Die Gutherzigkeit von Zagreus macht Hades zu einem besseren Spiel

Eleen findet, dass der sanftmütige Charakter von Zagreus ein wichtiger Bestandteil dessen ist, dass Hades so ein großartiges Spiel ist.

von Eleen Reinke,
28.07.2021 10:00 Uhr

Zagreus ist zwar ein ziemlicher Dickschädel und seinen Vater gegenüber auch gerne mal patzig, aber ansonsten ein herzensguter Charakter. Zagreus ist zwar ein ziemlicher Dickschädel und seinen Vater gegenüber auch gerne mal patzig, aber ansonsten ein herzensguter Charakter.

Auch wenn Zagreus, der Protagonist des Roguelites Hades, ein waschechter Gott der griechischen Mythologie ist, ist seine Situation doch für einige Spieler*innen sicher nachempfindbar: Er versteht sich nicht mit seinem Dad, hat effektiv Hausarrest von besagtem Vater bekommen, und läuft bei erster Gelegenheit von zu Hause weg. Kurzum, Zagreus liefert die perfekte Vorlage für einen rebellischen Teenager-Archetypen.

Und in gewissen Bereichen erfüllt er diese Rolle auch durchaus. Er hat ein Problem mit Autorität (zumindest der seines Vaters Hades), gerne mal einen kecken Spruch parat und läuft vor seinen eigenen Problemen davon.

Da hören die Gemeinsamkeiten mit dem mürrischen Teenager, der alles blöd findet, aber auch schon auf. Es wäre leicht (und durchaus naheliegend) gewesen, den Prinz der Unterwelt in genau diese Scharte zu packen und es damit gut sein zu lassen. Doch Zagreus entfaltet genau abseits dieser Klischees seine wahre Charakterstärke, denn er ist in seinem Kern eine absolut gutherzige Person.

Mehr als nur ein rebellischer Prinz

Zwar ist er seinem Vater gegenüber kurz angebunden bis patzig, doch das ist die Ausnahme und durchaus verständlich, wenn Hades andauernd abweisend gegenüber seinem Sohn reagiert. Versucht Zag etwa zu Anfang des Spiels auf seinen Vater zuzugehen, indem er ihm eine Flasche Nektar (eine seltene Delikatesse, die auch Trunk der Götter genannt wird) überreicht, wird er komplett abgeschmettert und kann Hades - als einzigem Charakter im Spiel - erstmal gar keinen Nektar mehr geben.

Anders sieht es wohl für Zag mit jedem anderen Charakter aus, der ihm auch nur ein bisschen Offenheit entgegen bringt. Besonders den Bewohnern des Hauses wie Achilles, Dusa und seiner Ziehmutter Nyx ist er stets offen und respektvoll gegenüber. Selbst als er lernt, dass Nyx schon längst wusste, was mit seiner Mutter passiert ist (ein Twist, der sie wohl in so manch anderer Story zur Persona Non Grata gemacht hätte) macht er ihr keine Vorwürfe. Stattdessen zeigt er sich verständnisvoll für die schwierige Situation, in der sie sich befand.

Eleen Reinke

Zur Autorin:
Eleen ist eigentlich überhaupt keine roguelike-Spielerin. Die ständige Angst, in einem guten Run mal einen fatalen Fehler zu begehen und komplett von vorne beginnen zu müssen, stresst sie zu sehr. Darum ist Hades für sie aber auch so eine Ausnahme. Sie kann einfach nicht böse sein, wenn ein Durchlauf hier mal vorzeitig endet - allein schon weil sie weiß, dass wieder jede Menge großartige Charaktere mit neuen Dialogen auf sie warten, wenn sie aus dem Fluß Styx gewatet kommt.

Auch Charakteren, die er auf seinem Weg durch die Unterwelt begegnet, ist Zagreus stets erstmal freundlich gesinnt. Wenn Spieler*innen sich nicht aktiv entscheiden, nicht mit diesen Charakteren zu reden, wird Zag früher oder später entscheiden, dass er etwa Sisyphos, Orpheus und Patroklos helfen will.

Und selbst mit seinen Feinden versucht Zagreus sich anzufreunden. So arbeitet er daran, seine Beziehung mit der Furie Meg zu fixen, ihrer Schwester Tisiphone seinen Namen beizubringen (und sie gibt sich alle Mühe, ihn zu lernen!), oder die Geschichte des Minotauren Asterius zu lernen. Die einzige Ausnahme scheint hier wohl Theseus zu sein, mit dem Zag einfach nicht auf einen grünen Zweig kommt.

Ein Lichtblick in einem deprimierenden Setting

Die Beziehung zu den anderen Charakteren ist nicht nur eine tolle Motivation, nach jedem gescheiterten Durchlauf für eine weitere Runde zum Controller zu greifen - sie gleicht auch wunderbar den eigentlich düsteren Ton des Spiels aus. Denn Zag ist so oder so im Kreislauf des Spiels gefangen: Selbst wenn er es schafft, seinen Vater zu besiegen und es in die Welt der Sterblichen kommt, kann er dort nur kurze Zeit verbleiben. Dann rafft es ihn nämlich dahin und er kehrt zurück in die Unterwelt. Also wieder auf Anfang… naja, nicht ganz.

Denn Zagreus wird zwar mit jedem Durchgang stärker, aber das würde mir wohl als Motivation nicht ausreichen, um nach jedem gescheiterten Durchlauf neu zu starten. Doch auch die Beziehungen zu den anderen Charakteren bleiben mir erhalten und können mit jedem Mal weiterentwickelt werden. Und das ist das wahre Herzstück von Hades.

Zagreus weiß zu fast jedem der Charaktere etwas positives zu sagen. Zagreus weiß zu fast jedem der Charaktere etwas positives zu sagen.

Zagreus spiegelt eigentlich wider, wie es mir dabei geht. Auch ich möchte mehr über die großartigen Charaktere wissen und ihnen allen möglichst ein Happy End geben, damit zumindest sie aus dem Zyklus ausbrechen können, in dem Zag gefangen zu sein scheint.

Weniger Klischees, mehr komplexe Charaktere

Die Gutherzigkeit von Zagreus ist dabei nicht nur eine erfrischende Abwechslung zum klassischen Rebellencharakter. Sanftmut ist sonst oft eher eine Eigenschaft, die weiblichen Charakteren zugeschrieben wird. Und Hades zeigt wundervoll, dass dem nicht so sein muss, ohne jemals die Moralkeule dabei zu schwingen.

Ich bin auch einfach froh, dass Zagreus sich nie zu "cool" ist, sich um andere zu bemühen und nie Charaktere abschreibt. Indem er so tiefe Zuneigung zeigt (und nicht nur für seine potenziellen Partner Meg und Than), macht er es mir leicht, diese Charaktere ebenfalls ins Herz zu schließen - und das macht Hades für mich zu einem wirklich großartigen Spiel.

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