2011: Ich kaufe mir meine erste PlayStation (eine PS3 natürlich). Ich will dringend wieder mehr spielen, aber mein PC ist zu schlecht und meine Wii habe ich an ihre Grenzen gebracht. Ich stehe im Elektronikmarkt und überlege, welche Spiele ich mir kaufen könnte. Leisten kann ich mir das als frischgebackene Praktikantin bei moviepilot, wo ich immer mehr über Videospiele schreibe. Meine Wahl fällt auf Dragon Age: Origins und Red Dead Redemption, zwei Empfehlungen eines Freundes. RDR schafft es nie in meine PlayStation.
Dragon Age zieht mich hingegen sofort in seinen Bann, ob oder vielleicht weil ich jeden Fehler begehe, den man in Sachen Entscheidungen treffen kann. Schon im Charakter Editor zerstöre ich mir unwissentlich mein eigenes Happy End, was ich erst viele, viele Stunden später bemerke.
Ich sitze vor dem Bildschirm und starre ein Ende an, das ich nicht will. Das nicht MEIN Ende ist. Und ich beginne zu verstehen, wie wenig ich bisher über Videospiele und was sie sein können wusste. Dass ich über 20 Jahre Gamerin war, ohne mein eigentliches Lieblingsgenre zu kennen. Und dass Videospiele mich emotional schlimmer zerschmettern können als jedes andere Medium, da ich die Person bin, die die Entscheidungen trifft und die letztlich mit deren Konsequenzen leben muss.
2011: Ich kaufe mir Dragon Age 2. Der graue Wächter und Hawke geben sich die Hand. Für andere Held*innen ist kaum Platz auf meiner PlayStation.
2011: Eigentlich mag ich kein Science-Fiction, aber ich werde überredet, Mass Effect eine Chance zu geben, weil ich Dragon Age so mag. Ich starte mit Mass Effect 2. Es ist okay, aber ich habe immer das Gefühl, irgendetwas fehlt. Ich werde wahrscheinlich nie ein großer Science-Fiction-Fan.
2011: gamescom. Ich bin zufällig am Stand von Mass Effect 3 vorbeigekommen. Man kann es anspielen und bekommt ein aufblasbares Omniblade und ich habe gerade nichts besseres zu tun. Wir spielen ein Feuergefecht auf Sur'Kesh, das erstaunlich viel Spaß macht. Das Omniblade habe ich noch immer (unaufgeblasen).
2012: Bald soll Mass Effect 3 erscheinen, Mass Effect 1 ist im Sale, die gamescom-Demo ist mir noch in guter Erinnerung. Zeit für eine zweite Chance. Trotz Mako, trotz hakeliger Steuerung, trotz allem ... ich verfalle Mass Effect 1 spätestens auf Feros. Virmire bricht mich. Beim zweiten Mal, mit meinem neuen Wissen, klickt es dann auch mit Mass Effect 2. Ich spiele die ersten zwei Teile mehrmals durch, bis Teil drei kommt.
2012: Zum Release von Mass Effect 3 habe ich Besuch, der nicht in der Kampagne gespoilert werden will. Aber es gibt ja einen Multiplayer, den man gut nebenbei spielen und dabei quatschen kann, auch wenn ich eigentlich keine Multiplayerspiele mag. Mochte. Das ändert sich irgendwo zwischen Firebase Condor und Firebase Giant.
209 Stunden, 695 Matches. Ich bin noch immer in den Top 2% der weltweiten Leaderboards. Ich trage noch immer mein "A Woman's Place is at the Firebase"-T-Shirt.
2012: Ich spiele endlich die Kampagne von Mass Effect 3. Aus dem Augenwinkel habe ich schon auf Social Media gesehen, dass irgendetwas mit dem Ende nicht stimmen soll. Ich ignoriere es und beschließe offline zu bleiben bis ich es durch habe, um nicht gespoilert zu werden.
Es ist halb vier morgens und ich verstehe nicht, was dieses verdammte KI-Kind von mir will. Ich wähle eine Richtung und ... das wars? Ich schiebe es auf die Müdigkeit, dass ich nichts verstehe und beschließe, das Finale nach etwas Schlaf noch einmal zu spielen. Es ändert nichts. Ich verstehe nichts.
Ich tauche ab in ein Rabbithole aus Fantheorien, während ich auf den Start meines ersten richtigen Gaming-Jobs bei IGN Deutschland warte. Ich melde mich bei Tumblr an und beginne, Fanfiction zu lesen (weil alles ist besser als dieses verdammte Ende …). Ich werde Teil einer Community, die debattiert, ob das Ende von BioWare gekommen ist, und lerne einige meiner besten Freund*innen kennen. Trotz allem, verliebe ich mich mehr und mehr in Science-Fiction. Trotz allem, liebe ich Mass Effect weiter.
2012: Ich fange an, selbst Science-Fiction-Geschichten zu schreiben. Experimentiere sogar mit Fanfiction und beginne zu verstehen, was Leute dazu bringt, hunderttausende Worte zu schreiben – über fremde Charaktere, die sie lieben. Alles, ohne je einen Cent dafür zu sehen. Aus reiner Liebe zu etwas.
2013: Der Citadel-DLC wird veröffentlicht. Zwischen all den Debatten um das Für und Wider von DLC, dem Ende des dritten Teils und der Bedeutung für die Reihe, ist er für mich der Liebesbrief, den Shepard und ihre Fans verdient haben. Ein Abschied, hoffentlich nicht für immer.
2013: Wenn es schon kein Mass Effect mehr gibt, warum es nicht mal mit Star Wars: The Old Republic probieren? Mein erster richtiger Ausflug in die Welt von MMOs — immerhin spricht Commander Shepard aka Jennifer Hale auch einen Charakter. Trotzdem schafft es das Spiel nicht, mich zu halten. Zurück zum Multiplayer von ME3.
2014: Shadow Realms wird angekündigt, BioWares erstes Urban Fantasy-Spiel mit einem asynchronen Multiplayer. Auf der gamescom gibt es erstmals die Chance, den Titel anzuspielen. Mein gamespilot-Kollege Phil und ich tauchen ab, sind begeistert und freuen uns darauf, bald mehr als nur diesen Alpha-Build zu sehen. Mehr wird es nie geben, Shadow Realms wird nur ein halbes Jahr später gecancelt.
2014: Ich schreibe einen Artikel darüber, warum Commander Shepard in der fürs Kino angekündigten Videospieladaption weiblich sein sollte. Das Internet ist nicht begeistert.
2014: Dragon Age ist zurück. Mein erster großer BioWare-Test, nun für gamespilot. Endlich kann ich eine Qunari spielen! Ich mag es sehr, trotzdem will es nicht so richtig Klick machen. Zumindest nicht beim ersten Durchlauf. Den zweiten starte ich direkt im Anschluss, diesmal ohne jeden Zeitdruck und mit anderen Entscheidungen. Den für mich richtigen, die mein komplettes Bild noch einmal ändern und mich daran erinnern, warum ich die Welt von Thedas so liebe. Und warum die richtige Romance-Option manchmal der entscheidende Faktor ist.
2015: Mass Effect soll weitergehen, aber ohne Shepard. Andromeda führt uns in eine neue Galaxie und ich bin erleichtert, dass uns kein Kanon-Ende für Mass Effect 3 vorgesetzt wird. Alles andere ist erstmal nebensächlich.
2015: Mein erstes Mass Effect-Tattoo.
2015: Ich habe mal wieder ein Bewerbungsgespräch mit einer möglichen Praktikantin für gamespilot, Mary. Wir kommen auf Dragon Age: Inquisition zu sprechen, zu dem wir sehr unterschiedliche Meinungen haben und hitzig debattieren. Zwei Stunden später hat gamespilot seine nächste Praktikantin gefunden. Drei Jahre später GameStar seine neue Community Managerin. Wieder ein paar Jahre später ich meinen übergreifenden Community Management Lead und eine gute Freundin.
2016: Nach der E3 bleibe ich ein bisschen länger in L.A., um mich mit einer US-Freundin zu treffen, die ich durch Mass Effect kennengelernt habe. Wir verabreden uns im Disneyland und reden über nichts anderes als unsere Zeit auf der Normandy.
2017: Ich bekomme die Gelegenheit, Mass Effect: Andromeda anzuspielen. Das Design der offenen Welt macht mir zwar Sorgen, aber der Rest der Demo ist durchzogen von Mass Effect-DNA und zeigt, dass es auch ohne Shepard geht. Es ist noch immer Mass Effect, was soll also noch schief gehen?
2017: Mass Effect: Andromeda im Test. Eigentlich will ich ihn gar nicht selbst machen, aber es ist Mass Effect und eine andere Testerin wäre für alle absurd. Ich stecke in einer tiefen Depression und kämpfe damit, eines der wichtigsten Spiele des Jahres zu reviewen. Eines, auf das ich mich so lange gefreut hatte. Ich sage zu GameStar-Chefredakteur Heiko:
Ich weiß nicht, ob ich Spaß habe. Ich weiß nicht, ob es an meinem Kopf oder dem Spiel liegt.
Ich vertiefe mich in den Test und ... kann plötzlich leichter atmen. Die Schatten in meinem Kopf beginnen zu weichen. Ich tauche in ein Universum ein, in dem sich alles neu und doch so vertraut anfühlt. Zwar ist da kein Shepard, keine Normandy, keine Reaper, aber es ist doch Mass Effect. Es ist doch ein bisschen wie nach Hause kommen.
Andromeda zu testen, hilft mir, mich langsam aus der Depression zu ziehen. Ich genieße das Spiel, das mich mit seinen Stärken und Schwächen sehr an Inquisition erinnert, weshalb ich eine ähnliche Wertung gebe. Warum auch nicht? Schließlich kann ich sie für mich begründen und erläutere in meinem Test, warum das Spiel nicht allen gefallen wird, aber für mich gelungen ist. Das Internet ist (erneut) anderer Meinung.
Es ist mein wahrscheinlich polarisierendster (oder verhasstester) Test. Ich liege weit über der Wertung anderer Seiten. Erfahre dort und in unzähligen Memes von Problemen, die weder ich noch andere Tester*innen bei uns je hatten. Ich kriege Hassnachrichten und werde beschimpft, weil ich ein Spiel mochte, das andere nicht mochten.
7:21
Mass Effect: Andromeda - Testvideo: Ein polarisierendes Weltraum-Epos
Ich verwerfe den geplanten Artikel, wie mir Andromeda bei meinen Depressionen geholfen hat. Ich bin nicht mehr bereit, so viel über mich preiszugeben, wenn ich bereits für so wenig angegriffen werde. Stattdessen starte ich noch einen neuen Playthrough der Mass Effect-Reihe, inklusive Andromeda.
2017: Andromeda hängt noch immer wie ein Schatten über Bioware und irgendwie auch über mir. Der erste Teaser für Anthem wird während der E3 gezeigt. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet, aber es ist ein neues Science-Fiction-Spiel von BioWare. Ein Neuanfang. Ein Schritt in die richtige Richtung.
2017: Es wird bekannt gegeben, dass es keine weiteren Inhalte für Andromeda geben wird. Ich bin enttäuscht und erleichtert gleichzeitig. Vor allem aber fühlt es sich falsch an von einem Studio, das zuvor noch keines seiner Spiele einfach aufgegeben, sondern sie auch nach Release immer zu dem hat werden lassen, was sie sein sollten – mit den entsprechenden, neuen Inhalten.
2018: Ich bin mit Kollege Dennis auf der E3 und aufgedreht, weil ich einen ersten Blick auf Anthem bekomme und Interviews führen darf. Über das Jahr hinweg werden es mehr und mehr, da deutlich wird, dass Fans Probleme haben zu verstehen, was Anthem eigentlich ist. Das macht BioWare redefreudig. Und doch höre ich immer wieder denselben Satz: “Anthem ist nicht Mass Effect und Anthem ist nicht Dragon Age.” Es wird wie ein Mantra immer wieder wiederholt.
2018: Anthem wird meine erste Cover-Story für das Printmagazin von GamePro. Ich bin unglaublich stolz, gerade weil es ein BioWare-Spiel ist.

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