Im Jahre 2012 erschien ein Third-Person-Shooter aus Deutschland, der bis heute von Fans immer wieder als der beste oder gar einzige “Anti-Kriegsshooter" bezeichnet wird. Auch ich gehöre zu dieser Gruppe, denn was Spec Ops: The Line damals geschafft hat, habe ich weder davor, noch danach, jemals wieder erlebt.
Darum geht es in Spec Ops: The Line
Auf den ersten Blick wirkt das Spiel des Berliner Studios Yager wie ein gewöhnliches Action-Spiel, der neben Army of Two, Kane & Lynch oder Gears of War perfekt in die Hochzeit der Third-Person-Shooter in den 2010er-Jahren passt.
Der Unterschied liegt allerdings in der Geschichte, die ungewöhnlich ernst ist. Als US-Soldat Captain Martin Walker mache ich mich mit zwei Kameraden nach Dubai auf. Die imposante Wüstenstadt wurde von einem verheerenden Sandsturm erfasst, der die Metropole zerstört hat.
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Spec Ops: The Line - Launch-Trailer zum Dubai-Shooter - Launch-Trailer zum Dubai-Shooter
Mein Trupp soll herausfinden, ob sich noch Überlebende dort aufhalten – mehr nicht. Allerdings lerne ich schnell, dass sich im Gebiet eine Art Schreckensherrschaft unter einem gewissen Col. Konrad gebildet hat, der vor Walker auf eine Rettungsmission geschickt wurde und nie zurückkehrte.
Im Laufe der vom Filmklassiker Apocalypse Now inspirierten, linearen Kampagne versuche ich also als Walker den bösen Colonel zu stürzen und die Stadt zu retten – zumindest ist das der Plan.
Das macht das Spiel so besonders
Während das Ziel zu Beginn klar erscheint, bilden sich immer mehr Risse in Walkers Weltbild. Wer ist hier eigentlich der Böse? Was genau mache ich hier und wie weit soll ich gehen, um meine Ziele zu erreichen?
Der wohl wichtigste Punkt in der gesamten Geschichte ist eine Sequenz, in der eine große Gruppe Soldaten den Weg versperrt. In der Nähe findet meine Truppe einen Mörser, der mit Weißen Phosphor-Granaten geladen werden kann – eine sehr grausame Waffe.
Warum genau, habe ich 2019 im Zuge einer Call of Duty-Kontroverse einmal aufgearbeitet:
Walker entschließt sich dazu, den Mörser einzusetzen. Und zieht mich da als Spieler natürlich mit rein. Einen kurzen Moment später gehe ich weiter und laufe durch den Bereich, den ich gerade beschossen habe.
Dieser Moment ist gespenstisch. Die oft noch leidenden Soldaten krümmen sich teilweise verbrannt auf dem Boden, Schmerzensschreie erfüllen die Luft und auch meine zwei Kameraden sind völlig erschüttert von dem, was wir gerade angerichtet haben.
Das Schlimmste: Wie sich herausstellt, haben die vermeintlich feindlichen Soldaten eine Gruppe Zivilisten bewacht, die im hinteren Teil des Areals Zuflucht gesucht haben. Alle mussten einen qualvollen Tod sterben.
Starke Ideen für eine starke Wirkung
Diese Szene sucht nicht nur die Protagonisten des Spiels im Verlauf der Geschichte weiterhin heim, sondern auch mich. Das Spiel nutzt zudem ein paar zusätzliche erzählerische Kniffe, um mich zum Nachdenken zu bewegen.
In den Ladebildschirmen werden etwa zu Beginn die üblichen Gameplay-Tipps eingeblendet. Im späteren Verlauf der Geschichte lese ich aber auf einmal völlig unvorbereitet Sätze wie:
“Weißt du überhaupt noch, warum du hierhergekommen bist?”
“Das US-Militär duldet das Töten von Unbewaffneten nicht. Aber das hier ist nicht real, also warum sollte dich das kümmern?”
“Fühlst du dich schon wie ein Held?”
Zusammen mit einigen anderen Story-Momenten hinterlässt ein Spec Ops: The Line ein mulmiges Gefühl, das für mich persönlich bis heute nachwirkt. Vor allem in der damaligen Zeit waren dieser Tonfall und die ernste Herangehensweise an Themen wie Kriegsverbrechen ein absolutes Novum.
Aus heutiger Sicht gibt es trotzdem einige Kritikpunkte. So wurde beispielsweise angemerkt, dass es sich letztlich trotzdem um ein Actionspiel handele, das Kopfschüsse in “cooler” Zeitlupe inszeniert – was nicht nur Anti-Kriegs-Message passe. Auch der Phosphor-Moment wirkte nicht für alle so intensiv, denn als Spieler habe ich keine Entscheidungsfreiheit in der Sequenz, was zu einer widerwilligen und distanzierenden Reaktion führen kann.
Faire Kritikpunkte, die für mich vor 14 Jahren allerdings keine große Rolle gespielt haben. Bei mir ging Yagers Plan voll auf. Die zeitgenössische Konkurrenz aus Call of Duty und Co. beschränkte sich eben größtenteils auf puren Spaß an der Action und pathetischen Heldenepos. Davon fehlt am Ende von Walkers Odyssee jede Spur.
So eindringlich wie es Spec Ops: The Line bei mir geschafft hat, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, gab es seitdem auch kaum ein anderes Spiel für mich, das ähnliches geleistet hat.
Was denkt ihr: Habt ihr Spec Ops auch gespielt und euch ähnlich gefühlt? Oder seid ihr kritischer unterwegs und kauft dem Spiel seine Message nicht ab?
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