Special: Grand Theft Auto 4 - Presseschau | Seite 4
Die Welt Online befasst sich mit GTA 4
aus der Perspektive der "Rolle" Niko Bellics.
"Die Skyline strahlt am Abend, die Freiheitsstatue schimmert grünlich und an der Reling steht Niko Bellic, der Serbe, der den Krieg vergessen und den amerikanischen Traum leben will. (...) Niko muss den Weg vieler Emigranten gehen: Er lebt zuerst in einer finsteren Gegend Brooklyns, darf anfangs nicht einmal nach Manhattan. Er hat ein Handy, in seiner Wohnung gibt es Fernsehen mit mehreren Kanälen. Er kann Strip-Clubs besuchen oder eine Freundin finden, U-Bahn fahren oder sich betrinken (wird danach aber torkeln und schlecht sehen). Was man tut und was zuerst, bleibt jedem überlassen. In dieser Freiheit steckt auch die verstörende Kraft des Spiels. „Das bin doch ich“, der Satz, den der Schriftsteller Thomas Glavinic gerade zum Titel eines großen Zeitromans macht, schwebt auch hier als Menetekel über allem. In Videospielen will der Protagonist gesteuert werden, aber, wo er so privat erfahrbar wird wie dieser Niko, fragt sich: Bin das wirklich ich? Man muss sich damit anfreunden, ein Gangster zu sein. Einer, der im Jugoslawien-Krieg gemordet hat und über sein Seelenheil nachdenkt."
"Bei GTA4 will keine Freude an der kriminellen Anarchie aufkommen. Überall ist die Polizei und meist ist sie mächtiger. Oft ist es sogar zu riskant, ein Auto zu knacken. Dann muss man zu Fuß gehen, ein Regen mag aufkommen und der Kopf des Protagonisten hängt. Er ist Niko Bellic, ein Versager der Globalisierung, der sich von falschen Hoffnungen in diese Stadt locken ließ. Er ist der Emigrant neuen Typs. Nicht mehr der Flüchtling aus der alten Welt, sondern eine eine Ich-AG zwischen den Welten, die überall ihr Glück machen kann und es nirgends vermag."
"So mag es manchem echten Einwanderer gehen. Dass das nun ein Videospiel so plastisch zeigt, jenes viel geschmähte Kulturprodukt, das immer noch kaum jemand Kunst nennen mag – das ist eine große Überraschung. Wahrscheinlich wird man dies später einmal als den Moment bezeichnen, als Computerspiele endlich erwachsen geworden sind."
Soweit unsere Presseschau. Schade dass weitere renommierte Zeitungen wie die Zeit und der Tagesspiegel sich in ihren Online-Ausgaben bisher nicht mit dem nicht ignorierbaren Medienphänomen GTA 4 auseinandersetzen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bietet immerhin das von der Nachrichtenagentur Reuters produzierte Video über die Warteschlangen beim Launch des Spiels.
Schade auch, dass das Medium Videospiel in allen zitierten und genannten Publikationen weiterhin in Homepage-Bereichen wie "Computer" "Netzwelt" oder "Digital" behandelt wird. Wenn es Ausnahmespiele wie GTA 4 in das Feuilleton der New York Times schaffen und dort auf Augenhöhe mit Filmen, Musik und Literatur besprochen werden, warum dann nicht auch in deutschen Zeitungen? So "erwachsen" sind Spiele in der Wahrnehmung der Kulturredaktionen dann offenbar doch noch nicht - vielleicht erst zum Launch von GTA 5.