Stranger of Paradise sieht peinlich aus, aber genau deswegen liebe ich es

Stranger of Paradise: Final Fantasy Origin erhält von Fans gemischte Reaktionen, vor allem wegen seines Art Designs. Unser Autor Erik Körner findet den Stil peinlich, liebt das Spiel aber schon jetzt gerade deswegen.

von Erik Körner,
24.06.2021 17:15 Uhr

Zwar besteht Protagonist Jacks Vokabular größtenteils aus "Chaos", aber ich liebe ihn trotzdem schon jetzt. Zwar besteht Protagonist Jacks Vokabular größtenteils aus "Chaos", aber ich liebe ihn trotzdem schon jetzt.

Normalerweise folgt auf die Ankündigung eines Spiels mit einem großen Namen Euphorie. Bei Stranger of Paradise: Final Fantasy Origin blieb sie aber nicht nur aus, die Reaktionen waren sogar eher negativ.

Ob auf YouTube oder Twitter, Fans spotten über den klischeehaft maskulinen Protagonisten, sein ständiges Gerede von "Chaos" und den gezwungen ernsten Look des Trailers. Auch ich finde den Stil von Stranger of Paradise deswegen etwas peinlich - und dafür liebe ich das Spiel.

Das klingt widersprüchlich, aber: Stranger of Paradise weckt nostalgische Gefühle für Spiele in mir, die ich ebenfalls wegen ihrer Peinlichkeit geliebt habe.

Wenn ihr euch nochmal ein Bild vom Spiel machen wollt, könnt ihr euch hier nochmal den Trailer ansehen:

Stranger of Paradise: Final Fantasy Origin - Düsteres Spin-off zeigt sich im Trailer 2:33 Stranger of Paradise: Final Fantasy Origin - Düsteres Spin-off zeigt sich im Trailer

Als Videospiele unbedingt düster sein wollten

Manche dieser Spiele stammen aus den frühen 2000er Jahren. Eine Zeit, in der Games schlagartig düster wurden. Sie setzten etwa vermehrt auf schwarze Kleidung und ergänzten sie um mehr Waffen, Dreck und Blut, siehe Prince of Persia: Warrior Within. Man musste die Spiele nicht mal starten, um den Wandel zu bemerken. Schon ihre Namen sprachen Bände, wie bei Tomb Raider: The Angel of Darkness.

Nach dem recht farbenfrohen Vorgänger war Prince of Persia: Warrior Within überraschend finster. Nach dem recht farbenfrohen Vorgänger war Prince of Persia: Warrior Within überraschend finster.

Ihr Problem: Sie wollten so finster, cool und vermeintlich anstößig sein, dass es erzwungen wirkte. Sie waren das, was sich höchstens rebellische Pubertierende unter Coolness vorstellen.

Exakt daran erinnert mich der Stranger of Paradise-Trailer. Die drei Helden tragen Schwarz, der Hauptprotagonist schwingt ein lächerlich großes Schwert und redet ununterbrochen von einem gewissen "Chaos" (achtmal in knapp zwei Minuten, um genau zu sein). Jede weitere Sekunde des Trailers hat mich ein Stück weiter in Richtung der peinlich-coolen frühen 2000er Jahre versetzt.

Erik Körner
@snoopykoira
"Nein, Mutter, es ist keine Phase." Wahrscheinlich kennen alle diesen kleinen Akt der Rebellion, für mich hat er sich bewahrheitet. Stilistisch sieht Stranger of Paradise wie ein Spiel aus, das einen Emo im Ruhestand wie mich mitnehmen wird. Freund*innen mit einer PS5 haben mir außerdem versichert, dass sich das Kampfsystem an Titeln wie Nioh orientiert, was Stranger of Paradise für mich nur noch attraktiver macht.

Ich weiß, schmeichelhaft ist der Vergleich nicht, er ist aber als Kompliment gemeint. Seit meinen Teenagerjahren trage ich zu 90 Prozent schwarze Kleidung und höre weiterhin Bands wie My Chemical Romance. Deswegen denken mein nostalgisches Emo-Herz und der rebellische Pubertierende in mir beim Anblick von Stranger of Paradise: "Ein bisschen geil war's damals ja doch."

Der Protagonist ist überzeichnet maskulin

Neben den peinlich düsteren Games der frühen 2000er-Jahre gibt es noch eine weitere Gattung Spiel, an die ich bei Stranger of Paradise denke: Eine handvoll nischiger japanischer Titel, die um das Jahr 2010 erschienen und ein (männliches) Publikum im Westen finden wollten.

Dazu zählen etwa das grau-braune The Last Remnant oder das speziell für den Westen entwickelte Binary Domain, vom Team der Yakuza-Reihe. Ein noch besseres Beispiel ist in meinen Augen aber das erste Nier.

Japan bekam zwei Fassungen; die PS3-Version (NieR Replicant genannt) hatte einen jungen androgynen Mann als Protagonisten, die 360-Version (Nier Gestalt genannt) einen mittelalten, muskulösen und grimmigen Herren, den Fans "Papa Nier" tauften. Nur zweitere bekam von Square Enix einen westlichen Release, weil der Publisher dachte, Nier würde sich dank des älteren Herrn besser im Rest der Welt verkaufen.

"Papa Nier" sollte Nier zu größerem Erfolg im Westen verhelfen. "Papa Nier" sollte Nier zu größerem Erfolg im Westen verhelfen.

Ihr merkt sicher, worauf ich hinaus möchte: Der Protagonist von Stranger of Paradise erinnert mich an "Papa Nier". Er heißt Jack (einer der generischsten Namen für Action-Helden), blickt konstant grimmig, trägt einen beliebigen Kurzhaarschnitt und alltägliche Kleidung. Und wie schon "Papa Nier" vor ihm schreit Jacks gesamtes Design so verzweifelt "Männer, mit diesem Spiel könnt auch ihr Spaß haben!", dass ich es auf eine trashige Art lustig finde, gerade weil ich mich als Mann nicht damit identifizieren kann.

Es ist gut, dass Stranger of Paradise heute die Ausnahme ist

Ich möchte nicht sagen, ich wünsche mir Titel wie Prince of Persia: Warrior Within oder das westliche Nier zurück. Ich finde es gut, dass Spiele stilsicherer geworden sind, und nicht länger wie eine jugendliche Rebellion wirken oder sich verbiegen, um einem anderen Publikum zu gefallen. Allerdings vermisse ich solche Spiele etwas, weil sie mir immer noch ein unfreiwilliges nostalgisches Lachen abgewinnen. Deshalb bin ich froh, einen Funken dieser Peinlichkeit in Stranger of Paradise wiederzusehen.

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