Mein Herz für Klassiker - Ich, WWF Smackdown! & der beste Charakter-Editor aller Zeiten

Auf der ersten PlayStation gehörten Wrestling-Spiele wie WWF Smackdown! zu den großen Blockbustern. Ich erinnere mich an meine Zeit im Ring und den großartigen "Create a Superstar"-Modus.

Der großartige Mehrspieler-Modus ist auch heute noch für spaßige Abende zu empfehlen. Der großartige Mehrspieler-Modus ist auch heute noch für spaßige Abende zu empfehlen.

Ich war nie ein großer Freund von Beat'em ups und Fighting Games. Meine kärglichen Erfolge in Street Fighter, Tekken, Soul Calibur und Co. beschränken sich bis heute auf ein paar überhebliche Siege gegen meinen kleinen Bruder, der die Steuerung gar nicht kannte. So faszinierend ich das ganze Genre und die dazugehörige Szene auch finde, lange fesseln können mich selbst die besten Ableger nicht. Dafür scheue ich einfach den Aufwand zu sehr, mich mit den zahlreichen Kombos und Mechaniken auseinanderzusetzen. Aber zum Glück gibt es da ja noch Wrestling-Spiele.

Blut, Schweiß & (ganz bestimmt) echte Tränen

Vielleicht liegt es daran, dass der Wrestling-Sport auf dem zwar komplexen aber doch bodenständigen Ringkampf basiert und nichts mit der fast schon übermenschlichen Martial Arts-Magie zu tun hat, aber mit den Powerbombs und Bodyslams dieser Welt habe ich mich immer am wohlsten gefühlt. Und kein Spiel hat mich tiefer in meine Wrestling-Sehnsüchte entführt als WWF Smackdown! für die erste PlayStation.

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Eine eigene Sony-Konsole hatte ich um die Jahrtausendwende leider noch nicht, also musste ich nach der Schule zum Festnetz greifen und bei Cousin Frank anrufen, um mich selbst einzuladen. Als ebenfalls großer WWF-Fan (noch vor dem Rechtstreit mit der Tierschutzorganisation) hatte er sich das allererste Smackdown-Spiel aus dem Quelle-Katalog bestellt und mir tagelang davon vorgeschwärmt, wie realistisch das Spiel doch sei und dass es sogar Cage Matches (!) geben würde.

Was ist "Mein Herz für Klassiker"?
In diesem wöchentlichen Format stellt euch die GamePro-Redaktion abwechselnd ein Spiel vor, das mindestens zehn Jahre alt ist und erklärt euch, warum es sich dabei aus unserer persönlichen Sicht (!) um einen Klassiker handelt. Mal ist es das Gameplay, das seiner Zeit voraus war, mal eine Story, die nie an Relevanz verloren hat oder einfach nur ein Spielelement, das uns nicht mehr aus dem Kopf geht.

Zu dieser Zeit war die sogenannte Attitude-Ära der World Wrestling Federation gerade im vollen Gange und Stars wie The Rock, Stone Cold Steve Austin, The Undertaker, Triple H und Mankind verhalfen dem professionellem Wrestling nach dem ersten Beliebtheits-Boom der 1980er Jahre zu einem zweiten Frühling. Das führte glücklicherweise auch zu Sendeplätzen im deutschen Fernsehen und damit auch zu durchgemachten Nächten meinerseits, weil ich die DSF-Übertragung der RAW- und Smackdown-Ausgaben nicht verpassen wollte.

Create a Superst… Monster

Der eigentlich Grund, warum ich WWF Smackdown! und den direkten Nachfolger WWF Smackdown! 2: Know Your Role über Jahre hinweg nicht aus der Hand geben wollte, war aber nicht die überraschend gut gealterte Grafik oder der Satz an den Original-Lizenzen. Das herausragende Element war, ist und bleibt der für damalige Verhältnisse schon fast lächerlich umfangreiche "Create a Superstar"-Modus.

WWF Smackdown! - Create a Superstar WWF Smackdown! - Create a Superstar

Viele Jahre bevor es in großen RPGs selbstverständlich wurde, unsere Helden bis ins letzte Detail anpassen zu können, ließ mich WWF Smackdown! vollkommen durchdrehen und die schrägsten Figuren inklusive individueller Move-Sets erstellen.

Der Wrestling-Sport lebt von seinen extravaganten Figuren, die meist überzeichnet dargestellt werden. Von Hollywood Hogan bis hin zum Handsocken-Helden Mick Foley haben sich die größten Stars der Szene schon immer von jeglicher Seriösität verabschiedet. Wusstet ihr eigentlich, mit welchem bekloppten Spezialmanöver Dwayne "The Rock" Johnson zu seinen Wrestling-Zeiten für Ruhe gesorgt hat?

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Diese selbstironische Überdrehtheit hat sich auch im Charakter-Editor von WWF Smackdown! widergespiegelt, der nicht dazu da war, uns selbst so lebensecht wie möglich nachstellen zu können, sondern um frei zu drehen und die absurdesten Cartoon-Figuren in den Ring zu stellen.

WWF Smackdown 2: Know Your Role setze hier sogar noch einen drauf und ließ mich mit meinem blauhäutigen Riesen "Bob der Haumeister" um die Championship-Gürtel dieser Welt streiten. Der Reiz mit einem eigenen Kämpfer die World Wrestling Federation unsicher zu machen, wurde durch den Story-Modus sogar noch verstärkt. Denn unsere Karriere setzt sich in WWF Smackdown! nicht einfach nur aus einer Abfolge von Kämpfen zusammen, sondern wird auch von Zwischensequenzen und Storylines begleitet, die mich Freund- und Feindschaften mit der Konkurrenz schließen lassen.

Vier Fäuste für eine Seifenoper

Die teilweise akrobatischen Kämpfe sind im Wrestling nur die halbe Miete. Mindestens genauso wichtig sind die Beziehungen unter den Stars, die immer wieder zu monatelangen Fehden aufgebauscht wurden. So gab es beispielsweise einmal einen bitterlichen Streit zwischen dem Undertaker und Kane, dessen kleinem Bruder, weil der Undertaker als Kind das eigene Elternhaus angezündet hat und dabei das Gesicht von Kane entstellte, der deswegen nur mit einer, mit Flammen dekorierten, Maske auftrat. Später haben sich die beiden dann aber vertragen und gemeinsam um Titel gekämpft. Na klar.

Was haben diese beiden Racker schon wieder vor? Was haben diese beiden Racker schon wieder vor?

WWF Smackdown! ließ mich meine ganz eigenen Geschichten schreiben und mit verschiedenen Stars Freundschaften eingehen, die mich in meinen Kämpfen unterstützten und plötzlich den Ring stürmten, wenn es mir an den Kragen ging. Gleichzeitig hatte ich auch meine Feinde, die mir meine Erfolge nicht gönnten und mich hinter der Bühne mit einem Stuhl verdroschen. Durch dieses Geflecht an Partnern, Erzfeinden, Konkurrenten und Freunden wurden meine selbst erstellten Wrestler immer organisch in das WWF-Universum eingebunden.

Die Spielmechaniken in WWF Smackdown! mögen nur solide gewesen sein und boten nicht die Tiefe, die für eine kompetitive Szene nötig gewesen wäre, aber darum geht es in Wrestling-Spielen auch nicht. Wer Mario Kart mag, obwohl er Gran Turismo langweilig findet, kann vielleicht verstehen, warum ich den anarchischen Stil von WWF Smackdown! mochte, obwohl ich mit Street Fighter IV nicht warm geworden bin. Es geht nicht um Regeln, das Gewinnen oder um Leistung, sondern ganz allein um den Spaß, seine eigene Geschichte zu schreiben. Ganz egal wie verrückt sie auch sein mag.

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