Free2Play-Frechheit Dungeon Keeper - Verdorbene Jugend

Mit der Free2Play-Neuauflage von Dungeon Keeper für iOS setzt sich Electronic Arts in die Nesseln. Markus Schwerdtel erklärt in seiner Kolumne, was uns am Remake ärgert.

von Markus Schwerdtel,
06.02.2014 13:09 Uhr

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Wer wie ich eine lange Spielerkarriere hinter sich hat, denkt gern an Meilensteine und Höhepunkte zurück. Die selbst gemalten Kästchenkarten für Bard's Tale, das erste Mal Quake auf einer 3Dfx-Grafikkarte, der gemeinsame Raid mit der Gilde in Dark Age of Camelot - das sind warme Erinnerungen an eine glückliche, unschuldige Zeit. Zu diesen Meilensteinen so einer Spielerbiografie gehört bei vielen auch Dungeon Keeper.

Der Wechsel auf die dunkle Seite war damals einzigartig (mehr in unserer GameStar-Hall of Fame: Dungeon Keeper), Schadenfreude ein in Spielen fast unbekanntes Gefühl. Diesen Nostalgiebonus möchte EA Mythic (genau, Mythic, die einst für das tolle Dark Age of Camelot verantwortlich waren) mit der Neuauflage des Strategiespiels für Smartphones und Tablets nutzen. Und tatsächlich ist das neue Dungeon Keeper in aller Munde - wenn auch sicher anders, als von EA geplant.

Dungeon Keeper
Genre: Strategie
Release: 30.01.2014

Zahlen fürs Graben

Markus Schwerdtel

Aus dem einstigen Echtzeit-Strategiespiel Dungeon Keeper ist nun ein Free2Play-Aufbauspiel im Stil eines Clash of Clans geworden. Das allein ist für viele Veteranen ein Grund, einen großen Bogen drum zu machen. Ich sehe das dagegen erst mal nicht so eng. Für manche Genres ist Free2Play ganz gut geeignet, gerade bei Aufbauspielen gibt es genug Beispiele für eine gelungene Umsetzung des stückweisen Bezahlsystems. Und Dungeon Keeper mit seinem Wechsel aus Aufbau und Kampf hätte damit gut funktionieren können.

Hätte, hätte, Kerkerkette! Der erste Fehler von EA Mythic ist ein handwerklicher: Wer seinen Spielern gleich nach dem Tutorial zum ersten Mal Geld fürs Blöcke Abbauen abknöpfen will, hat das System Free2Play schlichtweg nicht verstanden. Das basiert nämlich auf einer feinen Balance zwischen Gratis-Spielzeit und dosiert eingesetzten Bezahlaufforderungen.

Dass dieses Konzept den Todesstoß für traditionelles Gamedesign bedeutet, mag wohl sein. Auch das Vokabular der Free2Play-Macher mit Begriffen wie Monetarisierung, Average Revenue per User usw. erzeugt bei »traditionellen« Spielern Schaudern. Aber vernünftig umgesetzt kann so ein Titel - für eine dazu passende Zielgruppe - durchaus funktionieren - Clash of Clans mit seinen täglichen Millionenumsätzen ist das beste Beispiel dafür.

Electronic Arts hätte also bloß Supercells Superhit in Sachen Monetarisierung kopieren müssen, um zumindest die Abzock-Empörung einigermaßen abzufedern. Schließlich gibt es unzählige Spiele, die den so genannten Sweet Spot gefunden haben, der Spieler glücklich und Entwickler reich macht. Stattdessen hat offenbar die Gier über Zeitpunkt und Höhe der In-App-Käufe entschieden und sämtliche Vernunft deaktiviert.

Je nach Erdreichdichte buddeln unsere Imps bis zu einem Tag pro Block.Je nach Erdreichdichte buddeln unsere Imps bis zu einem Tag pro Block.

Wer kein Geld ausgeben möchte, wartet mal eben vier Stunden, bis die Arbeiter-Imps einen Block Erde weggraben oder bezahlt mit echtem Zaster. Wenn man ein Juwelen-Paket (so heißt die Ingame-Währung in Dungeon Keeper) für 90 Euro als Schnäppchen verkaufen will, sollte sich selbst bei profitorientierten Marketing-Menschen das Gewissen regen.

Es würde mich aber nicht wundern, wenn Preise, Bezahlzeitpunkte und Wartezeiten in den nächsten Wochen klammheimlich geändert werden. Wer zu gierig ist, bekommt nämlich am Ende gar nichts - selbst hartgesottene Free2Play-Spieler lassen sich nicht beliebig über die Streckbank ziehen. Man fragt sich wirklich, wo momentan die ganzen hohen Sternewertungen im App Store und bei Google Play herkommen. Wurden die alle noch im Tutorial abgegeben, bevor der Paywall-Hammer das erste Mal gnadenlos niedersaust?

Warum Dungeon Keeper? Warum!?

Der zweite Fehler von Electronic Arts: Das Spiel heißt Dungeon Keeper! Wer auch immer die alte Bullfrog-Marke aus dem Lizenz-Keller geholt hat, sollte das Spiel nur noch mit angelegen Daumenschrauben spielen dürfen, nein müssen! Denn mit der Verwendung des Namens ist nichts gewonnen, aber viel verdorben.

Das angepeilte, eher junge Free2Play-Publikum kann mit einem alten Spieletitel von 1997 ohnehin nichts anfangen. Die würden auch auf ein Candy Dungeon Saga oder Clash of Keepers oder so anspringen. Bestimmt gibt es massenhaft Namen, die bei der Zielgruppe mehr Aufmerksamkeit erzeugen und in den App-Store-Suchmaschinen besser funktionieren.

Knapp 90 Euro für 14.000 Juwelen. Bitte was?Knapp 90 Euro für 14.000 Juwelen. Bitte was?

Auf der anderen Seite verdirbt es sich Electronic Arts ein weiteres Mal mit einer ganzen Generation von Spielern. Nicht nur, dass sich Dungeon Keeper jetzt in die lange Liste der von Electronic Arts in den Graben gefahrenen Spieleserien einreiht. Nein, dieses Free2Play-Debakel macht auch eine von vielen erhoffte echte Neuauflage von Dungeon Keeper erst mal sehr, sehr unwahrscheinlich. Da muss jetzt wohl doch wieder Peter Molyneux ran, um wie bei Godus mit einem Kickstarter-Projekt einen echten Nachfolger im Geiste zu starten (Du liest das hier doch hoffentlich, Peter?).

Electronic Arts jedenfalls hat wieder einmal ein Stück Spieler-Achtung verloren. Und obendrein meine schönen Erinnerungen an Dungeon Keeper mit der mistigen Neuauflage befleckt. Denn das ist der große Vorwurf, den man Electronic Arts machen kann: Dass die Firma Geld verdienen will und deshalb plump die Free2Play-Schaube ansetzt - geschenkt. Das machen andere noch plumper und mit deutlich billiger hingerotzten Spielen. Dass aber die große alte Marke Dungeon Keeper und die damit verknüpften Erinnerungen und Erwartungen vieler, vieler Spieler dazu benutzt werden, um den schnellen Dollar zu machen - das kann ich Electronic Arts nur schwer verzeihen.


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