Meinung: Project Scorpio - Die stärkste Konsole, aber wer braucht sie?

Nur wenige Tage nach der Enthüllung von Project Scorpio umgeben viele Fragezeichen das neue Xbox-Modell. Und das ist so schade wie fatal, sagt Tim Hödl.

von Tim Hödl,
25.06.2016 10:00 Uhr

Xbox One Project Scorpio - Entwickler sprechen über die 4K-Konsole für 2017 3:12 Xbox One Project Scorpio - Entwickler sprechen über die 4K-Konsole für 2017

»Das Ende der Xbox One und ein Neuanfang für Microsoft« Dieser Satz beschreibt für mich am besten Project Scorpio. Ich sah in der überraschend frühen Enthüllung einer neuen, vom Release zwar weit entfernten, aber umso leistungsstärkeren Konsole eine mutige Flucht nach vorne. Gegen die Dominanz Sonys, weg von hämischen Kommentaren rund um die geringe Leistung der Xbox One, hin zu einer Position, aus der Microsoft nicht mehr nur reagiert, sondern endlich wieder agiert.

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Und obwohl ich mich in der Xbox-Familie nie so recht zu Hause gefühlt habe, wünsche ich mir, dass Microsoft wieder Fahrt aufnimmt. Schließlich profitieren von einem gewissen Wettbewerb neben den Spielern auch die konkurrierenden Unternehmen, die sich gegenseitig antreiben. Allerdings scheint Microsoft schon jetzt bei dem großen Schritt, den sie mit Project Scorpio machen könnten, über die eigenen Füße zu stolpern. Denn inzwischen fragen sich viele, wen der Konzern eigentlich ansprechen will. Eine für die Öffentlichkeit nachvollziehbare Antwort fehlt.

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Tim hat lange Zeit fast nur am PC gespielt - schließlich konnte er den Wunsch nach einer Konsole nicht mit der Ausrede erklären, dass er dann besser für die Schule lernen oder Präsentationen vorbereiten könne. Eines Weihnachtsabends packte er trotzdem die erste Xbox aus, spielte Halo 1 irgendwann aber lieber wieder mit Maus und Tastatur. Erst die PlayStation 3 zog ihn wieder vermehrt weg vom Monitor hin zum Fernseher.

Dabei schloss Microsoft seine diesjährige E3-Pressekonferenz mit einer klaren Ansage: »Wir bauen die bislang leistungsstärkste Konsole überhaupt!« Das verstanden auch alle, die mit Schlagwörtern wie »4K Gaming, »High Fidelity VR« und »6 Teraflops nichts anzufangen wussten. Zumal uns der Reveal-Trailer ein Gerät ohne technische Grenzen, doch dafür mit ungeahnten Möglichkeiten zusicherte.

"Diese Konsole ist zu einhundert Prozent für euch, Leute. Wir haben die Artikel gelesen, wir haben die Reviews gelesen. Das ist die »Wir haben euch laut und deutlich verstanden«-Konsole."

Nur verschwinden diese Versprechen mittlerweile hinter einem Dickicht aus Missverständnissen und Widersprüchen - angefangen beim Spiele-Lineup bis hin zur Zielgruppe.

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Während der E3-Pressekonferenz stellte Microsoft Project Scorpio bewusst als Teil des Xbox-One-Ökosystems vor und betonte die Kompatibilität zwischen beiden Konsolen. Trotzdem deutete Shannon Loftis von Microsoft im Gespräch mit dem Journalisten Geoff Keighley an, dass es von der Entwickler-Community abhänge, ob das neue Modell mit Exklusivtiteln versorgt wird. Aaron Greenberg, seines Zeichens Head of Xbox Games, äußerte sich wiederum ganz anders zum Thema. Er sagte, es gebe keine Exklusivspiele für Scorpio.

"Das Tolle daran, dass Project Scorpio zur Xbox-One-Familie gehört: Alle deine Spiele werden darauf laufen, keine Scorpio-Exklusivtitel, also verliert niemand den Anschluss."

So stand anfangs Aussage gegen Aussage - und mittendrin verwirrte Spieler. Erst eine Entschuldigung von Loftis, die zugab, im Interview mit Keighley gepfuscht zu haben, wischte ein paar der vielen Fragezeichen beiseite.

Trotzdem bleiben immer noch viele Fragen offen. Denn wie sieht es bei Virtual Reality aus: Gilt auch hier die »Keine Exklusivtitel«-Regel? Und erwarten uns deswegen höchstens VR-Fassungen bereits erschienener Spiele wie etwa Fallout 4? Aber wie kreativ können Entwickler die Leistungsfähigkeit von Project Scorpio dann wirklich nutzen? Oder bekommen bestimmte Titel auf der Scorpio zusätzliche Features? Welcher Mehrwert bleibt da letztlich für Käufer und wo genau ordnet sich dann die Xbox One S ein?

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Gegenüber Eurogamer zog Head of Xbox Phil Spencer eine einfache wie enttäuschende Linie.

"Eurogamer: Wieso sollte ich eine Xbox One S kaufen, wenn ich doch weiß, dass die Scorpio kommt? Welchen Grund würde ich haben, wenn doch eine weitaus stärkere Xbox auf dem Plan steht?"

"Spencer: Was für einen Fernseher hast du?"

"Eurogamer: Einen handelsüblichen Fernseher mit 1080p."

"Spencer Dann solltest du [die Xbox One S] kaufen, da dir Scorpio rein gar nichts bringen wird. Scorpio ist vom Design her eine 4K-Konsole, und wenn du keinen 4K-Fernseher hast, wirst du den Nutzen, den wir für dich designed haben, nicht sehen. "

Im Anschluss daran erklärte er die Xbox One Scorpio als Konsole für Hardware-Enthusiasten, die »ein wirkliches Interesse an 4K-Gaming« haben und bereit sind, einen »Premium-Preis« zu zahlen. Entsprechend ablehnend fielen viele der Reaktionen aus.

Ein Eurogamer-Leser wunderte sich etwa: »Ihr gebt Entwicklern also Zugriff auf so viel mehr Rechenleistung, und die dürfen sie nur für 4K nutzen - keine weitläufigeren Gebiete, nicht mehr Gegner oder eine bessere KI, bis die Xbox One in den Ruhestand verabschiedet wird«, wohingegen ein anderer in die Richtung von Microsofts Current Gen-Konsole stichelt: »Ich verstehe diese ganze Sache mit ›Kauf dir keine Scorpio, wenn du keinen 4K-Fernseher hast‹ nicht, ich hab einen 1080p-Fernseher und die aktuelle Xbox packt kaum irgendein Spiel in Full-HD und 60 FPS. Ich würde mich [an Microsofts Stelle] erst einmal dafür entscheiden, ein Upgrade vorzunehmen, um das zu schaffen.

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Dass Spencer seine Kaufwarnung im Nachhinein etwas entschärfte und doch Vorteile abseits einer 4K-Auflösung in Aussicht stellte, löst das Gewirr rund um Project Scorpio nicht gerade auf. Da ist es auch egal, wie nachvollziehbar eigentlich der Ansatz ist, den Microsoft mit seinem plattformübergreifenden Ökosystem verfolgt.

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Wieso sollte ich mich mit einem Konsolenumfeld anfreunden, das der Konkurrenz leistungstechnisch entweder hinterherhinkt oder Spencer zufolge so gar nicht für mich gedacht ist? Scheinbar hat Microsoft auf die derzeit wichtigste Frage keine überzeugende Antwort.

Schlimmer noch: Sie haben diese Frage mit ihrem hin und her erst aufgeworfen.


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