Die Shooter-Überraschung Splitgate könnte das bessere Halo: Infinite werden

Splitgate bedient sich ganz offensichtlich bei der Halo-Reihe und schafft das, was dem Master Chief seit Jahren nicht gelingt: Eine Runderneuerung der altbekannten Formel.

von Chris Werian,
12.09.2021 14:00 Uhr

Gegen den Master Chief ist kein Kraut gewachsen. Oder vielleicht doch? Gegen den Master Chief ist kein Kraut gewachsen. Oder vielleicht doch?

Im Xbox-Store hält sich Splitgate vor etablierten Größen wie Sea of Thieves, Warframe und Hunt: Showdown, auf Steam rangiert es konstant unter den siebzig meistgespielten Titeln. Das Erfolgsrezept? Jede Menge Halo, eine Prise Portal und die ästhetische Vielfalt eines Unreal Tournament.

Offensichtliche Inspiration mit genialem Twist

Eine Battle Rifle, die exakt das Halo 4-Design spiegelt? Check. Spielmodi wie Shotty Snipers, Fiesta und Oddball? Jup. Maps, die an die Klassiker "Midship" und "Sword Base" erinnern? Auch dabei. Als langjähriger Halo-Fan entdeckt man in Splitgate zig Anhaltspunkte, die an die Bungie-Ära von Halo 2 bis Halo: Reach erinnern.

In Splitgate legen wir große Distanzen zurück - auch in der Luft. Und ja, falls ihr das Design der "Battle Rifle" schon einmal gesehen habt, dann ist das kein Zufall. In Splitgate legen wir große Distanzen zurück - auch in der Luft. Und ja, falls ihr das Design der "Battle Rifle" schon einmal gesehen habt, dann ist das kein Zufall.

"Wo kam der denn her?": Splitgate ist jedoch nicht nur eine bloße Kopie, sondern lockert das altbewährte Gameplay mit Portalen auf. Diese lassen sich an besonders hervorgehobenen Flächen platzieren, wir öffnen mit ihrer Hilfe einen Durchgang zwischen zwei verschiedenen Punkten auf der Map.

Die Portale steigern das Spieltempo gewaltig, es wird ordentlich chaotisch, da wir durch die Portale auch hindurchschießen können. Die Mechanik lädt außerdem zum Experimentieren ein. Wir lernen die 14 verfügbaren Karten auf einer ganz neuen Ebene kennen und knobeln an der perfekten Portal-Strategie. Gegner lassen sich flankieren, ihre Fluchtwege geschickt abschneiden.

Feindliche Portale lassen sich nur mit Granaten schließen. Durch sie blicken können wir außerdem nicht, nur unser eigenes Portal erlaubt die Einsicht der anderen Seite - ansonsten würde man wohl völlig den Überblick auf den Karten verlieren. Feindliche Portale lassen sich nur mit Granaten schließen. Durch sie blicken können wir außerdem nicht, nur unser eigenes Portal erlaubt die Einsicht der anderen Seite - ansonsten würde man wohl völlig den Überblick auf den Karten verlieren.

Innovation, die Halo dringend benötigt

Halo Infinite fühlt sich für unseren freien Autor Chris derzeit kaum nach einem eigenständigen Nachfolger an. Map-Design und Bewegungsoptionen erinnern an Titanfall und Call of Duty, das Waffenhandling an eine zusammengewürfelte Mischung aller Halo-Teile. Was es genau sein möchte, ist für ihn nur schwer zu greifen.

Splitgates Stärke liegt hingegen darin, dass es sich in seinen Grundzügen bei Halo bedient und die eigene Vision oben draufschraubt. Bis Halo Infinite im Dezember erscheint, können die Entwickler*innen von 343 Industries natürlich noch nachsteuern oder sich vielleicht sogar einige der folgenden Vorzüge abschauen:

  • Automatikgewehre sind endlich nützlich: Das Gunplay automatischer Waffen war in Halo schon immer unbefriedigend, auch in Infinite wirken sie bislang ziemlich lasch. In Splitgate verfügen sämtliche Automatikwaffen im Gegensatz dazu über ordentlich Bumms, sogar auf mittlerer Distanz. Sie reihen sich dadurch zum Teil sogar als Power-Waffen ein und werden nicht mehr routiniert weggeworfen, sobald wir über einen Karabiner oder eine Battle Rifle latschen.
  • Höheres Tempo, mehr Vielfalt: In Halo Infinite sprinten wir im Vergleich zur normalen Laufgeschwindigkeit kaum schneller, dafür können wir, analog zu Titanfall oder Call of Duty, schlittern. Noch wirkt die Mechanik eher wie eine Anbiederung an Spieler*innen der Konkurrenz. Splitgate lässt euch hingegen flink losstürmen, die Verzögerung nach Beendigung der Animation ist verschwindend gering. Obendrein zünden wir Jetpacks, die uns einen kurzzeitigen Schub geben. Flug-Eskapaden wie in Halo: Reach sind aber nicht möglich.
  • Interessantes Gesundheitssystem: Im Gegensatz zu den Spartans in Halo verfügen die Kämpfer in Splitgate nicht über einen Schild. Stattdessen bildet unser (großzügig bemessener) Health Pool den einzigen Schutz. Dadurch verlaufen Kämpfe ein ganzes Stück anders als in Halo. Ständige Kopfschüsse werden belohnt, es muss nicht nur die letzte Kugel perfekt sitzen.

Headshots erhöhen den Schaden um etwa 25%. In den meisten Fällen reicht das aus, um die Time to Kill um ein oder zwei Sekunden zu senken. Headshots erhöhen den Schaden um etwa 25%. In den meisten Fällen reicht das aus, um die Time to Kill um ein oder zwei Sekunden zu senken.

  • Persönlichere Gefechte: Anstatt große Maps mit immer größeren Teams zu füllen, erlaubt Splitgate maximal acht Spieler auf einer Karte. Zusätzlich können wir in sogenannten "Simulationen" antreten. Diese zusätzlichen sechs Karten wurden für vier bzw. sechs Spieler konzipiert, pausenlose Konfrontationen sind garantiert.
  • Völlige Freiheit bei den Spielmodi: Alberne Ideen lockern den Mehrspieler-Alltag auf. In "Big Head Snipers" bekommen wir … nun ja … einen riesigen Schädel verpasst, der mit dem Scharfschützengewehr abgeballert werden muss. "Lasertag" lässt uns mit irrer Geschwindigkeit durch die Gegend fliegen, als Bewaffnung führen wir aber lediglich die mit Abstand lahmste Waffe im ganzen Spiel mit uns. Splitgate bietet eine Vielzahl solcher Modi.

Chris Werian
@DrChrisRespect

Chris' Lieblingsfeature ist der blitzschnelle Takedown-Modus, der die kleinen Simulations-Karten mit einer Art Völkerball kombiniert. Nach jedem Tod steigt die Respawn-Zeit für das gesamte Team, wird jeder Spieler von der Map gefegt, ist die Runde gewonnen bzw. verloren. Der Adrenalinschub, sobald "One Enemy Remaining" oder "Last Man Standing" ertönt, ist einfach unvergleichlich.

Zudem knüppelt die Battle Rifle in Splitgate richtig hart rein. Und wir alle wissen: Je besser die BR, desto besser das Halo-Spiel. Oder in diesem Fall der Halo-"Klon".

One Enemy Remaining! Jetzt bloß nicht mehr die Waffe verreißen! One Enemy Remaining! Jetzt bloß nicht mehr die Waffe verreißen!

Längst nicht frei von Fehlern

Vielspieler werden sich am strikten Skill Based Matchmaking stören. Bis Rang zehn stoßen wir vornehmlich auf Bots, danach werden menschliche Spieler anhand eines unsichtbaren Ratings zugeordnet. Steigt ihr schnell auf, wird jede Partie zu einem Weltmeisterschaftsfinale - Stress pur.

Portale laden auf einigen Karten zum Campen ein: Auf Maps wie "Oasis" oder "Pantheon" können wir mit Leichtigkeit Portale an sehr hohen Punkten platzieren. Sie zu deaktivieren, fällt für Angreifer aufgrund der riesigen Distanz aber vergleichsweise schwer.

Die nervigste Variante der Portalnutzung: Ganz oben platzieren und sich eine ruhige Stelle suchen. Zwar ist die Sicht durch ein Portal unscharf, es fällt uns aber dennoch sehr leicht zu treffen. Die nervigste Variante der Portalnutzung: Ganz oben platzieren und sich eine ruhige Stelle suchen. Zwar ist die Sicht durch ein Portal unscharf, es fällt uns aber dennoch sehr leicht zu treffen.

Im Direktvergleich hat Halo Infinite zudem in weiteren Punkten die Nase vorn:

  • Maßgeschneiderte Engine: Grafisch beeindruckt Halo Infinite zwar bisher nicht, dennoch liegt es technisch vor Splitgate. Schick anzusehen ist die Hommage nämlich nicht, man könnte eher von Zweckmäßigkeit sprechen. Die Karten sind einfach modelliert, Texturen simpel gestaltet.
  • Markenidentifikation: Halo kann auf zwei Jahrzehnte Lore, Geschichte und verdammt coole Spartans zurückgreifen. Jedes Detail hat seinen Platz. Splitgate ist hingegen ein regelrechter Clusterfuck unterschiedlicher Stile und Ideen. Es kann durchaus passieren, dass ein quietschbuntes Hipster-Girl mit Knubbel-Look auf einen schnurbärtigen Märchen-Minenarbeiter trifft. Kohärenz geht anders.

Ein Bananensplit als Rüstung. Passt aber wohl irgendwie auch zum Titel des Spiels. Ein Bananensplit als Rüstung. Passt aber wohl irgendwie auch zum Titel des Spiels.

  • Big Team Battle: Die Halo-Reihe bietet Modi mit großen Schlachten, in denen auch Fahrzeuge zum Einsatz kommen.
  • Einfache Menüführung: Splitgates Hauptmenü ist verschachtelt wie Crusader Kings III und mit Meldungen zugepflastert wie Fortnite. Die Menüführung in Halo Infinite ist hingegen sehr klar, aus den Fehlern der Master Chief Collection hat man scheinbar viel gelernt.
  • Descoping: Wie auch schon in den Klassikern, schmeißt uns Halo Infinite aus dem Zoom, sobald wir angeschossen werden. Besonders Kämpfe mit Präzisionswaffen gewinnen dadurch an Spannung. In Splitgate visieren wir hingegen weiter an, wer zuerst trifft, gewinnt zumeist die Auseinandersetzung.
  • Duelle in Unterzahl leichter zu gewinnen: Eine wohlplatzierte Granate kann in Halo leicht in einem Double Kill münden. In Splitgate verursachen Granaten aber keinen Schaden, weshalb es nahezu unmöglich ist, ohne eine Power-Waffe gegen zwei Gegner gleichzeitig zu bestehen.

Kollege Tobias fällte ein sehr positives Urteil über die Tech Preview von Halo Infinite:

Halo Infinite-Eindrücke: Der Multiplayer ist auf einem hervorragenden Weg   35     7

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Ein spannender Dezember

Die Wahrscheinlichkeit, dass Splitgate in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, sobald Halo Infinite erscheint, ist natürlich groß. Ihr solltet jedoch unbedingt einen Blick riskieren, denn der kleine Titel hebt sich in einigen Aspekten sehr von Microsofts Vorzeigetitel ab. Die Einstiegshürde liegt immerhin niedrig, im Xbox Store ist Splitgate für lau zu haben, auf der PlayStation werden aufgrund der Altersbeschränkung wie immer 25 Cent fällig.

Welchen Gameplay-Twist würdet ihr Halo gern mal verpassen?

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