Final Fantasy 15 - Wie ich die verhassten Helden lieben lernte

Es ist schwer, Final Fantasy 15 gänzlich zu genießen, ohne sich auf Noctis und seine Gefolgschaft einzulassen. Doch im Laufe des charmanten Road Trips öffnete irgendwann auch Linda ihr Herz für das royale Quartett.

von Linda Sprenger,
09.12.2016 17:00 Uhr

Final Fantasy 15 schickt uns auf eine ganz besondere Reise.Final Fantasy 15 schickt uns auf eine ganz besondere Reise.

Mit einer lieb gemeinten Bissigkeit, wie sie nur enge Freunde kennen, schieben Prinz Noctis und seine Gefährten ihren liegengebliebenen Regalia in der Einführungssequenz über den Asphalt und ich rollte mit den Augen. Bereits die ersten Minuten von Final Fantasy 15 bestätigten mir genau das, was ich seit der Enthüllung der Hauptcharaktere befürchtet hatte: Noctis, Ignis, Gladiolus und Prompto sind ein schon zu Beginn des Abenteuers eingespieltes Team. Jegliches Interesse, seine einzelnen Mitglieder überhaupt richtig kennenlernen zu wollen, war ab diesem Moment verflogen. Das JRPG verschmäht all das, was ich an meinem liebsten Serienableger, Final Fantasy 9, so schätze und stieß mir damit gewaltig vor den Kopf.

Final Fantasy 15
Genre: Rollenspiel
Release: 29.11.2016

Aus bunt mach schwarz

Zidane, Vivi, Garnet, Steiner, Freya, Eiko, Mahagon, Quina - Jede einzelne Figur stammt aus einem anderen Teil der Spielwelt, hat eigene Ansichten, Werte und Ziele: Garnet ist eine Prinzessin, die ihr Schloss lieber auf eigene Faust verlässt, um ihrer diabolischen Mutter den Rücken zu kehren; Freya ist eine Rattendame, die sich auf der Suche nach ihrem geliebten Ehemann zunehmend in ihrer eigenen Vergangenheit verliert; Vivi wiederum ist ein von Selbstzweifeln geplagter Schwarzmagier, der nach dem Ursprung seiner Existenz forscht. Die Heldenreise der Charaktere von Final Fantasy 9 faszinierte mich seinerzeit, eben weil ich erleben durfte, wie sie trotz verschiedener Hintergründe im Laufe der Geschichte immer näher zusammenwachsen, um am Ende Großes zu vollbringen.

Linda Sprenger (@lindalomaniac):

Als Linda vor 15 Jahren das erste Mal Final Fantasy 9 über den Röhrenfernsehers ihres Cousins flimmern sah, war es um sie geschehen. Bis dahin kannte sie sie nämlich nur die 8-Bit-Auflösung ihres Game Boy Colors und war von den vorgerenderten Hintergründen und damals schon aufwendigen Zwischensequenzen des PS1-Spiels schlichtweg überwältigt. Bis heute gehört die Final Fantasy-Reihe zu ihren liebsten Spiele-Franchises überhaupt. Neben Teil 9 zählen Final Fantasy 6 und 10 zu ihren Favoriten

Final Fantasy 15 hingegen verzichtet auf ein so buntes Figuren-Ensemble. Charakterliche Feinheiten mögen sich zwar in der zweiten linearen Spielhälfte sowie im dazugehörigen Anime (Brotherhood: Final Fantasy 15) offenbaren, in den ersten Kapiteln der Hauptgeschichte erscheinen Noctis und seine Entourage aber vergleichsweise monoton: Sie alle stammen aus der königlichen Hauptstadt Insomnia, ihre Absichten sind gleich, ihr Umgang ist harmonisch. Noctis ist der zu beschützende Prinz, Ignis, Gladiolus und Prompto seine Berater, Leibwächter und Wegweiser. Während die Geschichte von Final Fantasy 9 durch eine ungleiche Gruppe erst die richtige Würze erhält und mich genau deshalb in ihren Bann zog, schläferten mich die vier schwarz gekleideten Protagonisten von Final Fantasy 15 mit ihrer Einheitlichkeit geradezu ein.

Zwischen Routine und Road Trip-Romantik

Wie ein Neuling in einer WG, die gemeinsam schon eine Menge verrücktes Zeug erlebt hat, purzelte ich mitten in das königliche Quartett und musste nun wohl oder übel lernen, mich damit abzufinden. Und wie im echten Leben auch gewöhnte ich mich irgendwann an meine Mitstreiter. Der ausschlaggebende Grund war aber nicht alleine nur die pure Menge an Zeit, die ich mit ihnen verbrachte, sondern die eigentümliche und zuweilen unfreiwillig komische Dynamik des Road Trips in der ersten Spielhälfte selbst.

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Denn wie das Yang von Final Fantasy 13 öffnet Teil 15 bereits schon am Anfang die Pforten des ersten Abschnittes einer gigantischen offenen Spielwelt und lockt mit dem Gefühl von ungeheurer Freiheit. Ich ließ die vier von Tankstelle zu Tankstelle huschen und drückte gleichzeitig auf die Bremse: Ich ging es gemächlich an, knabberte Pommes im Diner, nahm einen Jagdauftrag an, zeltete mal im Freien, mal im Motel. Bevor ich mich überhaupt in die zweite, erzählerisch fokussierte Spielhälfte wagte, verbrachte ich die ersten 20 Spielstunden auf den Straßen des Königreichs Lucis. Anstatt der bis dahin seichten Handlung zu folgen, ließ ich mich vom Abenteuerdrang berauschen.

Schwarz heißt unbekümmert

Bereits nach wenigen Stunden entwickelte ich einen festen Tagesrhythmus, der mich nach jedem Sonnenuntergang ein Stückchen näher mit der Truppe vertraut machte: Noctis hasst Bohnen, Gladiolus mag Fertignudeln, Ignis schwärmt für Ebony-Kaffee und Prompto für Cindy. Sie feixen, necken sich, ziehen sich auf - und irgendwann lachte ich mit. Ja, ich lernte die Helden kennen und wuchs in die Freundesgruppe hinein, aber nicht auf die Weise, wie ich es anfangs noch von einem Final Fantasy-Spiel erwartet hatte.

Nach etlichen Tagen im Reise-Trott sehnte ich mich irgendwann gar nicht mehr nach tiefgreifenden Momenten zwischen den Figuren, sondern genoss die Zeit wie einen echten Ausflug ins Blaue. Die oberflächliche Charakterzeichnung und die kumpelhafte Beziehung zwischen ihnen trugen ihren Teil zum unbeschwerten Road Trip-Feeling bei.

Ebenso Promptos Foto-Talen: Vielleicht war es das zweite, vielleicht das dritte Bild, das mich das erste mal breit grinsen ließ. Nicht etwa, weil es mich an eine besonders nette Situation zwischen den Hauptfiguren in der Story erinnerte, sondern weil es Noctis zeigte, der unter seiner Achsel hindurch in die Linse schielt, während Ignis anmutig wie eh und je für die Kamera posiert.

Noctis, elegant wie immerNoctis, elegant wie immer

Neben der eigentlichen Idee, dass Prompto seinen Gefährten überhaupt Bilder von den Erlebnissen des Tages präsentiert, versprüht die zuweilen unfreiwillige Komik darin zusätzlichen Charme. Der Ausflug mit der Vierergruppe machte Spaß, nicht nur spielerisch sondern auch auf der Meta-Ebene.

Noctis, Ignis, Gladiolus und Prompto bleiben in Erinnerung, egal ob sie ulkig für ein Foto posieren oder ich den gleichen flotten Spruch wieder und wieder höre:

""Kann sein, dass ich dich das schonmal gefragt habe, aber: schmeckt Ebony-Kaffee eigentlich wirklich so gut?""

Die Antwort kenne ich in und auswendig, genauso wie jede kleine unbedeutende Macke der vier Freunde.

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Neuer Ansatz und trotzdem glücklich

Final Fantasy 15 verkleinert seinen erzählerischen Kosmos mit einem Road Trip durch eine riesige offene Spielwelt und hätte mich damit beinahe enttäuscht am Wegesrand zurückgelassen. Aber genau da liegt auch die große Stärke des Spiels, das sich in den letzten, linearen Kapiteln immer mehr in seine schwammige Geschichte verstrickt. Wie auch Final Fantasy 9 hat auch der aktuellste Ableger der Reihe seinen eigenen Charme. Und der besteht aus der sonderbaren Mischung aus Reisen, Zelten, Jagen und dem unbekümmerten Beisammensein von Noctis, Ignis, Gladiolus und Prompto.


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