Ichiban Kasuga hat das, was vielen Helden fehlt: ein großes Herz und Emotionen

Als neuer Protagonist der langjährigen Yakuza-Reihe trat Ichiban Kasuga in schwermütige, hypermaskuline Fußstapfen und machte als liebenswürdiger Menschenfreund alles anders.

von Hannes Rossow,
03.08.2021 14:00 Uhr

Ja, Ichiban ist im Kern ein stolzes Mitglied der Yakuza. Was das aber bedeutet, definiert er für sich selbst. Ja, Ichiban ist im Kern ein stolzes Mitglied der Yakuza. Was das aber bedeutet, definiert er für sich selbst.

Wie würdet ihr euch ein ehemaliges Mitglied der japanischen Yakuza vorstellen? Einen professionellen Gangster, der in einem männlich geprägten Milieu tätig ist, in dem Gewalt, Verrat, Mord und Erpressung an der Tagesordnung stehen?

Viele Jahre lang fanden die Yakuza-Spiele dieselbe Antwort: zynisch, abgebrüht und distanziert. Kazuma Kiryu, tradierter Yakuza-Protagonist, war die Personifizierung dieser Idee des unerschütterlichen Verbrechers mit Sinn für Gerechtigkeit - aber dann kam Ichiban Kasuga.

Weiche Schale, weicher Kern

Mit dem Wechsel von Kiryu zu Kasuga als spielbaren Helden schlug Yakuza: Like a Dragon eine neue Richtung ein. Aus einem actionreichen Brawler mit mehreren Ablegern wurde plötzlich ein rundenbasiertes RPG mit wechselbaren Klassen. Viel stärker als der Fokus auf neue Spielmechaniken wirkte auf mich aber der charakterliche Unterschied zwischen den beiden Protagonisten. Denn Ichiban Kasuga ist so ziemlich das Gegenteil davon, was wir bislang von Yakuza gewohnt waren.

Ichiban ist ein offener, hilfsbereiter Tagträumer, der sein Herz auf der Zunge trägt und vor allem durch die Liebe zu seinen Mitmenschen motiviert wird. Klar, auch hier gibt es einen Sinn für Gerechtigkeit und die bedingungslose Loyalität als Tugend - aber es ist noch viel mehr als das. Denn Ichiban ist, was Kiryu - und Männern in Mediendarstellungen allgemein - oft nicht erlaubt ist: hochemotional. Und Emotionalität meine ich hier in ihrer vollen Bandbreite, nicht nur hinsichtlich dem maskulinen Dreiergespann aus Wut, Sehnsucht und Trauer.

Auch Kiryu hat seine "weiche" Seite - die er aber lieber versteckt hält. Auch Kiryu hat seine "weiche" Seite - die er aber lieber versteckt hält.

Meine Zeit mit Yakuza: Like a Dragon habe ich vor allem deswegen genossen, weil ich mit Ichiban einen Protagonisten an die Hand bekam, der zumindest versucht, die toxischen Klischees von Männlichkeit zu meiden.

Anstatt grübelnd und unterkühlt durch die Straßen zu ziehen und im Namen der Rache die Fäuste sprechen zu lassen, darf ich einen erwachsenen Mann dabei erleben, wie er gefühlvoll und empathisch auf seine Umwelt und die Bedürfnisse und Probleme anderer Menschen reagiert.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Männliche Helden sind oft widerwillige Helden. Eigentlich auf sich bedacht, müssen sie angesichts von Ungerechtigkeit eingreifen und die Dinge richtig stellen - meist gepaart mit der späten Einsicht: Auch ich brauche (manchmal) andere Menschen. Ichiban hatte diese Erkenntnis nie nötig, denn es liegt schlicht in seiner Natur, auf das eigene Herz zu hören, Gefühle niemals zu unterdrücken und Hilfe anzubieten, wo sie gebraucht wird. So beschützt er schon mal die letzte Kaki-Frucht eines Baumes, einfach weil sie einem schwerkranken Mädchen Hoffnung auf Besserung macht.

In einer anderen Nebenquest leistet er einem kleinen Jungen in einem Restaurant Gesellschaft, der aufgrund seiner vielbeschäftigten, alleinerziehenden Mutter oft allein essen muss. Hilfe zu leisten, heißt für Ichiban nämlich nicht einfach nur "Bösewichte verprügeln" - obwohl er das natürlich auch zuhauf macht - sondern auch emotionale Unterstützung anzubieten. Ichiban versteckt sich nicht hinter der gesellschaftlichen Rolle von männlicher Härte und trägt sein Innerstes stattdessen offen zur Schau. Das wirkt manchmal naiv, manchmal befremdlich aber immer aufrichtig.

Wann bekommen wir schon mal erwachsene Männer in Videospielen mit verheulten Gesichtern zu sehen? Wann bekommen wir schon mal erwachsene Männer in Videospielen mit verheulten Gesichtern zu sehen?

Schicksalschläge sind kein Freifahrtschein für Misanthropen

Diese emotionale Komplexität fußt nicht darauf, dass Ichiban weltfremd ist und das "echte, harte Leben" deshalb nie kennengelernt hat. Im Gegenteil sogar: Als Vollwaise im Rotlicht-Milieu aufgewachsen, gehörte er von Geburt an zu den Schwächsten der Gesellschaft. Sein Leben war geprägt von Verzicht und hoher Belastung, während seine Zukunft durch den sozialen Stand und die fehlende Bildung alles andere als rosig aussah. Selbst die vermeintliche Besserung in Ichibans Leben durch die Kameradschaft der Yakuza hielt Enttäuschungen bereit.

Nach einer langen, unrechtmäßigen Haftstrafe von fast 20 Jahren wird Ichiban von seiner Vaterfigur verraten, angeschossen und halbtot in den wortwörtlichen Müll geworfen. Hier finden sich gleich dutzende Ansatzpunkte für die gewohnte Verbitterung, die gebrochene Männer dieser Art so oft an sich haben. Trotz dieser mittellosen Umstände und obwohl er allein gelassen und betrogen wurde, könnte das Herz von Ichiban gar nicht größer sein. Trotz seiner traumatischen Erlebnisse darf er weiterhin ein Mensch bleiben.

Ex-Gangster mit Herz und Seele

Der Grund für das neuartige JRPG-Gameplay, das Yakuza: Like a Dragon einführt, ist Ichibans Liebe zu Dragon Quest, das er als Kind mit Begeisterung gespielt hat. Diese Flucht in die heldenhaften Abenteuer haben seine Vorstellungskraft derart beflügelt, dass er sich selbst als Held sieht, der die Welt vom Bösen befreien möchte. Nerdige Verspieltheit und träumerische Ideale sind ebenfalls nicht gerade Eigenschaften, die bärbeißigen Videospiel-Männern zugestanden wird.

Die Geschichte von Ichiban ist schon fast cartoonesk tragisch. Unterkriegen lässt er sich davon aber nicht. Die Geschichte von Ichiban ist schon fast cartoonesk tragisch. Unterkriegen lässt er sich davon aber nicht.

Laut den Machern von Yakuza: Like Dragon bekam Ichiban (auf deutsch etwa "die Nummer 1") seinen Namen, weil sein lebensbejahender Charakter im Kontrast zu seiner brutalen Lebensrealität steht. Klar, es geht ihm nicht immer gut und er hat viele Dinge zu verarbeiten, auf die er auch oft ungehalten und untröstlich reagiert. Am Ende ist er aber mit sich und seiner Umwelt im Reinen. Tatsächlich dient Ichiban mit seiner unerschütterlichen Nächstenliebe und Begeisterungsfähigkeit sogar als Inspiration für seine ebenfalls gebeutelten Freunde und Begleiter.

Im direkten Vergleich hat Ichiban vielleicht mehr Schwachstellen als Kazuma Kiryu - zu oft wird der Held von Yakuza: Like a Dragon von seinen Gefühlen übermannt, zu oft wird sein Vertrauen in vermeintliche Freunde enttäuscht. Trotzdem ist Ichiban am Ende aber der größere und bessere Held. Denn trotz dieser (menschlichen) Schwachstellen ist Ichiban nicht weniger kompetent, nicht weniger stark, nicht weniger standhaft. Er ist Kiryu in Sachen Kampfkraft ebenbürtig, zeigt zudem aber auch, dass zum Heldentum mehr gehört als nur ein kräftiger Leberhaken.

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