Als Disney im Jahr 1994 "Der König der Löwen" in die Kinos brachte, feierte das Studio einen historischen Triumph. Mit fast einer Milliarde US-Dollar Einspielergebnis wurde der Film zum erfolgreichsten klassischen Zeichentrickfilm aller Zeiten. Disney vermarktete ihn als erste vollständig originale Geschichte des Studios. Doch kaum war der Film in Japan angelaufen, braute sich ein Sturm zusammen, der bis heute nicht abgeebbt ist.
Die verblüffenden Ähnlichkeiten - und ihre Grenzen
Über 400 japanische Animator*innen und Zeichner*innen unterzeichneten einen offenen Brief an Disney. Ihr Vorwurf: Der König der Löwen sei eine unverhohlene Kopie von "Kimba, der weiße Löwe" - einer Anime-Serie aus den Sechziger Jahren, die auf dem Manga "Jungle Emperor" von Osamu Tezuka basierte.
Osamu Tezuka wird in Japan als "Gott des Manga" verehrt und gilt als japanisches Äquivalent zu (ausgerechnet) Walt Disney, hat er doch mit "Astro Boy" die erste fortlaufende Anime-Serie aller Zeiten geschaffen.
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Die Ähnlichkeiten seien zu offensichtlich, um Zufall zu sein, hieß es in dem Schreiben - und wie auch ein Reddit-Beitrag im "TrueFilm"-Subreddit feststellt.
- Beide Geschichten drehen sich um junge Löwenprinzen, deren Väter sterben, die zudem in beiden Werken als Geistervisionen am Himmel erscheinen.
- Beide Protagonisten haben ähnliche Freunde: So werden sie von weisen Pavianen beraten - Rafiki in Der König der Löwen, ein ähnlicher Charakter in Kimba - und haben eine "Comic Relief"-Figur an ihrer Seite: Zazu, den Nashornvogel, und Pauly, den Papagei.
- Der Bösewicht in König der Löwen ist Scar, ein Löwe mit schwarzer Mähne und einer Narbe über dem linken Auge, der von Hyänen unterstützt wird. In Kimba gibt es hingegen "Claw", einen Löwen mit schwarzer Mähne und einer Narbe anstelle des linken Auges - ebenfalls mit Hyänen als Gefolgsleuten.
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Allerdings: Die Handlungen der beiden Werke sind grundverschieden. Kimba ist eine auf mehrere Episoden hinweg ausgelegte Serie, in der Kimba versucht, den Dschungel zu "zivilisieren" und zwischen Tier- und Menschenwelt zu vermitteln.
König der Löwen handelt indes von Rache und Erlösung - fast schon analog zu Shakespears' Hamlet - und kommt komplett ohne menschliche Figuren aus. Zudem wächst Leo im Verlauf der Serie zum erwachsenen Löwen heran, während Simba nach Jahren ins Exil zurückkehrt.
Tezukas Nachfahren sehen die Kontroverse gelassen
Die Kontroverse zieht sich selbst in moderne Zeiten. 2020 veröffentlichte der YouTuber "YourMovieSucks" ein zweieinhalbstündiges Analysevideo, das den Plagiatsvorwurf methodisch auseinandernimmt.
Sein Hauptargument: Man vergleiche 90 Minuten vom König der Löwen mit über 3.000 Minuten "Kimba"-Material aus verschiedenen Serien und Filmen. Bei so viel Material lassen sich zwangsläufig Ähnlichkeiten finden - besonders, wenn man sie aus dem Kontext reißt.
Hinzu kommt: Viele Vergleiche zeigen schlicht typische Elemente afrikanischer Geschichten. "Es ist nicht ungewöhnlich, Charaktere wie einen Pavian, einen Vogel oder Hyänen in einer Geschichte zu haben, die in Afrika spielt", sagte König der Löwen-Co-Regisseur Rob Minkoff gegenüber der LA Times.
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Die juristische Einschätzung war indes eindeutig. Madhavi Sunder, Rechtsprofessorin an der Georgetown Law, erklärte 2019 gegenüber Hollywood Reporter, Tezuka Productions hätte einen "sehr starken" (sprich: erfolgsversprechenden) Fall gehabt, wenn sie Disney verklagt hätten.
Doch Tezuka Productions verzichtete. Warum?
- Yoshihiro Shimizu, einer der aktuell führenden Köpfe von Tezuka Productions, meinte 2006, dass sich eine solche Klage nicht lohnen würde.
- Makoto Tezuka, Osamus Sohn und teilweiser Erbe der Firma, positionierte sich noch klarer: Die Kontroverse sei in Amerika entstanden, weil Menschen Disney aus prinzipiellen Gründen ablehnten.
Er weigere sich, daran teilzunehmen und wolle nicht, dass das Werk seines Vaters zur Waffe gegen Disney gemacht werde - zumal Osamu Tezuka selbst nie einen Hehl daraus gemacht hat, großer Disney-Fan zu sein.
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