. Oder zum Malen, wer weiß das schon?

Ich befürchte halt, dass Pokémon nach dem Hype keine neuen Spaziergänger und Wanderer geschaffen haben wird. Dass Nintendo mit der App die große Chance verpasst, Begeisterung und Wertschätzung für körperliche Aktivität zu vermitteln. Da ist natürlich reichlich Spekulation dabei. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, wie fragil die Motivation zur Aktivität sein kann. Wie leicht es ist, doch den Bus, die Rolltreppe oder das Auto zu nehmen. So schön es ist, dass Pokémon Go uns aktuell zur Bewegung überlistet, so wenig glaube ich an einen langfristigen Effekt. Gern aber lasse ich mich aber eines Besseren belehren.

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