Mein Herz für Klassiker - Ich, Harry Potter und der Stein der Weisen

Es gibt Spiele, die im Allgemeinen nie als Klassiker gelten würden, dafür aber persönliche Erinnerungen prägen. Mit Harry Potter und der Stein der Weisen stelle ich euch heute solch einen Titel vor.

von Tim Hödl,
04.07.2017 15:00 Uhr

Harry Potter und der Stein der Weisen - Zusammen mit dem Film erschienen gleich mehrere Spiele für jeweils unterschiedliche Plattformen. Harry Potter und der Stein der Weisen - Zusammen mit dem Film erschienen gleich mehrere Spiele für jeweils unterschiedliche Plattformen.

Schon von klein auf gehören die Weihnachtstage für mich zur Lieblingszeit des Jahres. Das Wetter ist immer eine dankbare Ausrede, um mich mit dampfendem Kakao vor den PC zu murmeln und in virtuellen Welten zu versinken. Höchstens der Duft von frischen Plätzchen oder wildes Schneetreiben lockt mich kurz in den Alltag zurück. Und dann gibt es natürlich noch Geschenke.

2001 wartete die PC-Umsetzung von Harry Potter und der Stein der Weisen unter dem Christbaum. Meine Eltern erfüllten mir damit einen Herzenswunsch. Schließlich sog ich die Geschichte des Jungen, der die spießbürgerliche Vorstadt gegen das Leben an der Zauberschule Hogwarts tauscht, schon Monate zuvor in mich auf.

Trotz aller Fantasy-Elemente fand ich mich in Harry wieder. Ebenso wie er ärgerte ich mich mit Hausaufgaben und Lehrern herum, fand in Klassenkameraden neue Freunde und pflegte einen lockeren Umgang mit der einen oder anderen Schulregel. Doch während ich im Heimat- und Sachkundeunterricht die Unterschiede zwischen Birken- und Eichenblättern lernte, flog er auf Besen oder braute Zaubertränke. Zumindest bestanden meine Strafarbeiten nie darin, wie im Fall von Harry, Hermine und Co. in einen Wald voller Monster geschickt zu werden.

Harry Potter und der Stein der Weisen - Hogwarts, ein Ort zum Wohlfühlen. Harry Potter und der Stein der Weisen - Hogwarts, ein Ort zum Wohlfühlen.

Dennoch schien damals nichts verlockender, als einmal selbst in den Umhang des Zauberschülers zu schlüpfen.

Was ist "Mein Herz für Klassiker"?
In diesem wöchentlichen Format stellt euch die GamePro-Redaktion abwechselnd ein Spiel vor, das mindestens zehn Jahre ist und erklärt euch, warum es sich dabei aus unserer persönlichen Sicht (!) um einen Klassiker handelt. Mal ist es das Gameplay, das seiner Zeit voraus war, mal eine Story, die nie an Relevanz verloren hat oder einfach nur ein Spielelement, das uns nicht mehr aus dem Kopf geht.

So saß ich also voller Vorfreude vor dem heimischen Computer. Nachdem mich der Installationsbalken mit jedem zusätzlichen Prozentpunkt etwas näher an die magischen Welt von Harry Potter gebracht hatte, öffnete sich endlich ein Ladebildschirm der mein Hogwarts Express sein sollte. Ich träumte bereits von all den Abenteuern, die ich erleben würde. Bis mich eine Fehlermeldung aus meinen Gedanken riss.

Harry Potter und der Stein der Weisen - Die Level stecken voller Geheimräume. Harry Potter und der Stein der Weisen - Die Level stecken voller Geheimräume.

Ich weiß nicht mehr genau, worin das Problem bestand. Ich erinnere mich nur noch daran, dass meine Festtagsstimmung so schnell verflog wie ein Schnatz auf dem Quidditch-Feld.

Glücklicherweise behob mein Vater das Problem ein paar Tage darauf. Dafür verpasste mir das Spiel selbst gleich zu Beginn den nächsten Dämpfer. Harry Potter und der Stein der Weisen staucht die Handlung der Vorlage an vielen Stellen zusammen. Hierbei schmerzte mich besonders, dass das Spiel den gesamten Anfang des Buches in einer Storyboard-Sequenz zusammenfasst. Wie Autorin Joanne K. Rowling das Magische mehr und mehr in Harrys im wahrsten Sinne schrecklich gewöhnlichen Alltag einfließen lässt, machte die Reise nach Hogwarts für mich nämlich umso schöner.

Gleich in der ersten Unterrichtsstunde, die Der Stein der Weisen regelmäßig einstreut, erfuhr ich zudem einen spielerischen Rückschlag. Ich sollte einen Zauberspruch lernen, indem ich das entsprechende Symbol mit der Maus nachzeichnete. So weit die Theorie.

Harry Potter und der Stein der Weisen - Flipendo, mein Nemesis. Harry Potter und der Stein der Weisen - Flipendo, mein Nemesis.

In der Praxis scheiterte ich kläglich an dieser Aufgabe, obwohl ich mich tagelang daran versuchte. Letztlich fühlte ich mich, als sei ich zu doof dazu, in Paint einen Strich zu ziehen. Irgendwann gelang es mir doch und von da an verzauberte mich das Action-Adventure.

Entwickler KnowWonder schuf eine liebevolle Nachbildung des Schulschlosses, das ich während oder zwischen Missionen bis in den letzten Winkel erforschte. Die einzelnen Gebiete fielen zwar allesamt überschaubar aus, boten allerdings hinter jeder Ecke neue Geheimnisse. Ob Spiegel, Kessel oder Statuen - ich verließ keinen Raum, bevor ich nicht jedes Objekt mit meinem Zauberstab abgetastet hatte. Immerhin versteckten sich dahinter meist Sammelkarten, Schokofrösche oder Bertie Botts Bohnen in allen Geschmacksrichtungen, dank denen ich mit dem fiesen Professor Snape abrechnen konnte.

Harry Potter und der Stein der Weisen - Bei den Sammelkarten hielt ich es mit Pokémon: "Gotta Catch 'em All!" Harry Potter und der Stein der Weisen - Bei den Sammelkarten hielt ich es mit Pokémon: "Gotta Catch 'em All!"

Auch der Soundtrack von Jeremy Soule (Knights of the Old Republic, The Elder Scrolls III: Morrowind, Prey) trägt einen großen Teil zu den Erinnerungen bei, die ich mit Harry Potter und der Stein der Weisen verbinde. Die Musik unterlegte das Spiel mit einem friedvollen und trotzdem geheimnisvollen Grundton, lenkte das Geschehen bei Bosskämpfen in eine treibende Richtung oder gewann den Kerkern eine schaurige Facette ab. Dabei übersteigerte sie die Atmosphäre nie, sondern fing vielmehr die Stimmung ein, die ich mir beim Lesen der Bücher ausmalte.

Die einzigen Dinge, die mich hin und wieder aus meiner Faszination brachen, waren die Steuerung sowie das Speichersystem. Vor allem während der Jump 'n' Run- oder Quidditch-Einlagen klebte die Kamera wie Flubberwurmschleim an Harry, weshalb viele Sprünge erst ins Nichts und anschließend zurück zum letzten Speicherpunkt führten. Dass diese oft weit auseinander lagen, kam erschwerend hinzu, sollte sich aber später zu meinem Vorteil wenden.

Harry Potter und der Stein der Weisen - Beim Zauberersport Quidditch gilt es, den goldenen Schnatz zu fangen. Harry Potter und der Stein der Weisen - Beim Zauberersport Quidditch gilt es, den goldenen Schnatz zu fangen.

Denn wenn meine Mutter meinte, ich hätte genug Zeit vor dem Bildschirm verbracht, konnte ich darauf verweisen, dass ich zumindest bis zum nächsten Speicherpunkt weiterspielen müsse. Und der ließ dann natürlich erstaunlich lange auf sich warten. Wobei diese Taktik auch nur solange funktionierte, bis meine Mutter mit: "Gut, dann warte ich hier neben dir." auf meinen Vorschlag reagierte.

Vielleicht spielte ich damals nur eine Filmumsetzung, deren Handlungsgerüst höchstens die Eckpfeiler der Vorlage umfasst, deren Mechaniken hier und da haken und deren Umfang reichlich kurz ausfällt. Vielleicht war es im Kern nur ein ordentliches Action-Adventure. Aber für mich ist Harry Potter und der Stein der Weisen bis heute so viel mehr.

Welche Erinnerungen verbindet ihr mit Harry Potter?

Dieser Artikel erschien am 9. Juni 2015 zuerst auf gamespilot.de und wurde für die Neuveröffentlichung überarbeitet.


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