Vikings: Wolves of Midgard - Kein neues Diablo? Kein Problem!

Auf den ersten Blick wirkt Vikings: Wolves of Midgard wie eine Mischung aus Diablo 3 und God of War. Beim Anspielen hat sich aber schnell herausgestellt, dass die Macher einen anderen Weg einschlagen, dem wir trotzdem gern folgen.

von Tim Hödl,
22.07.2016 10:34 Uhr

Vikings: Wolves of Midgard - Gameplay-Video: Hack'n'Slay in der nordischen Mythologie Vikings: Wolves of Midgard - Gameplay-Video: Hack'n'Slay in der nordischen Mythologie

Looten und Leveln – die zwei Eckpfeiler jedes Action-Rollenspiels. So auch bei Vikings: Wolves of Midgard. Wir häufen Items und Erfahrungspunkte an, steigen irgendwann im Level auf und schalten so neue Fähigkeiten frei, um noch mächtigere Items und noch mehr Erfahrungspunkte aus unseren Gegnern zu pressen, bis wir jubelnd die berühmt-berüchtigte Suchtspirale runterrutschen. Oder auch nicht.

Denn immer wieder scheitern Entwickler daran, die einzelnen Spielmechaniken stimmig miteinander zu verketten. Vikings-Entwickler Games Farm ging es so zuletzt beim PC-Titel Shadows: Heretic Kingdoms, der trotz seiner reizvollen Idee, einen Dämonen zu verkörpern, im GameStar-Test nur Mittelmaß erreichte. Doch davon lässt sich das Studio nicht entmutigen. Im Gegenteil. Bei Vikings: Wolves of Midgard lernen sie nicht nur aus den Fehlern ihres letzten Spiels, sondern versuchen außerdem, die Genre-Grundregeln mit ein paar Kniffen aufzubrechen.

Vikings: Wolves of Midgard
Genre: Rollenspiel
Release: 1. Quartal 2017

Der erste Eindruck täuscht

Dabei hinterlässt das Action-Rollenspiel im ersten Moment einen enttäuschend gewöhnlichen Eindruck. In seiner Welt, die zu großen Teilen auf der nordischen Mythologie fußt, empfängt uns Vikings mit einem spärlich ausgestatteten Charaktereditor. Starten wir als Krieger oder Schildmaid? Greifen wir zu Schwert und Schild, zwei Äxten, Hammer oder lieber Bogen? Von wenigen Personalisierungsmöglichkeiten wie Bärten und Schmuck abgesehen sind das die Entscheidungen, die wir anfangs treffen.

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Auch die Ausgangssituation lockt keinen Wolf mehr hinterm Ofen vor. Schließlich steht der Weltuntergang mal wieder mit einem Fuß in der Methalle. Im Fall von Vikings ziehen Riesen gegen die Götter Asgards in den Krieg. Dabei zerstören sie dummerweise das Dorf der Ulfung, was natürlich die Heimat unseres Helden ist.

Schon haben wir einen Grund, uns um die Sache zu kümmern. So weit, so vorhersehbar. Dafür wird's umso interessanter, als wir uns nach einer kurzen Einführung für zwei Stunden selbst in den Kampf stürzen und die Anfangsgebiete erkunden.

Totklicken verboten

Wer in gewohnter Action-RPG-Manier einfach in die nächstbeste Gegnerhorde prescht und den Angriffsbutton malträtiert, der drückt schnell ins Leere. Denn unsere Feinde brechen in großer Zahl über uns herein und umzingelt überleben wir bloß einige Sekunden. Daher müssen wir stets in Bewegung bleiben, was dank der Ausweichrolle angenehm von der Hand geht.

So treiben wir Gruppen auseinander, damit wir gezielte Treffer gegen einzelne Wölfe oder Kobolde landen können. Bei größeren Kalibern wie Axt schwingenden Riesen hilft es wiederum, unter den Hieben wegzutauchen.

Besiegen wir in kurzer Zeit genug Gegner hintereinander, verfällt unser Held auf Knopfdruck in Raserei, was den Schaden unserer Angriffe in die Höhe schnellen lässt. Besiegen wir in kurzer Zeit genug Gegner hintereinander, verfällt unser Held auf Knopfdruck in Raserei, was den Schaden unserer Angriffe in die Höhe schnellen lässt.

Sobald wir das verinnerlicht haben, entwickelt Vikings einen Spielfluss, der uns in der Schlacht von Monster zu Monster treibt. Im Vergleich zu Shadows: Heretic Kingdoms stimmt zudem das Trefferfeedback. Kleinere Feinde werden zurückgeworfen oder zerplatzen unter kräftigen Schlägen. Lediglich dem Fernkampf fehlt es bislang an Wucht und Präzision.

In Vikings: Wolves of Midgard kämpfen wir jedoch nicht nur gegen die gegen Schrecken der nordischen Mythologie. Auch die Umwelt macht uns das Überleben oftmals schwer. Nach dem Tutorial bereisen wir beispielsweise einen Fjord, an dem uns eisige Kälte zusetzt. Die schlägt sich in einer Anzeige unter unserem Lebensbalken nieder. Ist die Leiste voll, erfrieren wir langsam.

Im besten Fall sollten wir es gar nicht so weit kommen lassen und eines der Lagerfeuer aufsuchen, an denen wir uns aufwärmen können. Manchmal ist das aber leichter gesagt als getan. Vor allem, wenn wir gerade mit einer Gegnerschar beschäftigt sind oder der nächste Checkpoint ein paar Meter weiter winkt.

Neben winterlichen Landschaften soll uns Vikings beispielsweise auch durch Höhlensysteme oder mittelalterliche Städte führen. Für optische Abwechslung sei den Entwicklern zufolge gesorgt.Neben winterlichen Landschaften soll uns Vikings beispielsweise auch durch Höhlensysteme oder mittelalterliche Städte führen. Für optische Abwechslung sei den Entwicklern zufolge gesorgt.

In solchen Augenblicken lenkt Wolves of Midgard unsere Aufmerksamkeit weg von Überlegungen, was wohl in der nächsten Kiste auf uns wartet hin zur Frage, ob wir einen Versuch wagen und dem Wetter etwas länger trotzen sollen. Immerhin erwarten uns dafür viele kleine Erfolgserlebnisse.

Looten und Leveln mal anders

Die braucht es allerdings auch. Denn Vikings geizt in den Levels mit typischem Loot. Stattdessen sammeln wir vornehmlich Ressourcen wie Gold und Eisen, die wir im Dorf etwa beim Waffen- oder Rüstungsschmied in Items investieren. Darüber hinaus warten die Bruchstücke besonders mächtiger Gegenstände darauf, von uns gefunden zu werden. Allgemein soll das Crafting eine zentrale Rolle einnehmen.

Passenderweise verlagert Vikings den Schwerpunkt seines Levelsystem auf die verschiedenen Waffentypen, wodurch wir neue Fähigkeiten für sie freischalten. Ein spannender Ansatz, da der Waffenwechsel dadurch eine Bedeutung fernab von klassischen Schadenswerten bekommen dürfte. Tauschen wir ein Schwert nämlich irgendwann gegen einen Stab stehen wir plötzlich nur noch mit den Grundfähigkeiten da.

Unser Held gewinnt im Spielverlauf hingegen an Stärke, indem wir das Blut besiegter Widersacher am Altar in der Ulfung-Siedlung opfern. Auf diese Weise erhalten wir sogenannte Geschenke von einem der Götter, mit denen diverse Charakterwerte in mehreren Stufen aufbessern – beispielsweise unsere Gesundheit oder die Widerstandsfähigkeit gegenüber Eisschaden.

Aufbau Nord

Ob diese Ideen zünden oder das Spieltempo letztlich unnötig entschleunigen, muss sich noch zeigen. Sicher ist, dass sich Vikings viel Mühe gibt, uns auch abseits des persönlichen Heldenfortschritts zu motivieren. Dabei wird unser Dorf die entscheidende Rolle spielen.

Wie bereits erwähnt, befindet sich die Heimat der Ulfung zu Beginn in einem ausbaufähigen Zustand – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Mithilfe von zusammengetragenen Rohstoffen werten wir Gebäude auf, was uns unter anderem Zugriff auf neue Waffen sowie Rüstungs-Sets gibt.

Schon früh im Spiel treffen wir auf bedrohlich große und entsprechend schlagkräftige Gegner, weshalb Ausweichen zum zentralen Spielelement wird.Schon früh im Spiel treffen wir auf bedrohlich große und entsprechend schlagkräftige Gegner, weshalb Ausweichen zum zentralen Spielelement wird.

Ja, an Ambitionen mangelt es Vikings: Wolves of Midgard definitiv nicht. Zumal sich die Entwickler noch weitere hehre Ziele gesteckt haben. Jeder der Boss-Kämpfe soll sich zum Beispiel anders spielen und spezielle Taktiken erfordern. Da liegt natürlich die Befürchtung nahe, das 25 Mitarbeiter umfassende Team könnte sich übernehmen.

Aber die Entwickler scheinen zu wissen, wo ihre Grenzen liegen und haushalten dementsprechend mit ihren Ressourcen. Das zeigt etwa die Design-Entscheidung, das Levelsystem mit den Waffen zu verknüpfen. Die müssen sie ohnehin ausbalancieren und sparen sich so den Aufwand, zusätzlich noch zig Klassen zu schaffen, die aufeinander abgestimmt werden wollen.

Und so stehen die Chancen nach unseren Anspiel-Eindrücken durchaus gut, dass Vikings rund um die Grundpfeiler Looten und Leveln ein interessantes Action-Rollenspiel-Konstrukt errichtet, in dem sich Fans von Diablo 3 sehr schnell heimisch fühlen dürften.


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