Retro Hall of Fame: Colin McRae Rally - Schlammschlacht mit Happy End

Ein Rallyespiel? Trotz Skepsis schmeißen wir 1998 die Konsole an – und lassen den Controller erst wieder los, als wir den WM-Titel holen. Lest in der Retro Hall of Fame, warum Colin uns gefesselt hat.

von Benjamin Blum,
05.06.2016 10:00 Uhr

Retro Hall of Fame: Colin McRae Rally - Das Urgestein der Rally-Spiele Retro Hall of Fame: Colin McRae Rally - Das Urgestein der Rally-Spiele

Es ist schon erstaunlich, dass uns Colin McRae Rally im Jahr 1998 auf Anhieb begeistert - gehört es doch zu den Spielen, für deren Disziplinen wir uns in der Realität nicht interessieren. Rallye-WM? Lieber Formel 1, zumindest damals.

Wenn Michael Schumacher allerdings an einem Rennsonntag in seinem Ferrari die Ziellinie überquert hat, eifern wir ihm anschließend keineswegs an der Konsole in einem F1-Flitzer nach - stattdessen wühlen wir uns lieber am Steuer eines Subaru, Toyota oder Ford auf Rallye-Strecken durch den Dreck.

Unsere Rallye-Reise beginnt in Neuseeland. Die Strecken bieten hier noch viel Bodenhaftung, die Jagd auf die Bestzeiten ist trotzdem keine Spazierfahrt.Unsere Rallye-Reise beginnt in Neuseeland. Die Strecken bieten hier noch viel Bodenhaftung, die Jagd auf die Bestzeiten ist trotzdem keine Spazierfahrt.

Der PlayStation-Klassiker beweist einfach, dass ein gutes Sport- oder Rennspiel eigentlich immer funktioniert. Wobei wir damals nicht ganz jungfräulich an die Sache herangehen: Mitte der 90er-Jahre hatten wir bereits viel Spaß mit Sega Rally, vom echten Motorsport war die Arcade-Raserei aber weit entfernt.

Und da Simulationen wie Rally Championship mangels leistungsfähigem PC damals an uns vorbeirauschen, ist »Colin« unser erster ernsthafter Ausflug auf virtuelle Kies-, Matsch- und Schneepisten.

Bis heute lieben wir die perfekte Mischung aus leichtem Einstieg und hohem spielerischen Anspruch, das wunderbare Fahrgefühl und die toll gestalteten Strecken. Keine Frage also, dass Colin McRae Rally einen Platz in unserer Retro Hall of Fame verdient hat.

Jede Kurve ein Abenteuer

Als Colin McRae Rally nach vielen Jahren wieder in der Konsole rotiert, sind wir baff: Im Gegensatz zur Pixelgrafik ist die Spielmechanik kaum gealtert. Natürlich haben die Nachfolger der Reihe über die Jahre immer mehr Steuerungs- und Physikfeinheiten unter der Motorhaube, im Kern, beim eigentlichen Fahrzeug-Handling, sind die Unterschiede aber gering.

Wo andere Urlaub machen, müssen die Rallye-Profis mächtig schuften: Die Griechenland-Etappen finden meist auf Schotterwegen statt und bieten manch hübschen Ausblick.Wo andere Urlaub machen, müssen die Rallye-Profis mächtig schuften: Die Griechenland-Etappen finden meist auf Schotterwegen statt und bieten manch hübschen Ausblick.

Es gibt auch keinen Grund, die Erfolgsformel zu ändern - schließlich ist Colin McRae Rally ein Musterbeispiel für das Prinzip »Leicht zu lernen, schwer zu meistern«. Das Tutorial lassen wir damals allerdings aus, vielleicht hätten die Entwickler es nicht »Rallyeschule« nennen sollen. Wer will schon nach Unterrichtsschluss freiwillig weiter die Schulbank drücken?

Unsere ersten Fahrversuche auf den Pisten Neuseelands werden deshalb zur Tuckerfahrt mit gewaltigem Zeitrückstand, doch nach ein paar Etappen ist klar, wie man einen virtuellen Rallyewagen steuert: Wir bremsen nicht mehr so häufig wie in Gran Turismo und Co., sondern nehmen - wenn überhaupt - vor den meisten Kurven nur kurz den Fuß vom Gas, um dann am Lenkrad zu drehen und den Wagen in die Biegung zu schleudern.

Diese sekundenlangen Drifts, dieser präzise kalkulierte Kontrollverlust macht den virtuellen Rallye-Sport so großartig - und bei keinem Titel sind dabei Zugänglichkeit und Anspruch so ausgewogen wie in Colin.

Denn einerseits schlittern wir schon nach wenigen Testläufen sicher über die Pisten, und entdecken andererseits bei jeder absolvierten Etappe, fast jeder Kurve Potenzial, um noch schneller zu sein. Und im Kampf um Etappensiege und den WM-Titel ist jede Zehntelsekunde wertvoll.

Eigentlich lieben wir Winterlandschaften, doch die verschneiten Strecken in Schweden kosten uns damals reichlich Nerven. Bis zur Bestzeit ist es ein langer, eisiger Weg.Eigentlich lieben wir Winterlandschaften, doch die verschneiten Strecken in Schweden kosten uns damals reichlich Nerven. Bis zur Bestzeit ist es ein langer, eisiger Weg.

Klare Ansagen

Ein tolles Fahrgefühl nützt nichts ohne starke Strecken - und auch hier landet Codemasters mit Colin McRae Rally einen Volltreffer. Die Schauplätze von Australien über Indonesien und Schweden bis England wurden optisch wie spielerisch individuell gestaltet.

Die ersten Etappen in Neuseeland zum Beispiel sind ein lockerer Einstieg auf vergleichsweise griffigen Untergründen wie Asphalt und Schlamm. Spätestens auf den verschneiten und vereisten Strecken Schwedens wird jedoch klar, wie unterschiedlich sich die Pistenbeläge auf das Fahrverhalten auswirken: Immer wieder müssen wir den Zeitpunkt zum Einlenken - oder besser »Eindriften« - anpassen, zumal es auch innerhalb der Etappen wechselnde Untergründe gibt.

Zum Glück sind wir bei all dem nicht allein: Ein Co-Pilot gibt stets knackig-kurze Anweisungen, was für Kurven auf uns warten. Und es dauert nicht lange, bis wir Kommandos wie »Zwei rechts, vier links, Haarnadel rechts« problemlos durchschauen und uns durch die Biegungen schlängeln.

Auf Korsika schlängeln sich schmale Straßen durch die Berge, die Streckenführung ist tückisch. Zum Glück gibt es Leitplanken, die Abstürze verhindern. Auf Korsika schlängeln sich schmale Straßen durch die Berge, die Streckenführung ist tückisch. Zum Glück gibt es Leitplanken, die Abstürze verhindern.

Allein auf den Co-Piloten können wir uns aber nicht verlassen, sondern absolvieren die Etappen immer wieder selbst, um dank guter Streckenkenntnis konkurrenzfähig zu sein. Die Zeiten der anderen Fahrer zu unterbieten, ist nämlich schon auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad eine Herausforderung.

Haben wir die Ziellinie erreicht, vergleichen wir unsere Zeit mit der Konkurrenz - und dabei steht meist ein Schotte namens Colin McRae ziemlich weit oben. Der Weltmeister von 1995, der 2007 bei einem Hubschrauberunglück starb, ist Namenspatron der Reihe, aber nicht der einzige Star im Fahrerfeld.

Weitere Weltklassefahrer wie Carlos Sainz oder Richard Burns geben sich die Ehre. Nimmt man noch die acht Originalfahrzeuge (plus vier Bonuswagen) wie McRaes Subaru Impreza WRC oder den Mitsubishi Lancer E4 hinzu, dann bietet das Spiel ganz nebenbei noch ein ordentliches Lizenzpaket.

Hart an der Grenze

Der Weg auf das Siegerpodest ist steinig und folgt einer steilen Lernkurve. Denn nicht nur die verschiedenen Untergründe auch die Streckenführung an sich wird bis zum WM-Finale in Großbritannien immer anspruchsvoller.

Indonesien ist der exotischste Schauplatz in Colin McRae Rally. Doch der schöne Schein trügt: Die Palmen stehen meist nah an der Fahrbahn. Kollisionsgefahr!Indonesien ist der exotischste Schauplatz in Colin McRae Rally. Doch der schöne Schein trügt: Die Palmen stehen meist nah an der Fahrbahn. Kollisionsgefahr!

Vergleicht man zum Beispiel die weitläufigen Schotterpisten in Griechenland mit den verwinkelten Straßen der England-Etappen voller Haarnadelkurven und schmaler Abschnitte, dann ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Apropos: Selbst Rennen nach Sonnenuntergang gibt es bei Colin McRae Rally, was bei längst nicht jedem - auch neuerem - Rennspiel zum Standard gehört.

Selbstverständlich sind die Nachtrennen eine gewaltige Herausforderung, die Sichtweite ist atemberaubend kurz. Aber genau dieses Gefühl, ständig ins Ungewisse zu rasen, immer hart an der Grenze zwischen Bestzeit und Crash zu fahren, macht die Colin-Spiele bis heute so faszinierend.

Deshalb bleiben wir der Reihe auch in den folgenden Jahren treu. Denn bei allen anderen starken Offroad-Spielen, von bildhübschen Arcade-Rasern wie RalliSport Challenge bis zum beinharten Richard Burns Rally, mögen wir die ausgewogene Mischung der Codemasters-Titel bis heute am liebsten. Und der anhaltende Erfolg der Reihe belegt, dass wir da nicht die einzigen sind.


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