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Seite 2: Infinite Warfare - Rebellion der Maschinen: Wie Call of Duty mit unseren Zukunftsängsten spielt

Die andere Seite: Ethan

Der Enhanced Tactical Humanoid 3rd Revision (ETH.3n), oder kurz Ethan, weicht uns ab Beginn des Krieges nicht mehr von der Seite. Er ist loyal, stark, empathisch und bildet damit das positive Gegenstück zu all den Robotern, denen wir uns sonst auf den Schlachtfeldern stellen müssen. Gleichzeitig ist er einzigartig: Sein Modell, das auf einem Standard-Kampfroboter basiert, wurde um eine Kamera mit freundlich runder Linse ergänzt, die die Kommunikation mit Menschen erleichtert und einfache Grundemotionen wie Trauer und Aufregung durch Bewegungen nachstellen kann. Es gibt kein identisches Duplikat von ihm - und vielleicht macht es uns neben seinen Fähigkeiten zum Mitgefühl ausgerechnet diese abstrakte Individualität leichter, ihn als Freund und nicht nur als austauschbare Drohne zu sehen.

Hi, Ethan! Hi, Ethan!

Die unvermittelten Angriffe der ehemaligen Arbeitsroboter gehen allerdings nicht spurlos an Ethan vorbei: Während er selbst problemlos und logisch die Vorfälle von seiner Person trennen kann, gelingt anderen menschlichen Soldaten diese Abstraktion nicht so einfach. Sie begegnen ihm mit Misstrauen, mobben und diskriminieren ihn, obwohl er selbst nichts mit den Übergriffen zu tun hat - streng genommen nicht einmal das gleiche Robotermodell ist. Wir erkennen in diesen Szenen sofort, dass die verbalen Angreifer im Unrecht sind und neben dem irritierten Roboter wie beleidigte, aggressive Kinder wirken. Der Mensch als unvollkommenes, emotionales Wesen mit unbegründeten aber in der Gruppe ausgelebten Vorurteilen, deren irrationale Ängste jegliches Nachdenken verhindern: Es ist ein Spiegel, der uns hier zaghaft, aber doch unübersehbar vorgehalten wird.

Es wird Zeit und unseren ständigen Schutz bedürfen, bis Ethan als vollwertiges Mitglied in die Menschen-Truppe aufgenommen wird. Doch die Integration wird schließlich gelingen und zeigt, wie eine Zukunft an der Seite von Robotern eben auch aussehen könnte: Zusammenarbeit in gegenseitigem Respekt und in tiefer Freundschaft verbunden.

Der Roboter im Einsatz: Moderne Technik, antike Hülle

Der Blick auf den Multiplayer von Call of Duty: Infinite Warfare, in dem wir als eine von sechs Klassen als Kampfroboter spielen können, ermöglicht es uns, eine ganz grundlegende Frage nachzuholen, die ich bisher zugunsten anderer Aspekte ausgeklammert habe: Wieso sehen die Roboter eigentlich so aus, wie sie aussehen - von Ethans Kamera-Kopf einmal abgesehen? Denn das Design der mechanisierten Soldaten unterliegt ebenso wenig dem Zufall wie alle anderen Aspekte des Spiels, sondern stellt das Ergebnis einer langen Kette an Entscheidungen dar. Auf welcher Basis wurden die aber getroffen?

Call of Duty: Infinite Warfare: Der Synaptic Call of Duty: Infinite Warfare: Der Synaptic

Die Antwort auf diese Frage führt uns einige tausende Jahre in die Vergangenheit, denn das moderne Design dieser Roboter geht auf eine gleichsam alte wie simple Bildsprache zurück, die der »Synaptic«-Roboter im Multiplayer zitiert.

Der Spielstil des Synaptic ist vor allem an eine Eigenschaft angelegt: Geschwindigkeit. Soldaten dieser Klasse sind die schnellsten Einheiten auf den Multiplayer-Schlachtfeldern und erhöhen ihre Kampfgeschwindigkeit sogar noch, sobald sie ihre ultimative Fähigkeit einsetzen.

Um diese Eigenschaft, das Geschwindigkeitspotenzial und die Kraft, auf den ersten Blick klar zu machen, bedienen sich die Entwickler einem Jahrtausende alten Kniff der Bildsprache: Sie gestalten die Oberschenkel des Synaptic breiter als nötig und betonen sie dadurch. Den gleichen Trick wandten bereits antike, griechische Künstler an, um mit ihren Bildern diese Attribute unmittelbar klar zu machen. Um irritierten Kommentaren zuvorzukommen: Hermes, der geschwinde Götterbote, hat indes keine zentimeterdicken Oberschenkel, denn seine Schnelligkeit speist sich aus seinen göttlichen Schuhen - nicht aus seiner eigenen, körperlichen Kraft.

Boxer im Faustkampf: Starke Oberschenkel als antrainierte Eigenschaft und Bildformel gleichermaßen. Boxer im Faustkampf: Starke Oberschenkel als antrainierte Eigenschaft und Bildformel gleichermaßen.

Selbst, wenn wir diesen kulturhistorischen Hintergrund der Bildsprache nicht kennen, so funktioniert sie doch und wir verstehen sie - nicht zuletzt, weil sie aus der Realität abgeleitet ist.

Doch die Parallelen in die Bildgeschichte hören hier noch nicht auf. Auch der Körperbau des Synaptic stützt sich auf einen sehr alten Chiffre: Die dreieckige Form des Oberkörpers ist eine direkte Wiederholung des Symbols für das männliche Geschlecht und gleichsam für Aggressivität und Angriffslust - ebenfalls etwas, was wir bereits in den Bildern der griechischen Antike vielfach beobachten können.

Synaptic ist ein schneller, kräftiger und aggressiver Kämpfer, das sehen wir auf den ersten Blick mit Hilfe von so nachvollziehbaren Bildformeln, dass wir diese bewusst gar nicht kennen müssen, um sie verstehen können - und genau das zeichnet gutes Character Design aus.

Eine große Zeremonie: Männliche Teilnehmer sind an der Dreiecksform erkennbar. Eine große Zeremonie: Männliche Teilnehmer sind an der Dreiecksform erkennbar.

Call of Duty: Infinite Warfare ist in Gänze vielleicht kein glaubwürdiger Entwurf einer Zukunft, in der wir irgendwann leben werden, in der Bösewichte ihre Kampffloskeln noch immer auf Latein murmeln, mit russischem Akzent sprechen und sich alles ein wenig nach von außen bedrohter amerikanischer Wertegemeinschaft anfühlt. Doch im Detail, auf den Schlachtfeldern des Spiels, finden wir an vielleicht unvermuteten Stellen mögliche Antworten auf Fragen, die wir uns heute schon stellen: Entwürfe, die unser Zusammenleben mit Robotern in der Zukunft ein erstes Gesicht geben und die wir als gelungen oder misslungen empfinden, nicht aber völlig übersehen können.

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