Fazit: The Order: 1886 im Test - Die Linearität trägt Schnauzbart

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Fazit der Redaktion

Kai Schmidt: Wow, was für ein Ritt! Zwar denke ich mir im Nachhinein, dass man vielleicht etwas mehr Spiel in den Film hätte packen können, und einige Szenen doch ein wenig zu plump waren, doch insgesamt bin ich begeistert. Die im Vorfeld wie ein Lauffeuer im Internet entbrannte Panik, dass das Spiel zu kurz sei, kann ich nicht im Geringsten nachvollziehen. Zwar gibt es durch das Fehlen von Multiplayer oder freispielbaren Boni keinerlei Anreiz, The Order sofort noch einmal zu starten, doch war ich vollauf zufrieden, als der Abspann mich aus einem packenden Erlebnis entließ. Die für sich genommen spielerisch eher simplen Puzzleteile, aus denen das Spiel besteht, fügen sich zu einem gelungenen Ganzen zusammen.

Obwohl: Wenn ich noch einmal darüber nachdenke, hätte ich mir mehr Begegnungen mit Monstern gewünscht. Die Werwölfe wirken sogar beinahe wie ein Nachgedanke, da sie in der Hintergrundgeschichte des Ordens zwar ein wichtiger Faktor sind, im Spiel selbst aber kaum eine Rolle spielen. Vielleicht hätte man als Einstieg eine andere Geschichte um die Gralsritter erzählen und sich das Kapitel 1886 für eine Fortsetzung aufheben sollen. Aber genug gemeckert. Ich bin der Meinung, dass jeder PS4-Besitzer sich das Spiel unbedingt einmal anschauen sollte - und sei es bloß, um einmal eindrucksvoll zu sehen, zu welchen technischen Leistungen Sonys schwarze Kiste imstande ist.

Henry Ernst: Nachdem ich mir den gequirlten Internetblödsinn zum Thema The Order: 1886 durchgelesen habe, zäume ich das Pferd mal von hinten auf und sage euch zuerst, was The Order: 1886 nicht geworden ist: Es ist nicht Call of Werewolf: Victorian Warfare, es ist auch nicht Gears of Gothic: Save the Queen. Wer also eine Hochgeschwindigkeitsballerei mit Schnittstakkato, Bullet-Time-Inferno und einstürzenden Wolkenkratzern erwartet, ist bei The Order: 1886 an der falschen Adresse!

Denn anstatt euch hektisch durch die Gegend zu jagen, legt The Order 1886 ein eher behäbiges Tempo vor. Das gilt für die Hintergrundgeschichte, die sich irgendwo zwischen Alan Moore und Jules Verne einpendelt, ebenso, wie für das eigentliche Spiel. Die Deckungs-Shooter-Mechanik funktioniert sehr gut, die Kämpfe mit den Monstern, Rebellen und Verrückten machen Spaß, auch wenn ich mir bei den Waffen ein wenig mehr »Punch« gewünscht hätte. Die anderen Genre-Standards (Rennen, an Vorsprüngen hangeln etc.) sind ebenfalls tadellos umgesetzt.

Leider gibt es trotz der herausragenden Optik, der tollen Atmosphäre und der guten Mechanik einige Dinge, die mir nicht so gut gefallen. Das Spiel zieht euch am Nasenring durch wunderschöne Level - alternative Wege, kleinere Rätsel oder Möglichkeiten, das imposante Alternativ-London selbst zu erkunden, gibt es so gut wie nicht. Das ist schade und hätte zumindest für ein wenig Wiederspielwert gesorgt, ähnliches gilt für einen Koop-Modus, den ich bei The Order: 1886 schmerzlich vermisst habe.

Unterm Strich ist The Order ein gelungener Shooter mit starker Atmosphäre, vielen Zwischensequenzen und hervorragender Optik, der mich nach knapp acht Stunden Spielzeit mit einem intensiven Hunger nach »mehr« zurückgelassen hat. Für diejenigen unter euch, die ungern längere Texte lesen: Henry findet's gut!

Heiko Klinge: The Order ist für mich wie eine Achterbahn: In den ruhigen Passagen lehne ich mich zurück und genieße die fantastische Aussicht. Sobald es abgeht, pumpt das Adrenalin, und ich erfreue mich am Spektakel. Als Achterbahnbauer haben Ready At Dawn tatsächlich einen nahezu perfekten Job hingezaubert: Action und Entspannung wechseln sich genau im richtigen Rhythmus ab, die Schauwerte suchen im Konsolensegment ihresgleichen, während der Baller-Loopings geht ordnungsgemäß die Post ab. Und am Ende war ich froh, mir diesen Ritt gegönnt zu haben.

Aber ich werde an The Order eben auch »nur« als fantastische Achterbahn zurückdenken, an ein fantastisches Spiel (!) habe ich höhere Anforderungen, vor allem angesichts des wirklich großartigen Szenarios. Ich persönlich erwarte von meinem Lieblingsmedium schlichtweg mehr, als mich auf Schienen durch zwar wunderschöne, aber letzten Endes doch leblose Kulissen zu führen.

Teslas Labor ist für mich Sinnbild dieses Dilemma: Wie gern hätte ich Infos zu all den faszinierenden Apparaten aufgesogen oder - noch besser - mit dem genialen Wissenschaftler darüber geplaudert. Wie sehr hätte mich ein verstecktes Geheimlabor motiviert, in dem man zum Beispiel seine Waffen modifizieren kann, und sei es nur optisch. Stattdessen klappere ich lediglich ein paar markierte Hotspots ab, um die nächste Zwischensequenz freizuschalten.

Nicht falsch verstehen: Kein PS4-Besitzer sollte sich diesen technischen Triumpfzug entgehen lassen. Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass wir The Order auch als einen spielerischen Meilenstein dieser Konsolengeneration in Erinnerung behalten werden.

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