Der GameStop-Aktien-Irrsinn erklärt, wie ein Meme die Welt verändert

Während ein Subreddit die GameStop-Aktie in die Höhe katapultiert und damit Investoren an der Börse in Atem hält, entfacht im Internet ein finanzieller Klassenkampf, der sich bis in die Politik ausweitet.

von Leon Marlon Klein,
29.01.2021 17:20 Uhr

Die GameStop-Aktie ist in aller Munde, aber was macht sie gerade jetzt so besonders? Die GameStop-Aktie ist in aller Munde, aber was macht sie gerade jetzt so besonders?

Wir befinden uns im Frühjahr 2021. Die Börse ist im Griff alteingesessener Investor*innen. Die ganze Börse? Nein! Der von unbeugsamen Privatanleger*innen bevölkerte Subreddit r/WallStreetBets hört nicht auf, den großen Finanzinstitutionen Widerstand zu leisten. Was sich jetzt anbahnt, könnte als geschichtsträchtig eingestuft werden.

Dank der vereinten Kräfte der WallStreetBets-Community ist die GameStop-Aktie derzeit auf einem Höhenflug. Das Papier erreichte einen Wert von über 480 US-Dollar, nachdem es innerhalb der letzten zwei Jahre für teils weit unter 10 Dollar gehandelt wurde. Mit dieser Aktion scheinen die Reddit-Nutzer*innen aber nicht primär auf das schnelle Geld aus zu sein.

Vielmehr lassen die Posts im Subreddit darauf schließen, dass es um sich ein Kräftemessen mit den Hedgefonds handelt, die zuvor auf den Wertverlust der Aktie spekuliert hatten und jetzt selbst vermutlich Einbußen in Milliardenhöhe verzeichnen müssen. Spätestens seitdem der Handel der Aktie zeitweise an der Börse ausgesetzt sowie von manchen Trading-Apps (international) eingeschränkt wurde, schlägt das Thema auch politische Wellen und ruft Stimmen wie die der US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez oder des Tech-Mogul Elon Musk auf den Plan.

Trotz teils turbulenter Entwicklungen, halten die Reddit-Nutzer*innen an der Aktie fest. Trotz teils turbulenter Entwicklungen, halten die Reddit-Nutzer*innen an der Aktie fest.

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Wie ist es so weit gekommen?

Im Epizentrum der ganzen Situation liegt der Handel mit sogenannten "Leerverkäufen" oder auch "Shorts". Vereinfacht gesagt leihen sich Investor*innen dabei Aktien von deren Besitzer*innen und verkaufen diese sofort weiter. Die Investor*innen spekulieren währenddessen darauf, dass besagte Aktie in absehbarer Zeit an Wert verliert und kaufen diese im Idealfall erst dann zurück, wenn der Preis dafür gesunken ist. Da die Investor*innen nur die Aktie samt einer Art "Leihgebühr" zurückgeben müssen, können sie sich die übrigen Gewinne in die eigene Tasche stecken.

Problematisch wird die Situation dann, wenn der Preis für die verkaufte Aktie wider Erwarten in die Höhe schnellt. Hier bleiben den Investor*innen zwei Möglichkeiten. Entweder sie warten, bis der Preis möglicherweise wieder fällt oder sie kaufen die Aktie sofort zurück und nehmen einen Verlust in Kauf. Letzteres ist vor allem dann sinnvoll, wenn der Preis für die Aktie weiter zu steigen droht - grundsätzlich ist einem Preisanstieg kein Limit gesetzt und somit können auch die Verluste unendlich hoch ausfallen.

Sehr problematisch wird die Situation, wenn die Investor*innen wie im Falle der GameStop-Aktie keine oder nur sehr wenige Aktien zurückkaufen können, weil sie schlichtweg nicht oder nur in sehr geringen Mengen auf dem Markt gehandelt werden. Die gestiegene Nachfrage sorgt bei schlechter Verfügbarkeit dann so lange für noch höhere Preise, bis die Investor*innen ihre Schuld bei den eigentlichen Aktienbesitzer*innen beglichen haben.

Twitter-Nutzer @Turboluu hat die Thematik anhand von Videospielen schön verbildlicht:

Link zum Twitter-Inhalt

Die WallStreetBets-Community verkauft ihre Aktien nicht

In der Regel entspannt sich die oben aufgeführte Situation, sobald sich Aktienbesitzer*innen dazu entscheiden, ihre Anteile zu verkaufen und die Hedgefonds ihre Schuld begleichen können. Grundsätzlich ist dabei davon auszugehen, dass sich der Wert einer Aktie wieder einpendelt, sobald die Nachfrage sinkt. Alle, die ihre Aktien rechtzeitig verkauft haben, freuen sich über die Gewinne, während sich Nachzügler*innen mit weniger zufriedengeben müssen.

Entgegen der gängigen Erwartungen verkaufen die Reddit-Nutzer*innen ihre Anteile aber nicht, sondern nutzen jede Gelegenheit, sich noch mehr Aktien einzuverleiben. Ganz getreu dem Mantra 'Nimm was du kriegen kannst, und gib nichts wieder zurück' setzten sich die Privatanleger*innen sogar über nationale Einschränkungen hinweg, indem sie sich international vernetzen und die Aktien von Personen in anderen Ländern kaufen lassen.

Warum verkaufen die Nutzer*innen nicht? Anhand von Posts wie einem offenen Brief, der im WallStreetBets-Subreddit geteilt wurde, lässt sich eine politische Motivation ableiten. Viele Mitglieder der Community möchten den Hedgefonds ein Schnippchen schlagen und damit für eine Umverteilung des Geldvermögens sowie der Machtpositionen sorgen.

Im Fall von Melvin Captial Management scheint der Plan aufgegangen zu sein. Die Investment-Management-Firma soll sich aus dem Handel mit GameStop-Leerverkäufen mit hohen Verlusten zurückgezogen und anschließend eine Finanzspritze von 2,75 Milliarden Dollar beansprucht haben.

Während manche GameStop-Filialen während der Pandemie geschlossen bleiben, verzeichnet das Unternehmen einen Anstieg digitaler Verkäufe. Während manche GameStop-Filialen während der Pandemie geschlossen bleiben, verzeichnet das Unternehmen einen Anstieg digitaler Verkäufe.

Warum ausgerechnet GameStop?

Die Kolleg*innen von Vice sehen den Anfang der GameStop-Odyssee bei einer Gruppe von Reddit-Nutzer*innen, die sich um eine Person mit dem Nutzernamen "DeepFuckingValue" geschert hat. Basierend auf der Einschätzung, dass die GameStop-Aktie unterschätzt gewesen wäre, soll der Nutzer 53.000 Dollar in Firmenanteile gesteckt haben, die ihn jeweils nur zwischen 30 und 75 Cent gekostet hätten. Der Nutzer ist bis heute aktiv und soll nach letztem Stand über 33 Millionen Dollar erwirtschaftet haben - zumindest auf dem Papier.

Laut Vice sei es eine Kombination aus viralen Posts sowie YouTube-Videos von "DeepFuckingValue" und einer wichtigen Erkenntnis der WallStreeBets-Community gewesen, die den Stein letztendlich ins Rollen brachte. Die Reddit-Nutzer*innen sollen nämlich herausgefunden haben, dass die GameStop-Aktie die meisten Leerverkäufe an der gesamten Börse verzeichnet hätte. Darüber hinaus sollen dann auch noch mehr Leerverkäufe stattgefunden haben, als überhaupt richtige Aktien zur Verfügung gestanden hätten.

Angetrieben von den oben genannten Faktoren, stiftete sich die Community laut Vice gegenseitig zu Investments an, was dann dazu geführt haben soll, dass der Wert der Aktie nach und nach anstieg. Außerdem hätte Citron Research mit YouTube-Videos, die sich gegen das Vorhaben von r/WallStreeBets ausgesprochen haben sollen, zusätzliches Öl ins Feuer gegossen. Als Elon Musk sich dann via Twitter auf die Seite der Privatanleger-Rebellen stellte, bekam die Bewegung noch einmal zusätzlich Rückenwind.

Der Autor

Leon Marlon Klein
@shivernote

Als Hardware-Autor hat Leon einen geschärften Blick für Details entwickelt, den er gepaart mit einer guten Portion Neugier gerne über den Tellerrand hinausschweifen lässt. Innerhalb der letzten Tage waren es vor allem die kuriosen Ereignisse rund um die GameStop-Aktie, die sein Augenmerk vonBildwiederholratenund Raytracing auf Börsenkurse schweifen ließen.

Einfluss auf die Politik- und Medienlandschaft

Neben Musk sorgten auch andere bekannte Stimmen für Furore. Wie eingangs bereits erwähnt, meldete sich US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez (kurz AOC) zu Wort. Grund dafür ist eine polarisierende Entscheidung der Trading-App Robinhood, die sich zuvor unter WallStreetBets-Mitgliedern großer Beliebtheit erfreute. AOC kritisiert, dass die App Privatanleger vom Handel mit der GameStop-Aktie ausschließe und ergänzt, dass sie eine Investigation einschließlich weiterer Apps, die es Robinhood gleichtäten, befürworte.

Auf der anderen Seite der Diskussion befinden sich folglich diejenigen, die ihr Geschäft von der aktuellen Situation bedroht sehen könnten. So beschränken etwa ebenfalls andere Handelsplattformen, wie TD Ameritrade und Schwab ihre Kunden.

Ein ähnliches Phänomen findet sich bei Brokern wie Trade Republic auch in Deutschland wieder und stößt beispielsweise der YouTube-Legende Erik Range, auch bekannt als Gronkh, sauer auf:

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AOC und Gronkh sind bei weitem nicht die einzigen, die bezüglich der aktuellen Lage ihren Unmut aussprechen. Und das ist angesichts des Fakts, dass hier nur Privatanleger und nicht Hedgefonds gedeckelt werden, durchaus nachvollziehbar.

Zu dieser Debatte kommen darüber hinaus die Frage aus der Wirtschaft, ob solche Communities wie r/WallStreetBets strenger geregelt werden sollen. Gegenüber Bloomberg positionierte sich Reddit-CEO Huffman hinter dem Subreddit und betonte, dass dieser zwar nicht perfekt wäre, sich aber trotzdem im Rahmen befände.

Anders sah das hingegen der Chat-Dienst Discord, der den WallStreetBets-Server u. a. nach Vorwürfen von Hassrede komplett gebannt hat. Dies geschah laut Discord nach mehreren Warnungen (via The Verge). The Verge zufolge hilft Discord r/WallStreetBets ironischerweise jetzt aber auch wieder einen neuen Server aufzubauen und es soll sogar Personal zur Verfügung gestellt werden, das sich um dessen Infrastruktur kümmert.

Fazit

Unter dem Konvolut an Informationen, die sich im Sekundentakt überschlagen, kann es schwerfallen den Überblick zu behalten. Das stellte nicht nur eine Herausforderung bei der Recherche für diesen Artikel, sondern auch für dessen Fazit dar. Die GameStop-Aktie befindet sich in einer geschichtsträchtigen Entwicklung, die teils durch ihren Meme-Charakter an Fahrt gewonnen hat, aber gleichzeitig durch einen Zusammenschluss aus Privatanlegern vorangetrieben wird, die großen Finanzinstitutionen aus Überzeugung die Stirn bieten.

Dass diese Entwicklung vor dem Hintergrund einer Einzelhandelskette geschieht, die bei Spieler*innen für eine suboptimale Preisgestaltung von Gebrauchtspielen verschrien ist, setzt der sonderbaren Situation die Krone auf. Zwischen all der Verwirrung, den Absurditäten und ganz realen Konsequenzen ist es in allen Belangen jedoch spannend mit anzusehen, wie ein Internetphänomen die Finanzwelt auf den Kopf stellt.

Welche Chancen und Gefahren seht ihr in der GameStop-Entwicklung?

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