Es sind ziemlich genau vier Minuten in der Kampagne von Call of Duty: Modern Warfare 4 vergangen, da kommt mir zum ersten Mal ein erstauntes "Oha" über die Lippen. Denn zu diesem Zeitpunkt latsche ich mit einem Trupp südkoreanischer Soldaten auf Patrouillengang in einen – Supermarkt.
Und es ist der verdammt noch mal detaillierteste und wahrscheinlich auch glaubwürdigste Supermarkt, den ich persönlich je in einem Videospiel gesehen habe. Die Artikel in den Regalen wirken so plastisch, als könnte man sie anfassen und durch die sehr natürliche Lichtstimmung und das Verhalten der anderen Personen in dem Laden sieht das Ganze nahezu fotorealistisch aus.
Ich verbringe bestimmt fünf Minuten im Supermarkt, um mir alles penibel anzuschauen, bevor ich vom Spiel geskriptet Ramen-Nudeln und Magentropfen besorge und sie an der Kasse bezahle.
Es ist ein ziemlich ungewöhnlicher Auftakt für eine Call of Duty-Kampagne. Und es ist vor allem nicht das einzige "Oha", das mir im Laufe der etwa sieben Stunden, die danach folgen, über die Lippen gekommen ist. Denn die Kampagne von Modern Warfare 4 ist nach der fast schon desaströsen Modern Warfare 3-Kampagne vor drei Jahren etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte. Nämlich eine der besten CoD-Kampagnen überhaupt.
Test noch ohne Wertung
In diesem Artikel geht es ausschließlich um die Beurteilung der Story-Kampagne von Modern Warfare 4. Den Versus-Multiplayer und den DMZ-Modus und dementsprechend einen großen Teil des neuen CoDs konnten wir bislang noch nicht ausprobieren. Sobald das passiert ist, werden wir eine Wertung für das Gesamtpaket nachreichen.
Zwei Handlungsstränge und noch mehr Überraschungen
Dass die Kampagne so großartig ist, hat mehrere Gründe. Einmal wäre da das zumindest für CoD-Verhältnisse unverbrauchte Setting. Als in Nordkorea der junge Ri Seung-Ho an die Macht kommt, befiehlt dieser quasi als erste Amtshandlung eine großangelegte Invasion in Südkorea, unter anderem auch in der Stadt Hajin.
Genau hier erleben wir den Angriff mit – in den Uniformen des eben erwähnten südkoreanischen Rekruten-Trupps Sierra 1 rund um Private Park Hyun-Jun, der im Laufe der Kampagne natürlich zurückschlägt.
Es gibt allerdings noch einen zweiten Erzählstrang, in dem Modern Warfare-Legende Captain Price die Hauptrolle spielt. Price wird nach den Ereignissen im Vorgänger immer noch von amerikanischen Regierungstruppen gejagt, was ihn aber nicht daran hindert, noch das ein oder andere terroristische Hühnchen zu rupfen – beispielsweise mit Vladimir Makarov, den im dritten Modern Warfare untergetauchten Superschurken.
Beide Geschichten werden immer wieder im Wechsel erzählt und im Laufe der Kampagne immer stärker miteinander verwoben, was alleine schon interessant ist. Dazu kommt, dass es für CoD-Verhältnisse tatsächlich die ein oder andere Überraschung gibt, die ich so nicht habe kommen sehen.
Etwa bei den Bösewichten, bei denen es im Laufe der Kampagne – ich sage mal – gewisse Entwicklungen und Wechsel gibt. Oder bei Auftritten von aus den Vorgängern bekannten Figuren wie Dauermaskenträger Ghost oder Kartellchefin Valeria Garza, die genau die Rückbezuge auf bisherige Teile sind, die ich beim Vorgänger noch vermisst hatte.
Sämtliche Handlungsstränge bringt Modern Warfare 4 zu mal mehr, mal weniger angenehmen Abschlüssen. Und legt beim Umgang mit den teilweise über drei Spiele aufgebauten Figuren eine überraschend heftige und schonungslose Kompromisslosigkeit an den Tag. Beim Test dachte ich mehrmals "Sie werden doch nicht etwa??" Und als Antwort kam stets ein lautes "Oh doch!".
Muss ich die anderen Modern Warfare-Teile gespielt haben?
Gerade um bestimmte Figuren und ihre Bedeutung einordnen zu können, kann es nicht schaden, auch Modern Warfare (2019), Modern Warfare 2 (2022) und Modern Warfare 3 (2023) gespielt zu haben – auch wenn gerade letzteres wirklich kein gutes CoD ist. In Modern Warfare 4 gibt es zwar eine Zusammenfassung aller bisherigen Ereignisse, die ist allerdings zu kompakt gehalten, um schlüssig zu sein.
Tempowechsel wie in guten alten Zeiten
Durch die beiden Handlungsstränge (Korea = Großkonflikt, Price = Undercover) kann Modern Warfare 4 dann auch spielerisch immer wieder das Tempo variieren und macht das in einer Brillanz, wie ich es seit der ersten Modern Warfare-Trilogie nicht mehr erlebt habe.
Heftige Weltkriegs-Schlachten an koreanischen Stränden und in Schützengräben wechseln sich mit Schleichpassagen durch ein Gefängnis oder einer Zielpersonenverfolgung in einem New Yorker Nachtclub ab. Man klemmt sich an Geschütze, kachelt mit Vollgas durch die Straßen von Paris oder knipst auf Häuserdächern Gegner mit Mörsergeschossen und Scharfschützengewehren aus.
MW4 hakt gekonnt viele klassische CoD-Checkboxen ab und auch wenn das nicht immer total originell ist, ist es doch derart abwechslungsreich und brachial inszeniert, dass es fast immer sehr viel Spaß macht.
Dabei hilft natürlich das traditionell tadellose Gunplay, dank dem man fast schon traumwandlerisch sicher die anstürmenden Gegnerhorden ausknipst, die dieses Mal sogar eine ordentliche Portion KI-Grips abbekommen und mich beim Test das ein oder andere Mal selbst auf dem normalen Schwierigkeitsgrad ordentlich ins Schwitzen gebracht haben.
9:57
Die Kampagne von CoD: Modern Warfare 4 bricht mit wirklich allem!
Die Schwächen der Kampagne von Modern Warfare 4
Modern Warfare 4 ist die meiste Zeit sehr linear inszeniert, bietet also wieder jede Menge fette Explosionen und beeindruckende Skriptmomente wie ein einstürzendes Atomkraftwerk – wie ein spielbarer Actionfilm eben.
Eine offen angelegte Mission konnte sich Infinity Ward aber nicht verkneifen und die ist dann auch prompt mein größter Kritikpunkt an der Kampagne. Etwa zur Mitte des Spiels wird Sierra 1 in Nordkorea hinter feindlichen Linien abgeschossen und muss dann in einem größeren Gebiet nacheinander drei größere Missionsziele in beliebiger Reihenfolge erledigen, bevor es weitergeht.
Weil man mit in der Welt gesammelten Vorräten Teile seiner Ausrüstung und Waffen reparieren lassen kann, gibt es dort zwar ein sehr angenehmes "Ich werde mächtiger"-Gefühl. Aber trotz Schnellreisemöglichkeit zieht sich die Mission gerade im Vergleich zum Rest des Spiels viel zu lange hin, um wirklich Spaß zu machen – ist aber immer noch um Klassen besser als die schlimmen Open Combat-Missions in Modern Warfare 3.
Und wo ich schon beim Meckern bin: Perfekt ist die MW4-Kampagne nicht. Dafür sind mir die teilweise sehr schwer in den Umgebungen zu erkennenden Gegner, die wenigen Trial&Error-Passagen bei manchen Verfolgungsjagden und die etwas frickelig zu steuernden Faustkämpfe an manchen Stellen zu negativ aufgefallen. Das Gesamtbild haben sie dennoch nur minimal getrübt.
Technisch fast einwandfrei
Denn auch der technische Eindruck ist hervorragend. Der direktionale Sound mit seinen sirrenden Schüssen und wuchtigen Explosionen trägt enorm zur Mittendrin-Atmosphäre bei und auch die deutsche Sprachausgabe ist mit Ausnahme von ein paar holprigen Übersetzungen sehr ordentlich gelungen.
Modern Warfare 4 lief beim Test auf meiner Xbox Series X zudem jederzeit absolut flüssig, nur in einigen der toll anzuschauenden und sehr hochwertig produzierten Zwischensequenzen mit sehr echt wirkenden Augen und Gesichtern gab es ein paar Ruckler.
Und auch die ein oder andere unrunde Animation fiel mir wieder auf, die hat CoD irgendwie immer drin. Aber Modern Warfare 4 verzeihe ich das gerne, weil der Rest so gut ist. Und weil es diesen verdammt fotorealistischen Supermarkt hat, in dem ich mich jetzt unbedingt nochmal umschauen muss.
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