Visage: Der Psycho-Horror, auf den alle P.T.-Fans gewartet haben?

Entwickler SadSquare will mit Visage in P.T.s Fußstapfen treten. Unsere Freie Autorin und P.T.-Fan Samara hat sich angeschaut, ob das funktioniert.

von Samara Summer,
07.11.2020 14:00 Uhr

Das labyrinthische Visage-Haus steckt voller gut verborgener Geheimnisse. Das labyrinthische Visage-Haus steckt voller gut verborgener Geheimnisse.

Entwickler SadSquare will mit Visage in P.T.s Fußstapfen treten. Nach einer langen Early Access-Phase ist das Game endlich fertig und auf Xbox One sowie PS4 erhältlich. Es handelt sich um eine storybasierte First Person Experience mit Rätseln, fiesen Geistern und einem Amnesia ähnlichen Sanity-System. Wird dieser Mix meinen hohen Erwartungen als P.T.-Fan gerecht?

Vertrautes Bild: Board mit Foto und Radio in P.T.. Vertrautes Bild: Board mit Foto und Radio in P.T..

Immobiliencheck

Bei der Besichtigung des riesigen labyrinthischen Visage-Hauses sind einige Parallelen zu P.T. augenscheinlich: Retro-Flair, Board mit Radio und Dauerwellen-Fotos, Alkohol, Kippenstummeln und Tabletten, rote Lichter, eine ständig wiederholte Zahlenfolge, sprechende Küchengeräte, die humorvoll an die philosophische Tüte aus P.T. erinnern. Diese Referenzen wirken in Visage aber nicht plump geklaut, sondern sind stimmig inszeniert.

Detailansicht aus Visage: Da werden sofort Erinnerungen an P.T. wach. Detailansicht aus Visage: Da werden sofort Erinnerungen an P.T. wach.

Transformation

Die Räumlichkeiten in P.T. veränderten sich ständig und boten immer neue schauerliche Details. Auch in dem Punkt eifert Visage dem Vorbild nach. Die Transformationen sind gebunden an drei Kapitel. Sie erzählen voneinander unabhängige Geschichten von Personen, die zu verschiedenen Zeiten in dem Haus lebten und die immer auf Wahnsinn und Tod herauslaufen.

In jeder Story gibt es räumliche Veränderungen: Mal können wir Spiegel einschlagen und hinter ihnen Gänge entdecken, mal finden wir ein Loch im Boden, und einen blutigen Strang, an dem wir in die Tiefe hinabsteigen können. Eine gute Weiterführung der P.T.-Idee. Das dritte Kapitel entfernt sich aber für meinen Geschmack etwas zu weit von diesem Konzept. Es spielt hauptsächlich in einem Krankenhaus, wodurch für mich ein Bruch entsteht.

Wenn hinter der Kellertür auf einmal ein Außenareal mit Riesen-Panda auf uns wartet... Wenn hinter der Kellertür auf einmal ein Außenareal mit Riesen-Panda auf uns wartet...

Die deutlich spürbare Präsenz des Bösen

Die Horroratmosphäre wurde in P.T. durch verstörende Bilder - lebender Fötus im Waschbecken -, gute Jumpscares und eine weirde Soundkulisse kreiert. Meiner Meinung nach kommt Visage da sehr dicht ran! Es gibt ruhige unheimliche Passagen, in denen wir beispielsweise Wandgemälden folgen, die nur durch einen Fotoapparat zu sehen sind, aber auch eine kontinuierliche Bedrohung, beispielsweise durch Geistermädchen Lucy, dem der Unterkiefer fehlt.

Lucy trachtet uns nach dem Unterkiefer. Lucy trachtet uns nach dem Unterkiefer.

Samara Summer
@Auch_im_Winter
Samaras Faszination für Horror-Games keimte bereits in den 90ern auf, als Monster aus faustgroßen Pixeln noch gruslig waren. Als sie einem Kumpel bei den frühen Resi- und Silent Hill-Teilen beistehen musste, war es endgültig um sie geschehen. Seither verfolgt die Zockerin die Entwicklung des Genres und begeistert sich für Blockbuster-Titel, hat aber auch ein Herz für innovative und ungewöhnliche Indie-Spiele.

Wie hält man die P.T. typische Anspannung während eines ganzen Spieles aufrecht?

Visage versucht es mit einem Sanity System, ähnlich wie in der Amnesia-Reihe: Bleiben wir zu lange im Dunklen, verlieren wir den Verstand - und, zack: Kieferamputation durch Lucy, oder ein ähnlicher Tod. Einerseits schön schweißtreibend, andererseits kann diese Mechanik auch nerven. Nicht nur mir ist es mal passiert, dass ich in völliger Dunkelheit überhaupt keinen Weg mehr gefunden habe und darum immer wieder gestorben bin. Das Dunkel in Visage ist konturloser als das in Amnesia - und denkt nicht mal dran, mit dem Gamma-Wert zu schummeln. Dadurch wird aus undifferenziertem Schwarz nur undifferenziertes Grau.

Zu lange im Dunklen rumstehen, rächt sich sofort. Zu lange im Dunklen rumstehen, rächt sich sofort.

Irre gut gehütete Geheimnisse

Davon hatte P.T. mehr als genug und auch im Visage-Haus muss man ganz genau hinschauen, um alles zu entdecken. Das weiß ich zu schätzen und dabei wird mir auch nicht langweilig - außer, wenn hin und wieder streckende Mechaniken dazukommen, wie wenn man einen Hammer immer wieder aus einem peripheren Schrank hervorholen muss, weil er automatisch dort gelagert wird.

Diese Tüte mit unbekanntem Inhalt hat in P.T. eine geheimnisvolle Geschichte zu erzählen. Diese Tüte mit unbekanntem Inhalt hat in P.T. eine geheimnisvolle Geschichte zu erzählen.

Hat Visage letztendlich meine Erwartungen erfüllt?

Ja! Ich habe selten ein Horror-Game gezockt, das es schafft, die beklemmende Intensität über eine Spielzeit von 10-15 Stunden so gut aufrecht zu erhalten. Das Game würde ich Horrorfans empfehlen, die auf eine dichte Gruselatmosphäre stehen. Für die gut versteckten Geheimnisse und die etwas umständlichen Inventar-Mechaniken solltet ihr aber genügend Geduld und Frustresistenz mitbringen.

Habt ihr jetzt Lust auf Visage bekommen oder es vielleicht schon gezockt? Oder fallen euch andere Games ein, die auf gelungene Art an P.T. erinnern?

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