Final Fantasy 15 - Was Noctis & Co. von Final Fantasy 12 gelernt haben

Weg mit den alten Fesseln! Final Fantasy 15 entledigt sich von vielen Altlasten der Reihe – dabei hat das Final Fantasy 12 schon vor 10 Jahren gemacht.

von Hannes Rossow,
02.12.2016 17:45 Uhr

Final Fantasy 15 - Weite Ebenen sind nicht neu für die ReiheFinal Fantasy 15 - Weite Ebenen sind nicht neu für die Reihe

Wir haben zwar einige Zeit warten müssen, nun ist Final Fantasy 15 aber endlich da und wir können wieder Chocobos reiten, Eisengiganten erlegen und Pommes von der Tankstelle holen, bevor wir für 30 Gil im Wohnwagen übernachten. Manches davon ist vertraut, manches nicht. Fast überall wird das JRPG für die offene Spielwelt und das Echtzeit-Kampfsystem gelobt, mit denen die Final Fantasy-Reihe neuen Boden betritt und seine Grenzen erweitert.

Neue Lehren aus alten Spielen

Endlich können wir weitläufige Ebenen erkunden, müssen nicht mehr in Kampfbildschirme wechseln, um den Eis-Pudding zu verdreschen und können fast überall ertragreiche Nebenmissionen annehmen. Der Open World-Ansatz sorgt für einen überraschenden Flow und die Tage fliegen nur so dahin, während ich die Landschaften nach Items absuche und meine Jagdaufträge abarbeite. Diese Herangehensweise mag vielleicht die Zukunft der Reihe sein, aber neu ist sie für das Final Fantasy-Franchise definitiv nicht.

Final Fantasy 12: The Zodiac Age - Ankündigungstrailer zur PS4-Remaster-Version 2:04 Final Fantasy 12: The Zodiac Age - Ankündigungstrailer zur PS4-Remaster-Version

Abgesehen von den beiden Online-Varianten, die sich ja zwangsläufig auf diese Form des Gameplays zurückziehen müssen, brauchen wir nur einen Blick auf den Ableger der Seriengeschichte werfen, der wohl am meisten unterschätzt wurde: Final Fantasy 12. Wo sich viele Fans der Reihe freuen, dass sich Final Fantasy 15 vom ungeliebten 13. Teil distanziert und das lineare Gameplay zumindest in der ersten Hälfte durch spielerische Freiheit ersetzt, schleicht sich ein anderes "schwarzes Schaf" in die Riege der Vorbilder.

Als Final Fantasy 12 vor 10 Jahren erschien, beschwerten sich viele Spieler über das MMO-Feeling, das angeblich nicht zur Reihe passen würde. Konsolen-RPGs mit Open World-Ansatz waren damals noch nicht wirklich verbreitet und der Sprung vom eher klassischen Final Fantasy 10 war vielleicht etwas zu groß und kam zu früh. Lasst euch an dieser Stelle einen heißen Tipp geben: Habt ein Auge auf Final Fantasy 12: The Zodiac Age, die erweiterte HD-Variante des Klassikers, die im nächsten Jahr für die PS4 erscheint.

Alles kommt wieder in Mode

Schon auf der PlayStation 2 durften wir mit Vaan, Basch, Balthier und Co. durch die verschiedenen Ebenen von Ivalice wandern und kämpften gegen unsere Gegner an Ort und Stelle. Vielleicht habt ihr das etwas unübersichtliche Gambit-System nicht in bester Erinnerung, aber auch hier wurden viele Standard-Fertigkeiten automatisiert, wie es auch bei Final Fantasy 15 nun nicht viel anders ist. Schließlich läuft es bei Noctis auch auf das Gedrückthalten der Kreis-Taste hinaus, um unentwegt angreifen zu können.

In Final Fantasy 15 geht es ohne großes Warten (und Taktieren) direkt zur Sache.In Final Fantasy 15 geht es ohne großes Warten (und Taktieren) direkt zur Sache.

Und wenn wir ehrlich sind, dann scheint das System mit den Jagdaufträgen, die wir in Final Fantasy 15 jederzeit annehmen und erledigen können, direkt aus dem 12. Teil entnommen. Auch hier geht es um besonders schwere Gegnergruppen oder einzelne Mini-Bosse, die teilweise nur zu bestimmten Tageszeiten auftauchen. Sogar die Plakate, die auf die Aufträge hinweisen, scheinen vom selben NPC gedruckt worden zu sein.

Bei aller Liebe zu Final Fantasy 12 sollte aber auch erwähnt werden, dass Final Fantasy 15 nicht nur die guten Seiten dieser Mechaniken übernommen hat. Denn die Welt von Eos leidet teilweise unter denselben Problemen wie unsere Abenteuer auf der PS2. Die verschiedenen Ortschaften und Tankstellen, inklusive der recht generischen NPCs, verkommen in Final Fantasy 15 zu bloßen Questhubs, die kaum Charakter besitzen oder auch nur im Ansatz Lebendigkeit ausstrahlen.

Schon auf der PS2 wurde nicht lange gefackelt.Schon auf der PS2 wurde nicht lange gefackelt.

Zudem müssen die Charakter-Entwicklung und Hauptstory in den Hintergrund rücken, da wir schlicht zu viel Zeit mit optionalen Inhalten verbringen und der Dramaturgie gar keine Chance gegeben wird. Und ja, die meisten der unzähligen Nebenmissionen sind sowohl in Final Fantasy 12 als auch in Final Fantasy 15 eher banal. Selten sind wir als echte Helfer unterwegs. Meistens tun wir austauschbaren Figuren einen Gefallen und erledigen ihre nervige Fließbandarbeit.

Verspätete Rehabilitation

Abgesehen davon, dass ich ein treuer Verfechter von Final Fantasy 12 bin und seit einem Jahrzehnt versuche, eine Lanze für das Spiel zu brechen, bewundere ich den Mut von Director Hajime Tabata an dieser Stelle nach Inspirationen zu suchen. In den letzten Jahren drehte sich die Diskussion um die Final Fantasy-Reihe fast ausschließlich um den unvermeidlichen Untergang der Marke, der durch Ableger befeuert wurde, die nicht mehr der Tradition der Reihe entsprachen.

Nun aber bewusst die Distanz zu Final Fantasy 13 zu wahren, während sich das Kerngameplay am ebenso unbeliebten Final Fantasy 12 orientiert, erfordert einen nüchternen Blick auf die beiden Vorgänger, der trotz gigantischer Erwartungen nicht durch die lauthals geäußerten Forderungen der Fans getrübt werden darf. Ich hoffe sehr, dass Final Fantasy 15 nun den Grundgedanken für die Reihe etabliert hat und wir vielleicht in Teil 16 endlich Echtzeit-Kämpfe, wunderschöne Spielwelten, einfallsreiche Charaktere und eine gefühlvolle Geschichte erleben können.

Alles auf einmal, das wäre doch was.


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