Horror-Spiele brauchen keine realistische Grafik, um unheimlich zu sein

Horrorspiele mit reduzierter Optik oder gar Pixel-Grafik können ihren ganz eigenen unheimlichen Charme haben, findet unsere Freie Autorin Samara.

von Samara Summer,
02.01.2021 10:00 Uhr

Düstere Welten können auch mit reduzierter Grafik unheimlich wirken - wie hier in Limbo. Düstere Welten können auch mit reduzierter Grafik unheimlich wirken - wie hier in Limbo.

Horrorspiele in Pixeloptik: Kann das gruselig sein? Ich finde schon. Kürzlich habe ich darüber geschrieben, wie der Gänsehaut-Sektor von der neuen Konsolengeneration profitieren kann, und natürlich ist die realistische Optik dabei ein Faktor. Klar: Sieht eine Szene nicht nur unheimlich, sondern auch noch unheimlich echt aus, hilft das der Immersion. Aber Optik ist eben nicht alles und der Gruselfaktor setzt bei Spielen mit minimalistischer Grafik an einer anderen Stelle an.

Was das heißt? Nun, da möchte ich zunächst etwas ausholen.

Sieht ein bisschen aus wie mit Paint gemalt: Hugo's House of Horrors. Sieht ein bisschen aus wie mit Paint gemalt: Hugo's House of Horrors.

Bei mir begann alles in den 90ern

Und zwar waren da noch vor Resi und Silent Hill die drei Teile von Hugo's House of Horrors: textlastige Adventures. Im ersten Teil ging es darum, eine Babysitterin aus seinem Haus zu retten, in dem sich allerlei finstere Gestalten eingenistet haben. Die Schauplätze sahen ein bisschen aus wie selbstgemalt mit Paint. Manchmal konnte ich gar nicht so richtig erkennen, was ich da vor mir hatte.

Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - saß ich fasziniert mit meinem Englisch-Wörterbuch vor dem Bildschirm, um herauszufinden, welche Schrecken sich in diesem Anwesen verbergen.

Samara Summer
@Auch_im_Winter
Samaras Faszination für Horror-Games keimte bereits in den 90ern auf, als Monster aus faustgroßen Pixeln noch gruslig waren. Als sie einem Kumpel bei den frühen Resi- und Silent Hill-Teilen beistehen musste, war es endgültig um sie geschehen. Seither verfolgt die Zockerin die Entwicklung des Genres und begeistert sich für Blockbuster-Titel, hat aber auch ein Herz für innovative und ungewöhnliche Indie-Spiele.

Würde das heute immer noch funktionieren?

Mit diesem Titel vermutlich nicht. Das Spiel hat nostalgischen Wert für mich, aber wenn ich es heute zum ersten Mal sehen würde, würden mich die bunten Pixel vermutlich wenig reizen. Das gilt allerdings nicht für das Konzept, das dem zugrunde liegt: Horror, der nicht realistisch aussieht, aber beklemmend, düster und vor allem eben unberechenbar daherkommt.

Was genau ist da mit Hugos Kopf los? In Games mit (veralteter) Pixelgrafik sind Details nicht immer leicht zu erkennen. Was genau ist da mit Hugos Kopf los? In Games mit (veralteter) Pixelgrafik sind Details nicht immer leicht zu erkennen.

Die Unberechenbarkeit ist der wichtigste Faktor

Wie ich bereits geschrieben habe, konnte ich damals bei Hugo's House of Horrors manche Szenerien gar nicht so ganz genau erkennen. Das erscheint erst mal wie ein ganz klares Manko, kann aber, wenn es bewusst von den Entwickler*innen eingesetzt wird, im Gruselsektor durchaus seinen Reiz haben. Sicher war das bei dem genannten Titel nicht beabsichtigt, sondern eher den begrenzten Möglichkeiten geschuldet, aber es gibt moderne Spiele, die sehr erfolgreich mit diesem Stilmittel arbeiten.

Besonders gut macht das beispielsweise der Vogelperspektiven-Survival-Horror Darkwood. Reduzierte, aber stilvolle Grafik und der Umstand, dass wir immer nur klar erkennen können, was sich im Lichtkegel der Taschenlampe befindet, sorgen für ständige Unbehaglichkeit - und regt gleichzeitig den Entdeckergeist sowie die Fantasie an.

Darkwood appelliert an unsere Vorstellungskraft. Darkwood appelliert an unsere Vorstellungskraft.

Auch Limbo, Inside und Carrion lassen sich in diesem Zusammenhang nennen. Bei den ersten beiden farbarmen und minimalistisch gestalteten Spielen schlagen wir uns als Kind durch eine äußerst lebensfeindliche Welt, während wir bei letzterem die Rolle des menschenverschlingenden Monsters einnehmen. Carrion setzt dabei optisch ganz klar auf Retrostyle.

Vielleicht hat mich keines der drei Spiele bibbernd unter den Schreibtisch gejagt, aber ich habe die völlig fremd wirkenden Welten durchaus als beklemmend empfunden. Beklemmender als bei so manch polierterem Horror.

Carrion setzt voll auf Retro-Horror-Charme. Carrion setzt voll auf Retro-Horror-Charme.

Horror ist das, was im Kopf passiert

Letztendlich wissen wir ja eigentlich immer - egal, ob Game oder Spielfilm - dass das, was wir da sehen, nicht echt ist. Das wusste ich auch schon als Kind in den 90ern. Angst und nervöses Kribbeln entstehen nicht aus der Überzeugung, dass wir Zeuge einer realen Szene werden, sondern in erster Linie durch unsere Vorstellungskraft und Assoziationen. Darum muss das, was über den Bildschirm flimmert, gar nicht immer super realistisch aussehen, solange es nur etwas in uns wachkitzelt.

Ich hoffe daher, dass wir auch künftig kreative Ansätze in Sachen Horrorstimmung zu sehen bekommen und Entwickler*innen nicht nur versuchen, unsere Ängste mittels Fotorealismus zu schüren.

Findet ihr, dass Horrorspiele mit möglichst realistischer Optik am unheimlichsten sind? Welche Games mit reduzierter oder veralteter Grafik haben euch Gänsehaut bereitet?

zu den Kommentaren (12)

Kommentare(12)

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.