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SPECIAL

Call of Duty: Modern Warfare 2 - Kommentar

Modern Warfare 2 killt die Spielkultur

Die GamePro- und GameStar-Chefredakteure Markus Schwerdtel und Michael Trier zur Kontroverse um die Terrormission in Modern Warfare 2

Von Markus Schwerdtel, Michael Trier

GamePro-Chefredakteur Markus Schwerdtel
GamePro-Chefredakteur Markus Schwerdtel
Wenn gestandene Spielejournalisten bei einer Shooter-Szene weiche Knie und einen flauen Magen bekommen, muss das Spiel etwas ganz Besonderes sein. Besonders gut zum Beispiel. Oder besonders brutal.

In diesem Fall geht es um die so genannte Flughafen-Szene von Call of Duty: Modern Warfare 2 (zum Test für Xbox 360 und PlayStation 3), die schon seit einiger Zeit durch das Internet geistert. Wir haben bisher dazu nicht Stellung genommen, weil wir das Spiel bis heute nicht selbst gespielt hatten und unser Urteil nicht von möglicherweise aus dem Zusammenhang gerissenen Video-Schnipseln abhängig machen wollten. Das überlassen wir auch weiterhin »Frontal 21«, »Hart aber Fair« und ähnlichen Politmagazinen.

»Killerspiel«-Debatte einfach gemacht

Modern Warfare 2: Szene aus der umstrittenen Flughafen-Mission
Modern Warfare 2: Szene aus der umstrittenen Flughafen-Mission
Schade nur, dass die Spielegegner es in Zukunft gar nicht mehr nötig haben werden, Tatsachen zu verdrehen, Bilder sinnentstellend aneinander zu schneiden oder angebliche Gräueltaten hinter von düsteren Kommentaren begleitete Schwarzblenden zu verstecken. Denn die Munition für Ihre Attacken bekommen Gewaltspiel-Kritiker ironischerweise nun vom Actionspiel-Spezialisten Activision Blizzard frei Haus und mit Geschenkband geliefert.

» Video: Flughafen-Szene in Modern Warfare 2 - Deutsche Version
» Video: Flughafen-Szene in Modern Warfare 2 - Internationale Version

Doch worum geht es eigentlich? Um diese Szene des offiziell am 10.11.2009 in Deutschland erscheinenden Shooters für Erwachsene, Modern Warfare 2. Einer der Protagonisten des Spiels, in dessen Rolle Sie schlüpfen, wurde undercover in eine russische Terrorgruppe eingeschleust. Auf einem der Einsätze mit den radikalen »Kameraden« richtet die Gruppe auf einem Flughafen ein Blutbad unter Zivilisten an, schießt auf wehrlose Passagiere, streckt panisch schreiende Verwundete final nieder -- ein Massaker. Man muss diese Szene nicht spielen, sie lässt sich überspringen. Aber wer lässt sich schon freiwillig einen ganzen Abschnitt eines ohnehin sehr kurzen und teuren Stücks digitale Unterhaltung entgehen? Und vor allem: warum wurde sie dann überhaupt programmiert, welchen Zweck erfüllt die Terror-Horror-Sequenz?

Gewalt, Lügen und Videospiel

GameStar-Chefredakteur Michael Trier
GameStar-Chefredakteur Michael Trier
Für den Publisher Activision Blizzard und den Entwickler Infinity Ward ist die Sache klar: Man wolle die Abscheulichkeiten des Terrorismus zeigen und es dem Spieler ermöglichen, sich in die Gedankenwelt der Verbrecher zu versetzen. Wenn das tatsächlich das Ziel der Entwickler war, haben sie hier bemerkenswert schlechte Arbeit geleistet. Denn von der Gedankenwelt der Terorristen erfahren wir in dieser Szene soviel wie vom Kuchenbacken, nämlich nichts. Hätte man tatsächlich ein Empfinden für das Leid der Opfern solcher Verbrechen schaffen, also Empathie erzeugen wollen, wäre die Perspektive eines der Opfer die richtige gewesen, nicht die reaktionslose Beobachter- oder sogar Mittäterrolle. Zwar bricht das Spiel in der deutschen Fassung mit einem »Game over« ab, sobald Sie selbst das Feuer auf die wehrlosen Menschen eröffnen (auf Polizisten, die die Passagiere verteidigen, kann übrigens weiter geschossen werden). Diese Änderung gegenüber dem US-Original geschah aber nicht aus ethischen Überlegungen, sondern weil der deutsche Markt es so verlangt. In der internationalen Version können Sie ohne jede Sanktion auf die umstehende Menge feuern.

» Kommentar-Video der GameStar-Redaktion anschauen

Das sind genau die Szenen, die wir bald bei jeder Diskussion um die sogenannten »Killerspiele« zu sehen bekommen werden. Und wir werden nicht mehr dagegen sagen können: »Halt, das stimmt so nicht!« Denn es ist wahr.

Rücksichtslos ohne Kompromisse

Modern Warfare 2: Blutbad am Flughafen (int. Version)
Modern Warfare 2: Blutbad am Flughafen (int. Version)
Viele Spiele verfolgen ähnliche Ziele und zeigen ebenfalls gewalttätige Szenen. Und doch geht uns das russische Flughafen-Attentat besonders nah. Das liegt vor allem am kompromisslosen Ernst der Umsetzung. Hier gibt es keine übertriebenen Physik-Effekte wie in GTA 4, keine trockenen Sprüche wie in Borderlands, keinen ironischen Unterton wie in Fallout 3. In der Flughafen-Szene gibt es nur rücksichtslose Gewalt zur Durchsetzung ideologischer Ziele (nämlich die der Terroristen).

Die angeblich angestrebte Empathie bleibt dabei komplett aus: Das Blutbad läuft vergleichsweise steril ab, die Opfer bleiben seltsam gesichtslos, es gibt keine Kinder unter den Passagieren. Es ist ganz einfach, bei diesen lässigen Kerlen mitzumachen und eben auch den Abzug zu drücken. Modern Warfare 2 setzt die Hemmschwelle so weit wie möglich herunter, ordnet zugleich aber die Tat in keiner Weise ein. Es fehlt eine emotionale Reaktion des Spielcharakters, alle Reflektion liegt bei der Person vor dem Bildschirm.

Kalkulierter Tabu-Bruch

So nachvollziehbar die »wir zeigen euch das wahre Gesicht des Terrors«-Absicht sein mag, für uns ist sie nur ein Vorwand. Die Flughafen-Sequenz ist eine kalkulierte Provokation -- ein PR-Gag, wenn man so will. Spielerischen Nährwert hat sie ohnehin nicht.

Was bleibt ist Ärger. Ärger darüber, dass es den Entwickler Infinity Ward offenbar an jeglichem Feingefühl fehlt. Ärger darüber, dass selbst Gamedesign-Profis glauben, auf solche Holzhammer-Methoden zurückgreifen zu müssen, um beim Spieler Emotionen zu erzeugen. Ärger darüber, dass man den fast schon beruhigten »Killerspiel«-Gegnern ohne Not neue Munition liefert. Und vor allem Ärger, weil ein spielerisch so hochqualitativer Titel wie Modern Warfare 2 solchen Müll eigentlich gar nicht nötig hat.

Markus Schwerdtel, Chefredakteur GamePro
Michael Trier, Chefredakteur GameStar

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Leserkommentare (125)  Anmelden & Kommentar schreiben
03.12.2009,
20:01 Uhr
Andariel89 sagt:
Dieser Artikel wurde in einem Gefühl des Geistesblitzes verfasst, etwaige Fehler sind entweder gewollt oder ungewollt, der Finder darf sie aber behalten. Also als erstes muss ich sagen das mich diese Diskussion über die moralischen Bedenken über das töten von Zivilisten ziemlich wütend macht. Wenn man sich schon Gedanken darüber macht wie man welche Tötungshandlung, wie moralisch und Ethisch bewertet. Da muss man schon bei dem Genre an sich anfangen. In wieweit ist es unbedenklich wenn man in d
27.11.2009,
00:41 Uhr
BertBarth sagt:
Spoiler zur Mission!!! Wobei er durch's Gehorchen ja letztendlich auch gestorben ist. Schon Scheiße wenn der eigene Vorgesetzte... naja, ihr wisst schon. :aua:
26.11.2009,
22:26 Uhr
gkiene sagt:
Ich habs noch nicht gespielt, aber generell ist sowas sicherlich logisch. Wenn du wüsstest, bei wie vielen Attentaten ein Geheimagent mit dabei ist und selbst mitmacht, wärst du und wahrscheinlich wir alle, sehr geschockt. Da gehts einfach wirklich nur darum, dass man damit die eigenen Leute weiter reinschleußen soll um dann wirklich das Übel an der Wurzel packen zu können. btw, wenn du so nen Job selber hast, dann darfst du sowieso nicht denken, sondern dann musst du gehorchen, denn sonst bist
26.11.2009,
16:41 Uhr
madjonfan sagt:
Ich vermute, es liegt daran dass du bei GTA einfach die Wahl hast, was du tust. Die einzige Wahl bei MW besteht in zocken ja nein, schiess ich auf die Leute ja/nein. Aber du bist ein Teil der Attentäter, und das Spiel zwingt dich in deine Rolle.
26.11.2009,
16:28 Uhr
hutzelmann sagt:
ja klar ist die atombombe schlimmer! mir gehts doch nicht um die moral von der g`schicht:D mich stört es doch nur das es einfach so unlogisch ist, ich hab kein problem mit dem massaker von polygonen, es müßte einfach passender inszeniert sein! das man die mission nicht spielen MUß bestärkt mich auch in dem glauben das es einfach ne nachträglich eingeführte effekthascherei ist!:motz:
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