Wie FTL: Faster Than Light mein Leben gerettet hat

Dass Videospiele Leben retten können, erfuhr Rae vor fast zehn Jahren am eigenen Leib. Hier beschreibt sie, wie FTL ihr half, die dunkelsten Stunden ihrer Depression zu überstehen.

Rae spricht darüber, wie ihr FTL helfen konnte, eine dunkle Phase in ihrem Leben zu überstehen. Rae spricht darüber, wie ihr FTL helfen konnte, eine dunkle Phase in ihrem Leben zu überstehen.

Contentwarnung: Die Artikel der Mental-Health-Woche befassen sich mit verschiedenen Aspekten mentaler Gesundheit und beinhalten mitunter auch Beispiele negativer Emotionen und ungesunder Verhaltensweisen, die bei manchen Menschen negative Reaktionen auslösen können. Bitte seid vorsichtig bei Texten, die potenziell triggernde Themen für euch enthalten.

Wann immer ich in der Vergangenheit in dunklen Gedanken gefangen war und mich nicht in der Lage sah, mir Hilfe bei Freunden zu suchen, um die Monster fernzuhalten, habe ich in Videospielen Zuflucht gefunden. Sie sind schon lange einer meiner Bewältigungsmechanismen, wenn ich spüre, dass ich wieder in eine depressive Phase rutsche und sich alles etwas schwerer und trostloser anfühlt als es sein sollte. Wie viele andere Gamer*innen spiele ich (nicht nur, aber eben auch) Videospiele, wenn ich eine Pause von der Realität brauche. Oder von mir selbst und meinem eigenen Kopf.

Nie war mir das deutlicher bewusst wie in einer besonders harten Nacht vor fast zehn Jahren als plötzlich der Wunsch in meinem Kopf auftauchte, nicht mehr am Leben zu sein. Obwohl ich über die Jahre immer wieder mit Depressionen zu kämpfen hatte, war es das erste Mal, dass mein Kopf die Frage “willst du am Leben sein?” mit “nein” beantwortete. 

Wichtiger Hinweis: Videospiele können euch in euren dunklen Momenten zwar helfen, sind aber keine dauerhafte Lösung. Falls ihr selbst Depressionen oder selbstzerstörerische Gedanken habt: Ihr seid nicht allein. Holt euch bitte Hilfe. Zum Beispiel bei der Deutschen Depressionshilfe unter 0800/33 44 533 oder bei kostenlosen Beratungsstellen.

Selbstverletzung und Suizid waren bis zu diesem Moment ein abstraktes Konzept für mich. Etwas, das andere Leute tun. Etwas, das in fiktiven Geschichten passiert, wenn ein*e Autor*in schockieren möchte. Es war nichts reales, nichts, was mich selbst irgendwie betreffen würde. Bis es das plötzlich tat. Und selbst in diesem Moment, in dem Suizid wie eine valide Lösung für die Verzweiflung wirkte, die mir den Atem nahm, fühlte sie sich wie eine abstrakte Idee einer anderen Person an. Nicht mir. 

Was tut man in einem Moment, in dem das eigene Hirn einen selbst so betrügt und die Gedanken so dunkel sind, dass man befürchtet, nie wieder Licht zu sehen? Wenn man fast gelähmt ist vor Terror und nicht in der Lage ist, sich Hilfe zu suchen? In meinem Fall hieß die Antwort FTL: Faster Than Light. Das Spiel, das mir das Leben retten sollte.

Rae Grimm
@freakingmuse

Rae kämpft seit 20 Jahren mit chronischen Depressionen. Diesen Text über das 2012-erschienene FTL hat sie vor fast zehn Jahren für sich selbst geschrieben und für die Mental Health-Themenwoche aus der digitalen Schublade geholt. FTL spielt sie heute noch immer gern, allerdings hat sie es seit dieser einen Nacht nicht mehr als Notfallspiel gebraucht. Einen erfolgreichen FTL-Run hat sie übrigens noch immer nicht geschafft.

Warum gerade FTL?

Egal wie sehr ich darüber nachdenke, ich weiß nicht, warum meine Wahl in dieser Nacht ausgerechnet auf FTL gefallen ist. Es war eines von vielen Spielen in meiner Steam-Bibliothek, die ich auf Anraten meines ehemaligen IGN-Kollegen Robert im Sale gekauft und sofort vergessen hatte. Ich kann nichtmal mehr sagen, warum ich es überhaupt gekauft hatte, denn obwohl ich bekanntlich großer SciFi-Fan bin, gehörte Strategie damals nicht gerade zu meinen Lieblingsgenres. Dafür fehlte mir einfach die Geduld und die Planungsfähigkeit, denn meistens falle ich eher in die Kategorie “mit erhobenen Waffen in eine Situation rennen und das Beste hoffen”. 

Ich habe nie erwartet, dass mir FTL gefallen würde. Ich habe auch nicht erwartet, dass es mir das Leben retten würde.

Was ist FTL überhaupt? Faster Than Light ist eine 2D-Roguelike-Space-Sim und ein Strategiespiel mit RPG-Elementen. Anstatt epische und opulente Weltraumschlachten zu bestreiten, müssen wir uns auf das Management von Schiffssystemen, Crew und Ressourcen konzentrieren, um es lebendig durch bestenfalls alle acht Sektoren zu schaffen und den finalen Boss zu erreichen. Das Indiespiel von Subset Games (Into the Breach) erfordert jede Menge Micromanagement und Planungssicherheit, wenn man auch nur den Hauch einer Chance haben möchte, es zu besiegen. Es ist kein Spiel, das Fehler verzeiht. Die Schwierigkeitsstufe “Easy” würde ich mit “Schwer” in anderen Spielen vergleichen und “Hard” in FTL übersetze ich mit “Go fuck yourself”.

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Mit Sturheit, Trotz und Frust gegen dunkle Gedanken

Man sollte also meinen, dass es nicht die beste Idee aller Zeiten wäre, ein so unfassbar frustrierendes Spiel zu spielen, wenn man gerade einen der dunkelsten Momente des eigenen Lebens durchlebt. FTL konfrontierte mich schließlich wieder und wieder und wieder mit meinem eigenen Versagen. Runde über Runde musste ich dabei zusehen, wie mein Schiff in Flammen aufging und ich meine Crew an Piraten, Rebellen, Sklavenhändlern und meine eigene Unfähigkeit verlor. Immer wieder sah ich meine Kestrel, meine Engi- und meine Mantis-Schiffe in Flammen aufgehen bevor ich überhaupt den letzten Sektor erreichte. Und wenn ich es dann mal schaffte … nun, lasst uns nicht über das Massaker reden, das passierte, als ich den finalen Boss endlich mal zu Gesicht bekam. Es war eine Geduldsprobe und frustrierend wie die Hölle. 

Denn anstatt auch noch von der Verzweiflung erdrückt zu werden, nicht mal ein verdammtes Videospiel besiegen zu können, fühlte ich Trotz. Ich würde mich nicht von diesem Spiel schlagen lassen. Ich würde es nicht gewinnen lassen. 

FTL sieht simpel aus, aber es gibt viel auf das ihr euch konzentrieren müsst, um die Eindringlinge abzuwehren. FTL sieht simpel aus, aber es gibt viel auf das ihr euch konzentrieren müsst, um die Eindringlinge abzuwehren.

Diese Motivationen waren mir in diesen Momenten nicht bewusst, die Erkenntnis kam erst viel später als ich mir eingestehen konnte, wie schlimm diese Nacht wirklich gewesen ist. In den Stunden selbst war ich viel zu vertieft darin, gegnerische Schiffe zu überlisten, um mir meiner eigenen Gefühle bewusst zu sein. Ich hatte keine Zeit den Lügen meiner Depression zu lauschen. Schließlich musste ich mich um mein Schiff kümmern und eine Rebellion beenden.

Wie FTL mir geholfen hat

Was FTL für mich so effektiv gemacht hat, war nicht nur der Eskapismus, den es bot. Das Spiel forderte mich dazu, nachzudenken, ohne dabei Druck auszuüben. Ich musste nicht sofort handeln, sondern konnte pausieren und meine eigene Geschwindigkeit festlegen. Es bot eine faszinierende, sich immer wieder verändernde Geschichte, ohne aber eine emotionale Bindung zu fordern, für die ich keine Energie gehabt hätte. 

Spiele mit ausgearbeiteten Charakteren oder einer tiefgreifenden Geschichte, wie die von mir geliebte Mass Effect-Reihe können perfekte Eskapismusfantasien sein, allerdings fordern sie auch, dass wir uns auf sie und ihre emotionale Achterbahn einlassen, damit sie funktionieren können. Das macht sie im besten Fall perfekt, wenn ich im Alltag einfach eine Pause brauche. Wenn ich allerdings mitten in einer depressiven Episode bin, fordern sie oft mehr als ich geben kann und machen es zudem schwerer, zurück in die echte Welt zu finden.

Rae liebt Mass Effect, aber in dieser Phase hat ihr ein anderes Spiel geholfen. Rae liebt Mass Effect, aber in dieser Phase hat ihr ein anderes Spiel geholfen.

Statt der emotionalen Bindung, die ich sonst in meinen (Singleplayer-)Spielen bevorzuge, ließ mir FTL die Wahl, wie viel ich investieren oder mich mit der Story beschäftigen wollte. Der Fokus lag stattdessen auf einer mechanischen Erfahrung in meiner eigenen Geschwindigkeit, die mich immer wieder dazu zwang, inne zu halten und nachzudenken, anstatt mich gedankenlos in eine Situation zu werfen. Es zwang mich, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Konsequenzen meiner Entscheidungen zu überdenken – etwas, was in dieser Nacht nahezu unmöglich schien, bevor ich Faster Than Light gestartet hatte.

Es war sogar egal, dass ich nicht gewann. Nicht eine einzige Runde. Ich verlor wieder und wieder und wieder. Aber FTL gab mir ein Ziel, auf das ich hinarbeiten konnte. Es verlangte Konzentration, für die ich meine verworrenen Gedanken entknoten musste. Es gab mir etwas anstelle der Leere und Verzweiflung, die an mir zerrten, auf das ich mich fokussieren konnte, bis ich zu müde war, meine Augen offen zu halten und ins Bett ging. Und ja, manchmal stimmt das Klischee wirklich: Am nächsten Morgen sieht die Welt wieder anders aus. Manchmal sogar besser. 

Weitere Artikel aus unserer Themenwoche zu dem Komplex "Mental Health" gibt's hier:

FTL, mein Rettungsring

In den dunkelsten Momenten einer Depression ist es nahezu unmöglich an, den gefährlichen Sirenengesang der eigenen, dunklen Gedanken zu ignorieren. Gerade wenn es nichts anderes gibt, auf das man sich konzentrieren kann. Es fühlt sich an, als würde man ertrinken: Ohne einen Rettungsring scheint es keine Überlebenschance zu geben, weil nach langem Kampf gegen die über einen hereinbrechenden Wellen irgendwann die Kraft fehlt, weiter zu kämpfen und den Kopf über Wasser zu halten.

FTL: Faster Than Light war vor fast zehn Jahren mein Rettungsring. Es erinnerte mich zuerst daran, wie man atmet, dann wie man schwimmt. Wie ich mich selbst über Wasser halten konnte bis ich wieder die Stärke hatte, gegen die Wellen zu kämpfen und das Ufer zu finden, das ich aus den Augen verloren hatte. Und mir schließlich wieder Hilfe in Form einer Therapie zu suchen.

Für Rae war FTL in dem Moment ein Rettungsring gewesen. Für Rae war FTL in dem Moment ein Rettungsring gewesen.

Es ist schwer zu beschreiben, wie unglaublich überwältigend Verzweiflung sein kann. Und es ist schwer zu beschreiben, warum ein kleines, pixeliges Indiespiel daran etwas für mich ändern konnte. Ich weiß nicht, ob FTL jemandem so helfen konnte, wie es mir geholfen hat. Ich könnte nicht einmal sagen, ob es mir noch einmal so helfen könnte, wie in dieser einen Nacht. Zum Glück kam ich seither nicht wieder in eine Situation, in der sich die Frage überhaupt stellte. 

Trotzdem werde ich FTL immer dankbar sein, dass es da war als ich es brauchte und noch mehr, dass ich es heute noch immer lieben kann, ohne konstant an diese eine Nacht erinnert zu werden. Schließlich habe ich es bis heute nicht geschafft, das Spiel zu beenden. Aber dafür habe ich ja zum Glück noch etwas Zeit. FTL sei Dank. 

Eine wichtige Bitte: Da es sich bei unseren Artikeln aus der Mental Health-Woche um sensible Themen handelt, die uns beim Schreiben teilweise viel abverlangt haben, bitten wir euch an dieser Stelle ganz besonders um eine freundliche und verständnisvolle Kommentarkultur. Vielen Dank und viel Spaß beim Lesen!

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