Assassin's Creed Valhalla - Das sagt die Forschung zu Wikinger-Kriegerinnen

Assassin's Creed Valhalla lässt uns die Wahl zwischen männlichen und weiblichen Kriegern. Gab es diese Wahl auch für Menschen im neunten Jahrhundert?

von Ann-Kathrin Kuhls,
12.05.2020 19:00 Uhr

In Assassin's Creed Valhalla kann unser Protagonist männlich oder weiblich sein. In Assassin's Creed Valhalla kann unser Protagonist männlich oder weiblich sein.

In Assassin's Creed Valhalla können wir neben einem männlichen auch eine weibliche Wikinger-Kriegerin spielen. In den meisten Serien und Filmen sehen wir jedoch meistens Männer. Aber nicht nur skandinavische Legenden, sondern auch jüngste Ausgrabungen zeigen, dass nicht nur die Männer dieser Zeit angesehene Krieger werden konnten.

Das zeigt uns schon ein Blick auf die skandinavische und germanische Sagenwelt. Dort treten neben den Walküren und Geistwesen aus Odins Gefolge auch immer wieder die so genannte Schildmaiden aus Fleisch und Blut auf den Plan.

Ein Beispiel für eine Walküre wäre Sigrun aus God of War. Ein Beispiel für eine Walküre wäre Sigrun aus God of War.

Brünhild beispielsweise, die auf einer Merowingerkönigin beruht und im Nibelungenlied als so eine formidable Kriegerin dargestellt wird, dass die nur den Mann heiraten will, der sie im Kampf besiegen kann. Oder Hervor, die verkleidet als Mann eine ganze Reihe Heldentaten vollbrachte, genau wie die schwedische Prinzessin Thornbjorg.

Aber auch abseits der Legenden gibt es geschichtliche Anekdoten über Schildmaiden. Der byzantinische Historiker John Skylitzes berichtete, dass die Truppen von Sviatoslav Kiev 971 völlig überrascht waren, als sich unter den Rüstungen ihrer Bulgarischen Gegner Frauenkörper verbargen. Saxo Grammaticus bezeugt ebenfalls, dass in der Schlacht von Bràvellir um 750 Schildmaiden anwesend waren.

Postkartendruck von Gaston Bussières "Brunnhild", 1897. Postkartendruck von Gaston Bussières "Brunnhild", 1897.

Nordmänner mit Imageproblem

Trotzdem gibt es in der Wissenschaft zwei Lager, was die Existenz der Schildmaiden angeht. Die einen, die ihre Existenz für bewiesen halten und die anderen, die es nicht tun. Wenn es jedoch zu den Wikingern kommt, ist sich die Wissenschaft in vielen Dingen nicht einig. Das liegt nicht nur daran, dass die Zeit der Raubzüge weniger gut dokumentiert ist als jüngere Geschichte, sondern auch daran, dass Wikinger und ihre Familien ein Imageproblem haben.

Nahezu überall gelten Wikinger als laute, stinkende, grausame Eroberer, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als zu plündern. Dabei war ein Großteil der Skandinavier gar nicht mit der Seefahrt, sondern mit Landwirtschaft oder Viehzucht beschäftigt. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung fuhr tatsächlich zur See, und dabei handelte es sich meistens um eine Aktivität für junge Menschen, die Ruhm, Ehre und Reichtum suchten.

Erster Trailer zu Assassin's Creed Valhalla sorgt für Wikinger-Stimmung 4:00 Erster Trailer zu Assassin's Creed Valhalla sorgt für Wikinger-Stimmung

Das altnordische Wort "vinkingr" bedeutet dementsprechend auch "Seekrieger" oder "derjenige, der sich auf langer Fahrt von der Heimat befindet". Die weibliche Version "vìking" bedeutet ebenfalls "weite Schiffsreise" oder "Kriegsfahrt zur See an entfernte Küsten". Allerdings gibt es einen ganz großen Haken an beiden Begriffen, die wir bis heute benutzen um die skandinavischen Seefahrer zu beschreiben: Niemand sonst hat sie zu der Zeit so genannt. Und wenn doch, haben sie es nicht dokumentiert.

Obwohl die Raubzüge der Wikinger schon im achten Jahrhundert begannen, tauchte der Begriff erst im neunten Jahrhundert, also 897, in einer angelsächsischen Chronik auf. Danach kommt es nur noch viermal vor, jedes Mal in Jahresberichten von 885, 921 und 1098. Tatsächlich wurden während der Raubzüge und auch danach generell alle Seeräuber als Wikinger bezeichnet. Eine genaue Definition ist also schwer.

Artwork zu Vikings: Wolves of Midgard Artwork zu Vikings: Wolves of Midgard

Blondierungen und Ohrenputzen

Aber nicht nur beim Namen liegt die allgemeine Meinung daneben. Auch die Gewohnheiten der Seefahrer waren anders als gedacht. Nehmen wir die räudigen Plünderer als Beispiel: Tatsächlich waren Wikinger sehr reinlich. In ihren Grabstätten fanden sich Pinzetten, Rasierer, Kämme und sogar Ohrenputzer aus Tierknochen und Geweih.

Skandinavier dieser Zeit badeten einmal die Woche (womit sie in Europa in sachen Hygiene ganz weit oben standen), Männer wie Frauen blondierten sich außerdem regelmäßig die Haare, in dem sie eine Seife mit extrem hohem Laugengehalt nutzten.

Baden war zu diesem Zeitpunkt in Europa weniger verbreitet, wahrscheinlich hatte der Mangel an heißem Wasser etwas damit zu tun. Baden war zu diesem Zeitpunkt in Europa weniger verbreitet, wahrscheinlich hatte der Mangel an heißem Wasser etwas damit zu tun.

Und während ihr jetzt wahrscheinlich mehr über die Körperhygiene längst verstorbener Männer und Frauen wisst, als ihr je wolltet, zeigen diese wissenschaftlich belegten Details doch eine wichtige Sache: Nur weil eine Menge Leute behaupten, dass etwas auf eine bestimmte Weise passiert ist, bleibt es ohne die entsprechenden Beweise erstmal nur eine Theorie.

Die Assassin's Creed-Reihe hingegen leiht sich zwar viele ihrer Bosskämpfe aus der Mythologie, die meisten Geschehnisse und Umstände basieren jedoch auf der Realität - oder dem, was zum Zeitpunkt der Spielentwicklung als gesichert gilt.

Den Fall der weiblichen Wikingerinnen (wir werden sie in diesem Artikel weiter Wikinger nennen, weil das ein Begriff ist, mit dem jeder etwas anfangen kann) hat Ubisoft auch bereits schon vor dem Erscheinen des Spiels in einem Q & A mit ihrem historischen Berater Thierry Noël geklärt.

"Fakt ist, und ich glaube, dass das sehr wichtig ist, dass sie [Kriegerinnen, Anm. d. Red.] Teil ihres Weltbildes waren. Sagen und Mythen der nordischen Gesellschaft sind voll von taffen weiblichen Figuren und Kriegerinnen. Es war Teil ihrer Weltanschauung, dass Männer und Frauen gleich formidabel im Kampf waren, und das ist etwas, das Assassin's Creed Valhalla widerspiegeln wird."

Assassin's Creed Valhalla zeigt mächtige Krieger beider Geschlechter. Assassin's Creed Valhalla zeigt mächtige Krieger beider Geschlechter.

Gute Zähne, gute Gräber

Noëls Aussage wird von aktuellen wissenschaftlichen Studien gestützt (ihr dachtet doch nicht, dass wir euch nur mit Sagen und zwei, drei Chronikeinträgen abspeisen, oder?). Eine Untersuchung der Universität Tübingen zeigt beispielsweise, dass die Zahnbilder von Männern und Frauen dieser Zeit sich nicht groß unterscheiden.

Das ist deswegen wichtig, weil in vielen Kulturen, in denen Männer und Jungen einen höheren Stellenwert hatten, diese in der Kindheit besser versorgt wurden. Davon ist jedoch bei den Wikingern nichts zu sehen.

Viel interessanter als gute Ernährung ist jedoch das Wikingergrab Bj 581 auf der Insel Björkö. Das wurde 1878 zusammen mit 3000 anderen Gräbern entdeckt, Forscher vermuten, dass die dort gelegene Stadt Birka ein wichtiger Handelsknotenpunkt und eine der größten Wikingersiedlungen überhaupt war. Hier begraben worden zu sein, ist schon für sich eine große Sache. Doch der Krieger im Grab wurde zudem mit allen Ehren bestattet.

Der Ort Birka und die Lage von Grab Bj 581, veröffentlicht 2017 durch The Authors American Journal of Physical Anthropology, Wiley Periodicals, Inc. Der Ort Birka und die Lage von Grab Bj 581, veröffentlicht 2017 durch The Authors American Journal of Physical Anthropology, Wiley Periodicals, Inc.

Langschwert, Kampfaxt, Speere, Pfeile und zwei Schlachtrösser zeigten, wie sehr ihn seine Zeitgenossen verehrt und welch hohen Rang er bekleidet haben muss. 2017 unterzog man den Krieger einer Genanalyse, um noch mehr über ihn zu erfahren und fand heraus: Er war eine Sie. Die Forscher hatten ein Grab vor sich, das eine hoch angesehene Kriegerin enthielt, und zwar so hoch angesehen, dass sie in der wichtigsten Stadt ihrer Zeit beigesetzt worden war.

Voreingenommen

Doch wie konnte so ein wichtiger Fakt übersehen werden? Hier vermuten Forscher das Zusammenspiel aus zwei Dingen: Zum einen sahen sich skandinavische Männer und Frauen dieser Zeit sehr viel ähnlicher, die Marker von Schädel oder Hüfte waren dementsprechend nicht so eindeutig zu interpretieren wie sie es heute sind.

Zum anderen seien die Ausgrabungen 1878 zum Teil sehr schlampig durchgeführt worden. Fotos und Zeichnungen sind unzulänglich, Geschlechtsbestimmungen wurden oft gar nicht erst angeordnet. Bei einem Kriegeroutfit erwartete man natürlich einen Mann, warum dann noch den Schädel untersuchen?

Illustration des Grabes von Evald Hansen basierend auf dem Plan des Grabes Bj 581 von Ausgrabungsleiter Hjalmar Stolpe; veröffentlicht 1889. Illustration des Grabes von Evald Hansen basierend auf dem Plan des Grabes Bj 581 von Ausgrabungsleiter Hjalmar Stolpe; veröffentlicht 1889.

Bj 581 ist nicht das erste Grab, das eine Kriegerin enthält, und es wird auch nicht das letzte sein. Denn von den 3000 Gräbern in Björkö wurden erst 1100 geöffnet, und das nicht besonders gut. Es ist möglich, dass einige der vermeintlichen Herren in Wirklichkeit Damen sind.

Manche Forscher sehen hier den Beweis dafür, dass die Schildmaiden existierten. Das bedeutet nicht, dass alle Frauen Kriegerinnen waren. Es waren ja auch nicht alle Männer Krieger. Ein Großteil der Skandinavier war wie bereits erwähnt mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigt und dachte gar nicht daran, zur See zu fahren. Doch ein paar Wikinger hat es gegeben, die an neuen Ufern nach Ruhm und Ehre strebten.

Erst mit der Verbreitung der Bibel, so vermutet man, und der dort festgelegten Rolle der Frau als Heimchen am Herd wurden Berichte über weibliche Kämpferinnen zu Legenden. Und während wir uns aufgrund mangelnder Dokumentation durchaus darüber streiten können, wie die Rolle der Kämpferinnen am Ende aussah, können wir nicht ignorieren, dass es sie gab. Der Beweis dafür liegt zwar nicht auf der Hand, aber dafür in Grab Bj 581.

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