The Vanishing of Ethan Carter im Test - Unfassbar gutaussehend

The Vanishing of Ethan Carter sieht im Test auf der PS4 dank Unreal Engine 4 noch besser aus als die PC-Version. Aber das hat seinen Preis.

von Dimitry Halley,
17.07.2015 16:45 Uhr

Eigentlich dürfte Paul Prospero die Welt nicht mehr verstehen. Eben noch streift der Privatschnüffler auf der Suche nach dem verschwundenen Jungen Ethan Carter durch die stimmungsvollste und schönste Herbstlandschaft, die ihm in seiner Karriere je begegnet ist - doch dann erblickt er plötzlich im Dickicht einen stummen Astronauten, komplett im Raumanzug. Professionell wie Prospero nun mal ist, rennt er dem Fremden mehr oder minder planlos hinterher, endet prompt in einer Weltraumkapsel und wird in Sekundenschnelle in den Orbit geschossen.

Viel Zeit zum Verweilen gibt's aber auch zwischen den Sternen nicht; in einem grellen Lichtblitz landet er wieder auf der Erde inmitten eines kleinen Verschlags, vom Astronauten keine Spur. Einziger Erklärungsansatz für das gerade erlebte Phänomen ist ein zerfleddertes Pulp-Magazin zwischen den Brettern, auf dem ein kleines Raumschiff abgedruckt ist. Doch statt auszuflippen, bleibt Paul Prospero ganz lässig, kommentiert das Ganze mit einem kryptischen Spruch und setzt die Suche nach Ethan Carther fort.

Das ist neu in der PS4-Version: Für die Konsolenfassung wurde The Vanishing of Ethan Carter komplett auf die aktuelle Unreal Engine 4 umprogrammiert (die ursprüngliche PC-Version lief über Unreal Engine 3). Das wirkt sich optisch spürbar aus: Die Objekte sehen noch plastischer aus, die Texturen schärfer. Somit wird die PS4-Version zu einer noch hübscheren Variante eines ohnehin schon herausragend gut aussehenden Spiels.

Allerdings hat das seinen Preis: Die Peformance läuft nicht an allen Stellen stabil. Gelegentlich ruckelt die Bildrate, die Kollegen von Candyland bemerkten beim Testen, dass Texturen zu spät nachladen. Diese Probleme stören aber nicht häufig, im Schnitt läuft Ethan Carter rund. Spielerisch hat sich hingegen nichts verändert, der Umstieg auf die Unreal Engine 4 erscheint übrigens demnächst auch als kostenloser Patch für PC-Spieler.

Vor allem Story

Nein, bei The Vanishing of Ethan Carter geht es nicht mit rechten Dingen zu. So würden wir in anderen Spielen ankreiden, dass Held Prospero nicht mehr als eine Silhouette von Figur ist - in Ethan Carter hat das aber gute Gründe. Generell wirken nahezu alle Facetten des Spiels wie eine bewusste Entscheidung: Jedes Detail hat seinen Sinn, hinter jedem Ereignis stecken mehrere Bedeutungen, auch wenn die uns auf den ersten Blick verborgen bleiben.

Dass wir uns dabei so allgemein ausdrücken, hat ebenfalls seinen Grund: The Vanishing of Ethan Carter spielt man vor allem wegen seiner Geschichte. Und diese nach und nach zu enthüllen, das ist im Prinzip auch unsere einzige Spielmotivation, weshalb wir hier natürlich so gut wie nichts vorwegnehmen wollen.

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In dieser knapp dreistündigen Story bewegen wir uns aus der Sicht von Detektiv Prospero durch Red Creek Valley, einem vermeintlich idyllischen Tal im nordamerikanischen Hinterland, und suchen nach Hinweisen, die uns zum verschwundenen Ethan Carter führen sollen. Viele Zusammenhänge -beispielsweise was der bizarre Weltraumtrip überhaupt sollte - müssen wir uns dabei selbst erschließen.

Wenn Prospero an einer Stelle vor sich hinmurmelt, dass die Herbstlandschaft von Red Creek Valley eine Fäulnis kaschiert, unter der dunkle Dinge brodeln, dann beschreibt das perfekt die Grundstimmung des Spiels. Zahlreiche Parallelen zum subtilen Horror eines H.P. Lovecraft sind dabei kein Zufall: Die Atmosphäre könnte einer seiner Kurzgeschichten entsprungen sein, wobei die Erzählweise eher dem surrealen Stil eines Twin Peaks folgt.

Macht betroffen

Der Horror von Ethan Carter verlässt sich nur selten auf Schockmomente, stattdessen setzt er auf eine düstere Stimmung und emotionale Betroffenheit, will den Spieler an das Schicksal der wenigen Menschen binden, denen man im einsamen Tal begegnet, vor allem natürlich an den kleinen Ethan Carter. Es ist der behutsam geplante Versuch einer erwachsenen Geschichte, und diese Rechnung geht auf: Die Handlung ist spannend und erfrischend tiefsinnig, ohne sich so sehr in ihrer eigenen Doppeldeutigkeit zu verlieren, wie das andere experimentelle Geschichten gelegentlich tun.

In den Außenarealen zeigt die PS4 eindrucksvoll, was sie technisch leisten kann.In den Außenarealen zeigt die PS4 eindrucksvoll, was sie technisch leisten kann.

So entfaltet sich erst im Finale die wahre Bedeutung hinter Ethan Carters Verschwinden - und die setzt das gesamte Spiel in eine neue Perspektive. Gerade deshalb bietet sich ein zweiter Durchgang mit neuer Lesart an, das kaschiert aber kaum, dass The Vanishing of Ethan Carter ein sehr kurzes Vergnügen für einen recht happigen Preis ist.

Das Spiel nimmt uns selten bei der Hand, überlässt ähnlich wie Gone Home dem Spieler die Führung durch das Geschehen. Das geht soweit, dass wir sogar ganze Abschnitte links liegen lassen können, während wir uns zum Finale vorarbeiten. Allerdings - und das ist ein großer Haken an der Sache - bleibt die Freiheit letztlich nur eine Illusion: Vor der Endsequenz werden wir gezwungen, den ganzen Weg wieder zurückzulaufen und verpasste Rätsel nachzuholen.

Eine unnötige Aufgabe, die gerade wegen der offenen Erzählweise niemand gebraucht hätte. Dabei wäre es für den Wiederspielwert sogar förderlich, wenn man es dem Spieler überlassen hätte, wie viel er letztlich bei seinem Durchgang erkundet. Stattdessen gibt's im offenen Waldland erstaunlich wenig zu entdecken; bei einem Spiel, das so sehr auf räumliches Erzählen setzt, ist das ein großes Manko.

The Vanishing of Ethan Carter - PC gegen PS4 im Grafikvergleich The Vanishing of Ethan Carter - PC gegen PS4 im Grafikvergleich


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