Resident Evil 7 - Bosskämpfe haben in dem Horrorspiel einfach nichts zu suchen

Dom ist überzeugt: Bosskämpfe haben in Resident Evil 7 einfach nichts zu suchen — zumindest dann nicht, wenn die Entwickler gewisse Regeln ignorieren.

von Dom Schott,
09.02.2017 10:30 Uhr

Dom während des ersten Bosskampfes von Resident Evil 7.Dom während des ersten Bosskampfes von Resident Evil 7.

"Bosskämpfe haben in diesem Spiel nichts zu suchen!" rief ich vergangenes Wochenende, schmetterte den Controller auf den Boden und holte weit weg von der Konsole erst einmal tief Luft. Hinter mir lagen 20 frustrierende Spielminuten, in denen ich immer und immer wieder gegen den unverwüstlichen Familienvater aus Resident Evil 7 angetreten war. Trotz all meiner Bemühungen versohlte mir Jack Baker allerdings durchgehend den Hintern, bis ich schließlich genervt aufgab.

Während ich nun aber wütend die Tapete anstarrte, ließ ich mir meine Worte noch einmal durch den Kopf gehen: Passen Bosskämpfe und Resident Evil 7 wirklich nicht zusammen? Oder war mein Schrei nur ein Symptom meiner Frustration, die sich zu diesem Zeitpunkt tief in mein Innerstes gefressen hatte?

Wenn das Haus zum Kolosseum wird

Selbst wer Resident Evil 7 bisher nur am Rande mitverfolgt hat, wird bereits mindestens einmal über die großen Schlagwörter gestolpert sein: "gelungene Neugeburt", "Texas Chainsaw Massacre", "noch besser als die Demo" und "verrückte Familie" scheinen sich in nahezu jedem Text zu tummeln.

Resident Evil 7 - Story-Trailer stellt die Baker-Familie vor 3:15 Resident Evil 7 - Story-Trailer stellt die Baker-Familie vor

Für mich allerdings rückte ziemlich schnell ein ganz anderer Fokus in den Vordergrund – nämlich das Haus, das Resident Evil 7 an drei verschiedenen Orten seiner Spielwelt zum Schauplatz und Star seiner Grusel-Einlagen macht.

Hier sind wir der Eindringling, der die morbide, aber dennoch intakte Privatsphäre der Familie Baker stört: Unsere Spielfigur stöbert in Schubladen, durchsucht Zimmer, nimmt Gegenstände an sich. Das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, schafft eine angespannte Grundstimmung, die noch von unserer Orientierungslosigkeit und einer konstant raschelnden und knarrenden Soundkulisse weiter angereichert wird.

In Kombination mit der ständigen, düsteren Vorahnung, was hinter der nächsten Tür oder am Fuße der Kellertreppe lauern könnte, setzt uns Resident Evil 7 einen Mix aus Stilmitteln des Horrors vor, der für Genre-Fans zwar nicht neu ist, aber trotzdem enorm gut funktioniert.

Und dann kommt da dieser Bosskampf.

Jack Backer ist wirklich eine harte Nuss.Jack Backer ist wirklich eine harte Nuss.

Etwa vier Stunden lang war ich zwischen aufrichtiger Angst und meiner Faszination an dem Horrorhaus hin- und hergerissen. Dann aber lenkte mich der rote Faden des Spiels in einen mehrgeschossigen Raum, in dem ein wichtiger Quest-Gegenstand auf mich wartete.

Als ich nach ihm griff, löste ich einen unausweichlichen Bosskampf aus: Ein verbissener Zweikampf mit Jack Baker entbrennt, den ich aus sicherer Entfernung mit Pistole, Schrotflinte oder Messer beharken muss, während der er seinerseits versucht, mich in die Finger zu bekommen.


Dom Schott (@R3nDom):

Auch wenn Dom eigentlich viel zu viel Angst vor Horrorspielen hat, so genießt er doch immer wieder die unterschwellige Panik und Paranoia, die sich bei ihm in Spielen wie Amnesia, Dead Space oder Fran Bow bemerkbar macht. Klassische Bosskämpfe hingegen kippen diese so sorgsam aufgebaute Stimmung und können sogar einem so vielversprechend beginnendem Horrortrip wie Resident Evil 7 den Zahn ziehen.

Dieser Bosskampf ist für mich der atmosphärische Tiefpunkt eines Spiels, das in den ersten Stunden so selbstbewusst seine Stärken auszunutzen wusste. Die erzwungene Konfrontation, die sich bereits durch die Architektur des Raumes auf den ersten Blick erahnen lässt, stellt das gesamte Spielkonzept der vergangenen Stunden auf den Kopf: Plötzlich sind wir nicht mehr der Eindringling, der von Raum zu Raum huscht und versucht, unentdeckt zu bleiben.

Stattdessen bekommen wir ausreichend Zeit, die Waffen nachzuladen, das Messer zu schärfen, Tränke zu mischen und dann schließlich zu einem Zweikampf anzutreten. Unser Gegner ist entmystifiziert. Das Spiel verliert seinen Schrecken und ich den Respekt vor der Spielwelt. Das ist der sichere Tod für einen Titel, der jede Punchline, jeden unvergesslichen Moment und jede Überraschung in erster Linie aus seiner Atmosphäre zu ziehen versucht.

Der unterschätzte Überraschungseffekt

Eine Unterscheidung muss hier allerdings unbedingt getroffen werden: Es ist nicht die Konfrontation per se, die Resident Evil 7 den Atem raubt und seiner Gruselstimmung dauerhaft schadet. Schon weitaus früher im Spiel greift mich Jack Baker immer wieder an – aus dem Hinterhalt, völlig unerwartet und mit einer so furchtbaren Wucht, dass wir zunächst völlig überfordert sind. Und während das Monstrum laut brüllend auf uns zu stürmt, hasten wir in die letzte Ecke des Raumes, finden uns plötzlich in einer Sackgasse wieder, zielen mit der Pistole auf seinen Kopf. Einige Schüsse treffen, viele gehen daneben.

Resident Evil 7 weiß eigentlich, wie wirkungsvoll überraschende Konfrontationen sein können.Resident Evil 7 weiß eigentlich, wie wirkungsvoll überraschende Konfrontationen sein können.

Nervenkitzel, Herzrasen, Adrenalin: Wir werden bei unserem verbotenen Streifzug durch das Haus völlig unerwartet erwischt und in eine lebensbedrohliche Situation gezwungen. Diese Konfrontationen stören zwar den etablierten Spielfluss, erhalten aber die Beziehung zwischen uns als unterlegenem Opfer und dem überlegenen Gegner, dem wir immer wieder um ein Haar noch einmal entkommen können.

Erst wenn diese Begegnungen in die Form eines Bosskampfs gegossen werden, der traditionell über mehrere Phasen hinweg andauert und uns im Vorfeld eine gewisse Vorbereitungszeit gewährt, verliert die Konfrontation an Spannung. Das angstvolle Stöhnen der Spielfigur passt auf einmal nicht mehr zu unserer Stimmung vor dem Bildschirm.

Das Ergebnis dieser Dissonanz ist dann im schlimmsten Fall ein fliegender Controller und viel, viel Frust - wenn nicht über den Bosskampf selbst, dann über die Erkenntnis, was für ein Stimmungskiller diese Spielpassage war. Es ist, als ob jemand während Horrorfilms an der spannendsten Stelle das Licht im Zimmer angemacht hätte: Der Schrecken des Spiels ist fast vollkommen dahin.

Seht ihr das ähnlich? Oder habt ihr nichts gegen Bosskämpfe in Videospielen wie Resident Evil 7?


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