Nier: Automata im Test - Der Traum von elektrischen Schafen

Ein Roboter im Gothic-Lolita-Kleid, der mit wilden Kampfmanövern haushohe Gegner zu Fall bringt. In diesem Action-Rollenspiel treffen absurde Ideen und tiefgründige Fragen aufeinander.

von Michael Cherdchupan,
06.03.2017 15:00 Uhr

Nier: Automata - Glory to Mankind-Trailer zeigt atmosphärischen Kampf gegen Maschinen Nier: Automata - Glory to Mankind-Trailer zeigt atmosphärischen Kampf gegen Maschinen

Können Androiden Liebe empfinden? Diese Frage wurde schon vor über hundert Jahren in der Science-Fiction diskutiert, wir kennen sie aus Filmen wie Blade Runner, sie begegnet uns heute in aktuellen Werken wie Ghost in the Shell. Das Action-Rollenspiel Nier: Automata schlägt in die gleiche Kerbe und wagt sich in einer dystopischen Welt an die großen philosophischen Fragen. Macht das Spaß? Ja, weil es zugleich ein hervorragender Action-Prügler ist.

Nier: Automata
Genre: Rollenspiel
Release: 10.03.2017

Nichts ist so, wie es scheint

2B ist ein menschlich aussehender Kampfroboter, der gemeinsam mit dem Kollegen 9S auf eine Aufklärungsmission zur verwüsteten Erde gesendet wird. Die Menschen sind schon lange auf den Mond geflüchtet und überlassen es autonom agierenden, im Orbit stationierten Androiden wie 2B, ihren Heimatplaneten von aggressiven Alien-Maschinen zu befreien.

Kaum haben unsere beiden synthetischen Protagonisten einen Fuß auf die Erde gesetzt, müssen sie feststellen: Die einst tumben Invasions-Maschinen beginnen Sprache und Kleidung von Menschen nachzuahmen! Diese Entdeckung ist der Beginn einer ganzen Reihe tragischer Entwicklungen, die nicht nur den Ausgang des Maschinenkrieges maßgeblich beeinflussen könnten, sondern die auch das Selbstverständnis der beiden Hauptfiguren in Frage stellt.

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Um die vielschichtige, düstere Handlung komplett verstehen zu können, sollte man Nier: Automata in mehreren Durchläufen spielen. Wir fühlen uns an Platons Höhlengleichnis erinnert: Als zum ersten Mal die Credits über den Bildschirm laufen, glauben wir, die Wahrheit gelüftet zu haben. Doch startet man daraufhin mit dem Speicherstand das Spiel neu, ändert sich die Perspektive und neue Handlungsstränge liefern einen alternativen Blick auf das Geschehen.

Das geht sogar so weit, dass in weiteren Runden frische Gameplay-Elemente, Waffen, Gebiete oder sogar Boss-Kämpfe auftauchen. Bei Nier: Automata ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Zur Motivation trägt bei, dass wir Erfahrungspunkte und Fähigkeiten aus der vorherigen Runde übernehmen. Und es hilft natürlich, dass der eigentliche Spielablauf eine Menge Spaß macht.

Klasse Brawler-Action

Wer im Philosophie-Unterricht gelangweilt abgewunken hat oder bei bedeutungsschwangerem Geblubber von Anime-Protagonisten genervt die Augen rollt, darf trotzdem einen Blick auf Nier: Automata riskieren: Wie schon bei Metal Gear Rising liefert Entwickler Platinum Games unübertroffen großartige Brawler-Action, die anpassungsfähig genug ist, um sowohl blutige Anfänger als auch beinharte Profis anzusprechen. Die Eingaben sind direkt, irrwitzige Combos gehen locker-flockig von der Hand und jeder Treffer ist nachvollziehbar. Ähnlich wie in Bayonetta wird außerdem perfektes Ausweichen belohnt, indem sich ein kleines Zeitfenster für einen Konterangriff öffnet.

Nier: Automata - Gameplay-Trailer zeigt blitzschnelle Kämpfe, Combos und Waffen Nier: Automata - Gameplay-Trailer zeigt blitzschnelle Kämpfe, Combos und Waffen

Mit den über 30 Waffen, die sich zu 2er-Sets kombinieren lassen, konnten wir uns im Test ordentlich austoben und experimentieren. Darüber hinaus stehen niedliche, schwebende Bots als Begleiter zur Verfügung, die mit Schusswaffen und nützlichen Sonderattacken ausgerüstet werden können. Auf die Weise wechseln wir dynamisch zwischen Fern- und Nahkampf, was durch das zuverlässige Gegner-Lock-On auf Tastendruck wunderbar intuitiv ist. Wie man es von Platinum-Titeln gewohnt ist, muss sich der Spieler hier nicht der Steuerung beugen – es ist genau umgekehrt.

Die Kämpfe sind wild, schnell und befriedigend. Mit über 30 verschiedenen Waffen konnten wir auch viel experimentieren.Die Kämpfe sind wild, schnell und befriedigend. Mit über 30 verschiedenen Waffen konnten wir auch viel experimentieren.

Nier: Automata bietet zahlreiche fantastische Momente, in denen es auf dem Bildschirm von Widersachern nur so wimmelt. Sogar die symmetrisch streuenden, an Danmaku-Shooter (im Westen auch als »Bullet Hell«-Shooter bekannt) erinnernden Kugelhagel aus dem Vorgänger sind zurück. Wir sind es selbst nach unzähligen Stunden nicht überdrüssig geworden, mit eleganten, visuell dynamisch inszenierten Kampfchoreografien aussichtslos erscheinende Situationen zu meistern.

Nur bei manchen Boss-Kämpfen hätte es ruhig eine Spur wilder zugehen können. Die machen durchaus Laune, doch im Vergleich zum komplett ausgeflippten Bayonetta 2 wirken sie fast zu zahm.

Schubladendenken unmöglich

Dass so schnell keine Langeweile aufkommt, liegt vor allem an den virtuosen Wechseln zwischen verschiedenen Kameraperspektiven und Genres. Zwar ist Nier: Automata im Kern ein Action-Rollenspiel in der typischen Third-Person-Perspektive, doch in fließenden Übergängen wechselt es in manchen Szenen zu einem Sidescroller oder sogar einem Shoot'em-Up in der Tradition alter Arcade-Klassiker.

Mehr noch: Wenn 9S Hackangriffe auf seine Gegner anwendet, schaltet das Spiel blitzschnell zu einem Dual-Stick-Shooter-Minispiel um, das frappierend an Geometry Wars erinnert. Und sogar vor umfangreichen Visual-Novel-Abschnitten wird nicht halt gemacht. Erstaunlicherweise spielen sich all diese Elemente trotz der bunten Mixtur hervorragend.

Sidekick 9S sowie auch einige Gegner können Hackangriffe starten, die wir in Form eines Dual-Stick-Shooters bestehen müssen.Sidekick 9S sowie auch einige Gegner können Hackangriffe starten, die wir in Form eines Dual-Stick-Shooters bestehen müssen.

Aus Dark Souls bekannte Mechaniken finden ebenso Einzug in Nier: Automata: Wenn der Held stirbt, können wir zu unserem virtuellen Leichnam zurückkehren und unsere Erweiterungen und Items bergen. Spielen wir im Online-Modus, dürfen wir beim Tod nicht nur kryptische Botschaften hinterlassen, sondern andere Spieler haben sogar die Möglichkeit, unseren Androidenkörper wieder zu reparieren und als KI-Gefährten in Betrieb nehmen.

Triste, weite Welt

Bei der Darstellung der offenen (aber ziemlich überschaubaren), post-apokalyptischen Welt muss sich Nier: Automata allerdings Kritik gefallen lassen. Zwar macht es im Kontext Sinn, auf karge Landschaften zu setzen, doch manche Ecken wirken so klobig und detailarm, dass wir dachten, die Grafiker seien schlicht nicht pünktlich fertig geworden. Selbst die Camps, in denen wir uns viele Haupt- und Nebenmissionen abholen, wirken mit ihren statischen Schaufensterpuppen-NPCs alles andere als lebendig. Zwar gibt es mit verstecken Höhlen und Geheimräumen einiges zu entdecken, doch wir sind froh über die Schnellreise-Funktion, die uns langweilige Laufwege erspart. Das nur auf der Standard-PS4 auftauchende Kantenflimmern kann man zudem schon als grob fahrlässig bezeichnen.

Rein technisch betrachtet ist die Grafik eher durchwachsen, aber das stilsichere Art Design macht die Mängel wieder wett.Rein technisch betrachtet ist die Grafik eher durchwachsen, aber das stilsichere Art Design macht die Mängel wieder wett.

Es ist zwar ärgerlich, dass nicht alle Gespräche vertont sind, doch davon abgesehen reißt der ansonsten tadellose Sound die Mängel in der Grafik wieder raus. Vor allem die Musik ist wie im Vorgänger Nier absolut fabelhaft! Keiichi Okabe komponierte gemeinsam mit seiner Künstlergruppe MONACA einen meisterhaften Soundtrack, der selbst nach dem Spielen noch lange nachhallt. Auf wunderbare Weise verknüpft er Gänsehaut erzeugende Chöre mit melancholischen Balladen und eingängigen Rhythmen, die zu jeder Situation passend abgemischt sind. Für die Hacking-Sequenzen mit 9S gibt es sogar eigene Chiptune-Versionen von jedem Track, was unheimlich viel Charme hat.


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