Presse - Fragwürdiger Zeitungsbericht - »Viele Computerspieler tragen Windeln«

Die kostenlose Stadtzeitung Münchener Samstagsblatt schreibt zum Thema Spielesucht unter anderem: »Viele Computerspieler ziehen Windeln an, um nicht auf die Toilette gehen zu müssen.«

von Christian Fritz Schneider,
02.12.2009 17:50 Uhr

Auch an den kostenlosen Stadtteil-Zeitungen geht das Thema Computerspiele-Sucht nicht vorbei, zumindest nicht in München. Unter der Überschrift »Heroin aus der Steckdose« zitiert die Wochenendzeitung Münchener Samstagsblatt den Vater eines vermeintlich computerspielsüchtigen Jungen: »Viele Computerspieler, die gerade eine wichtige Spielepisode zu meistern haben, stellen sich zum Beispiel einen leeren Eimer unter den Tisch oder ziehen Windeln an, weil sie während des Spiels den Schreibtisch nicht verlassen wollen, um auf die Toilette zu gehen.«

Eine Einordnung oder Relativierung dieser Aussage, die immerhin »viele Computerspieler« beschreiben soll, folgt nicht. Stattdessen heißt es weiter:

»Das Computerspiel ist für die Betroffenen wie Heroin aus der Steckdose. Wenn Mütter versuchen ihren Kindern diese Droge zu entziehen, dann entstehen häufig Extremesituationen«, berichtet Hirte. Die Mütter würden in den Schwitzkasten genommen und durch die Wohnung geschleift.

Nach dieser Einleitung auf Seite 1 setzt sich der Artikel später mit den Schicksalen weiterer Betroffener, mit Hilfsangeboten und wissenschaftlichen Untersuchungen auseinander. Auch der einschlägig bekannte Kriminologe Christian Pfeiffer wird mit Aussagen zu seinen Untersuchungen zitiert: »Nach der Analyse unserer Ergebnisse können wir heute sagen, dass allein 14.300 Jugendliche in der Altersgruppe von 15 Jahren die Kernkennzeichen einer Computerspielabhängigkeit erfüllen.«

Welche Kernkennzeichen die Computerspiele-Sucht ausmachen lässt der Bericht im Zusammenhang mit den Untersuchungsergebnissen offen, zählt aber sieben Kennzeichen aus einer Broschüre des Bayrischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands auf. Danach ist es bedenklich, wenn Kinder mehr als anderthalb Stunden am Tag spielen, andere Freizeitaktivitäten vernachlässigen, heimlich spielen, weniger Freunde haben, Leistungseinbrüche in der Schule erleiden und sich mit den Eltern wegen Computerspielen streiten.


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