Dieses Switch-Spiel hat einen perfekten Metascore und ist trotzdem schlecht

The House in Fata Morgana, eine Visual Novel, hält seit Wochen einen Metascore von 100. Unser Autor Erik Körner hat sich das Spiel angeschaut und widerspricht der perfekten Wertung.

von Erik Körner,
31.05.2021 18:00 Uhr

The House in Fata Morgana hat 100 Punkte auf Metacritic. Ist es das perfekte Spiel? The House in Fata Morgana hat 100 Punkte auf Metacritic. Ist es das perfekte Spiel?

Triggerwarnung: Der Artikel behandelt Themen wie Vergewaltigung und Beschreibungen extremer Gewalt.

Das beste Spiel der Welt ist eine Visual Novel - wenn man den Zahlen glaubt. The House in Fata Morgana: Dreams of the Revenants-Edition für die Nintendo Switch hält seit einigen Wochen einen Metascore von 100 auf Metacritic. Im Spiel, das sich als "Gothic Horror"-Geschichte versteht, reist ein an Amnesie leidender Geist im titelgebenden Haus durch verschiedene Epochen, um seine verlorenen Erinnerungen zu finden. Dabei entfaltet sich eine Handlung voller unerwarteter Wendungen und verstörender Events.

Die Rezensionen auf Metacritic loben das Storytelling, den Artstyle und die Musik; manche behaupten sogar, The House in Fata Morgana sei das letzte Spiel, das ihnen Tränen in die Augen getrieben hat. Doch reicht das, um einen perfekten Score zu rechtfertigen?

Der Erfolg kam nicht über Nacht

Bis es zu den Traumwertungen kam, verstrichen einige Jahre. Zum ersten Mal erschien The House in Fata Morgana im Dezember 2012 in Japan für den PC und erst 2016 im Westen. Versionen für PS Vita, PS4, iOS und den 3DS von diversen Publishern folgten. Bis heute hat jedoch keine dieser Fassungen einen Metascore.

Im März diesen Jahres erschien dann die Dreams of the Revenants-Edition für Switch in Japan und einen Monat später im Rest der Welt. Sie bietet die vollständige The House in Fata Morgana-Erfahrung, da sie neben dem Hauptspiel die Begleitgeschichte "A Requiem for Innocence" enthält sowie die Zusatzepisode "Reincarnation" und diverse Kurzgeschichten.

Schon der Titelscreen kommuniziert, wie viel Inhalt die Dreams of the Revenants Edition bietet. Schon der Titelscreen kommuniziert, wie viel Inhalt die Dreams of the Revenants Edition bietet.

Dieses Mal erreicht die Visual Novel die Presse; sechs Webseiten verleihen 100 Punkte. Mit einer weiteren perfekten Review würde The House in Fata Morgana Metacritics Liste der besten Spieler aller Zeiten anführen und The Legend of Zelda: Ocarina of Time (99 Punkte) entthronen.

Sogar auf Steam kann sich die Visual Novel mit einem überwältigend positiven User Score rühmen. Fast scheint es, als wäre sie tatsächlich makellos. Wären da nicht die privaten Nutzer:innen von Metacritic. Sie bewerten The House in Fata Morgana mit eher ernüchternden 6.9 Punkten.

Erik Körner
@snoopykoira

Erik studiert Deutsch und Englisch mit Fokus auf Literaturwissenschaften und liebt Visual Novels. Ein Traumpaar! Er beschwert sich häufig über zu lange Spiele, versenkt dann aber trotzdem mehr als 30 Stunden in die nächste Visual Novel. The House in Fata Morgana war für ihn jedoch eine Qual, da das Spiel voller problematischer Stellen steckt, die kein (digitales) Buch heutzutage mehr haben sollte. Selbst einige Bücher von vor 100 Jahren waren da sensibler.

Zwar finden sich auch hier Lobeshymnen, die Kritiken sind dafür umso harscher. "Das Spiel hat fünf bis sechs Stunden guten Content, der auf 20 weitere Stunden belanglose Laberei gestreckt wurde", schimpft ein Nutzer. Eine andere Person spottet: "Es liest sich wie eine Fan-Fiction von einem 14-Jährigen."

Verdient The House in Fata Morgana 100 Punkte?

Die Meinungen zu The House in Fata Morgana sind also gespalten. Wir haben rund 30 Stunden mit der Visual Novel verbracht, um uns ein eigenes Urteil zu bilden.

Kommen wir direkt zum Punkt: The House in Fata Morgana ist weder das beste Spiel aller Zeiten, noch ist es revolutionär, wie eine Review behauptet. Es ist schlicht kein gutes Spiel. Müsste ich es mit einer Zahl bewerten, würde es höchstens eine 40 erhalten, Tendenz sinkend. Dafür gibt es zahlreiche Gründe.

Die Geschichte des Spiels ist erdrückend frauenfeindlich. Das beweist eine der zentralen der Figuren, eine junge Frau mit blasser Haut, weißem Haar und roten Augen. The House in Fata Morgana zeichnet sie als wandelndes Stereotyp. Sie ist eine zarte, fragile Person die beschützt werden muss - am besten von einem Mann.

Einige Frauen im Spiel sind Männern gegenüber bedingungslos loyal. Einige Frauen im Spiel sind Männern gegenüber bedingungslos loyal.

Ihre bedingungslose Loyalität gegenüber Männern unterstreicht ihr problematisches Writing. In einer Geschichte sperrt sie der Unternehmer Jacopo, ihr Ehemann, für mehrere Monate in ein Gartenhaus, weil er sie fälschlicherweise des Fremdgehens verdächtigt, und ignoriert sie fortan. Zuvor vernichtete er aus demselben Grund ihren geliebten Rosengarten und verbat den Kontakt mit anderen Männern.

Trotzdem bleibt sie hoffnungsvoll, sie vermutet noch Gutes in ihm. Dafür liefert die Geschichte zwar eine Erklärung, doch selbst die triftigsten Gründe können eine solche Romantisierung missbräuchlicher Beziehungen nicht entschuldigen - vor allem nicht im Jahr 2021.

Junge Frauen sollten laut The House in Fata Morgana am besten zurückhaltend sein und generell einfach die Klappe halten. Junge Frauen sollten laut The House in Fata Morgana am besten zurückhaltend sein und generell einfach die Klappe halten.

Überhaupt haben die Frauen in The House in Fata Morgana kaum Eigenständigkeit. Meistens sind Männer ihre einzige Motivation. Eine Frau sucht ihren Mann, zwei Frauen ringen um denselben Mann, eine Frau möchte sich an einem Mann rächen. Zumindest letzteres klingt auf dem Papier interessant, da ihre Rache patriarchalen Familienstrukturen entstammt. Sie scheitert (SPOILER!.....) mit einer Kugel zwischen den Augen. Der Status Quo bleibt.

Horror bedeutet nicht, einfach grausam zu sein

Wie eingangs erwähnt sieht sich The House in Fata Morgana als eine (Gothic-) Horrorgeschichte. Und wie für Horrorstorys üblich enthält es verstörende Elemente. Guter Horror nimmt diese Elemente, um uns respektvoll mit unseren Ängsten zu konfrontieren, siehe Silent Hill 2.

Das versteht The House in Fata Morgana nicht. Verstörendes dient dem Spiel bloß für den "Shock Value". Es schreckt zum Beispiel nicht vor einem inzestuösen Übergriff zurück, nur damit eine Geschichte möglichst anstößig endet. Zudem ist der Titel unverhältnismäßig grausam. Später wird eine Frau mehrfach vergewaltigt; der Täter beleidigt und schlägt sie regelmäßig und schneidet ihr mit einem Messer das Wort "Hure" in den Schritt.

Unverhältnismäßige Gewalt bietet The House in Fata Morgana leider regelmäßig. Unverhältnismäßige Gewalt bietet The House in Fata Morgana leider regelmäßig.

Natürlich sollten auch Spiele traumatische Ereignisse behandeln dürfen. Denn das ist eine zentrale Eigenschaft erwachsener Medien. Wichtig ist dabei die sensible Auseinandersetzung mit diesen Dingen. Daran scheitert The House in Fata Morgana und driftet regelmäßig in die Geschmacklosigkeit ab.

The House in Fata Morgana erzählt eine Geschichte, die nichts sagt

Selbst wenn man es schafft, diese Probleme auszublenden, leidet die Geschichte an mangelnder Substanz. Weder lädt sie zum Reflektieren ein, noch trifft sie Aussagen über die Welt. Oder anders gesagt: Sie erzählt, ohne etwas zu sagen. Gelegentlich versucht die Visual Novel, spannende wenn auch vertraute Themen anzuschneiden, etwa Klassenunterschiede oder die Wichtigkeit offener Gespräche. Doch diese Themen wurden bereits zuhauf und vor allem weitaus überzeugender von anderen Spielen behandelt. The House in Fata Morgana liefert hier keine neuen Erkenntnisse.

Dass sich die Dialoge regelmäßig in Geschwätzigkeit verlaufen, hilft nicht. Ständig wiederholt The House in Fata Morgana bereits etablierte Informationen und Gespräche treten mit Füllerdialogen auf der Stelle. Ein strenger Rotstift wäre dringend nötig gewesen. Allein das Hauptspiel hätte so mühelos zehn Stunden kürzer sein können - ein Drittel seiner Länge.

Ähnliches lässt sich auch über The House in Fata Morgana sagen, wäre es nicht zu "offensive". Ähnliches lässt sich auch über The House in Fata Morgana sagen, wäre es nicht zu "offensive".

Außerdem verlässt sich die Story stur auf ihre Twists. Im Lauf der Handlung betritt der Protagonist mehrere Türen im titelgebenden Haus, die ihn in verschiedene Epochen transportieren. Gegen Ende dieser Kurzgeschichten wartet oft eine vermeintlich spektakuläre Wendung, durch die die Geschichten erst Sinn ergeben.

Grundlegend ist das nichts Schlechtes. Das Ende von Metal Gear Solid 3: Snake Eater ist exakt wegen dieser Art Twist beeindruckend. Weil The House in Fata Morgana sie aber so häufig nutzt, verlieren sie ihr überraschendes Element. Dieses Muster fällt schnell auf. Irgendwann überfliegt man Textboxen nur noch, um endlich zum Punkt zu kommen.

The House in Fata Morgana ist schick, aber leblos

Da kann auch die Ästhetik wenig retten. Die an Castlevania erinnernden Illustrationen sind hübsch, aber steril. The House in Fata Morgana haucht ihnen kaum Leben ein, die meisten Szenen zeigen minutenlang dieselben Standbilder.

Zumindest sieht das Spiel hier und da hübsch aus. Zumindest sieht das Spiel hier und da hübsch aus.

Das können andere Genrevertreter, wie Phoenix Wright oder die Zero Escape-Trilogie, besser. Und der Soundtrack klingt, als hätte man die fantastische Musik von NieR auf Wish bestellt.

Zum Vergleich: Hier ein Stück aus The House in Fata Morgana und ein Song aus NieR Replicant/Gestalt.

Wer in Visual Novels einsteigen möchte, sollte eher zu der eben erwähnten Zero Escape-Serie, den Phoenix Wright-Spielen oder Danganronpa greifen. Die haben zwar keinen perfekten Metascore, sind aber aus meiner Sicht die besseren Games.

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