Kingdom Come: Deliverance - Mittelalter ohne Stützräder

Auf der E3 bewiesen uns die Warhorse Studios, dass ihr Open-World-Rollenspiel beständig wächst und gedeiht. Und dass es keine Kompromisse macht, um dem Massenmarkt zu bedienen.

von Sebastian Stange,
23.06.2016 15:45 Uhr

Kingdom Come: Deliverance - E3-Demo: Kloster-Quest und neue Orte Kingdom Come: Deliverance - E3-Demo: Kloster-Quest und neue Orte

Eine offene Spielwelt, angesiedelt im authentisch nachempfundenen Böhmen von 1403 und dazu realistisches Gameplay - ohne Zauber, ohne Drachen, ohne Fantasy. Das hat sich das tschechische Entwicklerteam von Kingdom Come: Deliverance auf die Fahne geschrieben und zeigte uns im Rahmen einer Live-Demo, wie sich das Projekt in den letzten Monaten entwickelt hat. Und wir erkennen immer mehr, dass das Team eine ganz eigene Variante, ja fast schon eine Simulation der bekannten Schwert-und-Rüstung-Spielidee verwirklicht.

Erstaunlich vielschichtig: Die Rüstung

Zunächst präsentierten uns die Entwickler ihr Rüstungs-System, das entscheidende Auswirkungen auf viele Spielbereiche haben wird. Wir fassen zusammen:

  • Insgesamt gibt es 16 Slots für Rüstungsitems - Ringe mitgezählt. Dabei legen wir verschiedene Kleidungsschichten übereinander an. Sie sind frei kombinierbar.
  • Rüstung hat stets eine Außenwirkung. Je nachdem, welche Qualität sie hat oder von welcher Fraktion sie stammt, begegnen uns andere Charaktere mit Respekt, Furcht oder Aggression.
  • Unsere Rüstung kann kaputtgehen, verschmutzen oder mit Blut besudelt sein, was ebenfalls Einfluss auf unser Charisma oder unsere Bedrohlichkeit hat. Das wird dank hübscher Texturshadern gut sichtbar.
  • Alle Rüstungsteile haben diverse passive Auswirkungen auf unsere Spielfigur, darunter viele Werte wie Lautstärke, Sichtbarkeit, die sich nicht mit dem XP-System aufwerten lassen. Unsere Ausrüstung ist also essenziell für die Spielweise. Zu schwere Rüstung bringt etwa den Debuff "Erschöpft" mit sich.
  • Auch unser Pferd hat ein geschichtetes Rüstungs-System mit ähnlichen Systemen - nur deutlich weniger komplex.

Stechen, Schlitzen oder Prügeln - das Kampfsystem

Bereits in Alpha und Beta von Kingdom Come: Deliverance lernten wir das anspruchsvolle Kampfsystem des Rollenspiels kennen. Wir können Angriffe in fünf verschiedene Richtungen ausführen und in ebenjene Richtungen blocken. Dazu kommen diverse Waffen, Combo-Moves und Fernkampf mit Pfeil und Bogen. Das Rüstungs-System ist einer der wichtigsten Faktoren.

Kingdom Come: Deliverance - E3-Demo: So funktionieren Rüstung und Kampfsystem Kingdom Come: Deliverance - E3-Demo: So funktionieren Rüstung und Kampfsystem

  • Es gibt drei Schadensarten: Stich, Hieb und stumpfer Schaden. Jede Waffe ordnet sich da ein und jedes einzelne Rüstungsteil bringt Resistenzen für diese Schadensarten mit.
  • Plattenrüstung schützt vor Stichen und Schwertstreichen, ist jedoch mit Keulen schnell durchdrungen
  • Weil es verschiedene Schichten gibt, empfiehlt es sich, diese schlau zu kombinieren. Ein weiches Unterhemd hilft, den Schaden zu mildern, den ein Prügel an einer Plattenrüstung anrichtet.
  • Wiederholte Schläge auf dasselbe Rüstungsteil richten folglich mehr und mehr Schäden an.
  • Trotz der fünf Schlagrichtungen müssen wir immer noch manuell zielen, um verwundbare Stellen wie unbehelmte Köpfe zu treffen.
  • Schlagen wir mit der falschen Waffe auf eine starke Rüstung, richten wir nahezu keinen Schaden an. Deshalb ist Vorbereitung wichtig: Die Banditen etwa tragen Lederrüstung und Knüppel. Wir sollten also ein Schwert einpacken, aber ebenfalls nur leichte Rüstung, um gegen sie zu bestehen.
  • Wie viel Schaden wir anrichten, wird mittels eines physikbasierten Systems berechnet. Exakt die Stelle, an der unsere Waffe den Gegner trifft und welche Rüstung dort vorhanden ist, bestimmt den Schaden.
  • Selbst Plattenrüstungen haben Schwachstellen, etwa unter den Achseln und in den Kniekehlen - wie reale Rüstungen auch. Die zu treffen, ist allerdings sehr knifflig.
  • Waffen nutzen ab. Ein Schwert mit 50% Haltbarkeit macht nur noch den halben Schaden. Um es wieder zu richten, schleifen wir es nach. Das ist ein Minispiel, bei dem wir einen Schleifstein drehen und die Klinge im richtigen Winkel ranhalten müssen. Funken verraten, dass wir gute Arbeit leisten.
  • In Turnieren - dazu später mehr - müssen wir vor jeder Runde die passende Bewaffnung und Rüstung wählen. Es gibt drei Wettberwerbsarten: Kampf, Bogenschießen und Pferderennen.
  • Die Entwickler arbeiten daran, auch noch Langwaffen wie Hellebarden und Speere sowie den Kampf zu Pferd ins Spiel einzubauen. Ebenso stehen die im Kickstarter gezeigten Belagerung sowie die große Schlacht auf der To-Do-Liste. Diese zwei Szenen gut hinzubekommen, dürfte eine große Herausforderung sein. Die finale Schlacht in der Beta erwies sich bereits als sehr bug-anfällig und holprig. Gut, dass der Release verschoben wurde! Der Titel kann alles Feintuning gebrauchen, den er kriegen kann.

Wer nicht fragt, bleibt dumm - Quests und Spielwelt

Die Welt von Kingdom Come: Deliverance ist eine komprimierte Version einer realen Gegend, wo Anfang des 15. Jahrhunderts tatsächlich die Konflikte tobten, die im Spiel thematisiert werden. In der E3-Demo zeigte man uns das Sazava-Kloster und den Innenhof einer Burg. Und auch hierzu gibt es viele interessante Details:

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  • Das Kloster entspricht dem Aussehen des Originals nahezu eins zu eins - bis hin zur Farbe der Steinblöcke in der Fassade. Der Originalzustand des Gebäudes wurde nach bestem Wissen und Gewissen der Entwickler abgebildet. Eine Historikerin berät das Team, damit solche Details stimmen. Selbst die Strohhütten im Spiel sind authentisch und nicht irgendwelche Fantasiegebilde.
  • Ein eigens angeheuerter Künstler zeichnete die Ingame-Map und diverse Wandgemälde im Stil damaliger Gemälde. Hierbei werden alle Familiennamen und Wappen historisch akkurat wiedergegeben. Die Ereignisse des Spiels fanden schließlich wirklich dort statt - freilich ist die persönliche Story unserer Spielfigur reine Spinnerei.
  • Das Kloster beherbergt einen Mörder, den wir in einer Hauptquest des Spiels finden müssen. Um in das Gebäude zu gelangen, haben wir drei Möglichkeiten: Ein nächtlicher Schleicheinsatz mit der Gefahr, erwischt zu werden. Ein Angriff mit Waffengewalt, der unseren Ruf nachhaltig ruinieren dürfte. Oder eine kleine Questreihe, bei der wir uns in die Reihen der Mönche einschmuggeln.
  • Die Mönch-Questlinie verlangt dann von uns, am Leben der Ordensbrüder teilzuhaben und regelmäßig gemeinsam zu essen, zu beten und zu arbeiten. Wer das ignoriert, fliegt irgendwann auf.
  • Auch bei den Turnieren gibt es interessante Möglichkeiten. Wir können nicht nur kämpfen, sondern auch Geld wetten und zuschauen. Oder wir wetten auf uns und treten an. Oder wir wetten gegen uns und verlieren absichtlich - was allerdings nicht folgenlos bleiben soll.
  • Weil jeder Bewohner der Spielwelt simuliert wird - samt Tagesrhythmus, können wir Turniere für unsere Zwecke nutzen. Ein Turnier zieht nämlich die Dorfbewohner der Umgebung an, sodass wir es beispielsweise bei Einbruchsmissionen leichter haben. Das Finale lockt dann selbst den Adel an -eine Chance, bestimmten Personen nahe zu kommen.
  • Alchemie ermöglicht uns, Gifte zu brauen. So können wir eine Zielperson den ganzen Tag lang an seine Wohnstatt binden
  • Viele dieser Informationen und Möglichkeiten müssen wir in Dialogen herausfinden oder uns selbst erarbeiten. Die Entwickler nehmen den Spieler hier nicht bei der Hand wie andere Genre-Vertreter. Den Spaß und die Tiefe von Kingdom Come, so scheint es uns, muss man sich mit Geduld und Experimentierfreude erarbeiten. Dafür erscheint das Gameplay des Titels einzigartig - angesiedelt zwischen Simulation, Adventure, Rollen- und Actionspiel.

Keine Experimente! - Technik und Entwicklung

Optisch sieht Kingdom Come: Deliverance nach wie vor prima aus. Angetrieben von der CryEngine 3 wirkt das Open-World-Spiel detailreich und stimmungsvoll beleuchtet - insbesondere die Außenareale und die Natur sind bildschön anzusehen.

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  • Im Rahmen der E3-Präsentation sahen wir auch endlich andere Innenräume als immer nur Bauernhütten. Und die sehen ordentlich aus, bieten aber sicher noch Verbesserungspotenzial. Die Beleuchtungsengine des Spiels scheint sich draußen wohler zu fühlen, als in Innenräumen.
  • Auch die Kamera bei Dialogen sowie die Animationen einzelner NPCs könnten Feintuning vertragen. Aber dafür ist ja noch viel Zeit.
  • Das Spiel nutzt Direct X 11 und das Team will nicht auf DX 12 umstellen - frei nach dem Motto "never touch a running system". Ebenso verwenden sie weiter die CryEngine 3 und nicht die neue 5er-Version. Keine Experimente also!
  • Immerhin nutzt Warhorse als eines der ersten Studios Cryteks neues SVOGI-System für die Beleuchtung. (Sparse Voxel Octree Global Illumination).
  • Der ursprünglich angepeilte PC-Termin Ende 2016 wurde auf "irgendwann 2017" verschoben, dann soll Kingdom Come: Deliverance gleichzeitig auch für PS4 und Xbox One erscheinen. Wir begrüßen die Verschiebung. Dem Projekt ist anzusehen, dass es noch viel Feinarbeit benötigt.
  • Die für Unterstützer veröffentlichte Beta-Version wird zunächst nicht weiter entwickelt, da sich die Arbeiten am Hauptspiel nicht ohne Weiteres in diese Beta übertragen lassen - zumindest nicht, ohne große Eingriffe in Quests und Storyline.
  • Intern stellt das Team bereits die Weichen für einen zweiten Teil, der die Story von Deliverance weiterführen soll. Wie genau dieses Spiel aussehen wird, ist allerdings maßgeblich von der Resonanz auf Deliverance abhängig.
  • Die ursprünglich geplante Veröffentlichung des Spiels in drei Akten - mit Deliverance als Akt 1 - wurde längst über den Haufen geworfen, das Deliverance inzwischen größer ist, als während der Kickstarter-Phase geplant.
  • Warhorse Studios wollen sich nicht an einen klassischen Publisher binden, um die volle kreative Kontrolle über das Projekt zu behalten, drum will das Team das Spiel - zumindest digital - selbst vertreiben. Was die Publisher-Suche angeht, hat Warhorse aktuell keine Neuigkeiten.

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