Cultist Simulator im Test: Außergewöhnliches Kartenspiel für die Switch

Mit dem Cultist Simulator könnt ihr herausfinden, ob ihr das Zeug zur Kultfigur habt. Wir verraten, ob euch die Konsolenversion in den Wahnsinn treibt, oder für Erleuchtung sorgt.

von Manuel Fritsch,
11.02.2021 18:00 Uhr

Der Cultist Simulator für Nintendo Switch im Test. Der Cultist Simulator für Nintendo Switch im Test.

Kaum eine Formulierung ist in Texten über Videospiele verpönter als die Bezeichnung "Kultspiel". In diesem Fall machen wir jedoch eine Ausnahme, denn der Cultist Simulator ist wortwörtlich genau das: Ein Kartenspiel, bei dem ihr verblendete Menschen um euch sammelt und zur vergötterten Anführerfigur eines Kults aufsteigt.

Um dieses fragwürdige Ziel zu erreichen, müsst ihr jedoch keine Telegram-Gruppe aufmachen, sondern fangt ganz unten an: als schlecht bezahlter Fabrikarbeiter auf den Straßen einer Großstadt in den 20er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts. Nach dem Erwerb einiger mysteriöser Bücher plagen euch dunkle Träume und ihr werdet das Gefühl nicht los, für etwas Höheres bestimmt zu sein. Je mehr ihr euch mit diesen Gedanken beschäftigt und darüber redet, desto mehr Menschen sammeln sich um euch und sind bereit, euren Visionen und Worten zu folgen. Wie ihr mit dieser Macht und Verantwortung umgeht, bleibt euch überlassen. Je nach Spielweise und den Entscheidungen die ihr trefft, könnt ihr über 30 unterschiedliche Enden erleben.

Der reine Wahnsinn

Das auf dem PC bereits 2018 erschienene Adventure ist stark von den Geschichten und Mysterien des Autors H. P. Lovecraft geprägt. Dessen Einflüsse sind in den toll geschriebenen (und gut übersetzten) Texten von Alexis Kennedy deutlich zu spüren. Neben der psychischen Gesundheit müsst ihr als aufstrebendes Sektenoberhaupt auch permanent darauf achtgeben, nicht selbst wahnsinnig zu werden oder in okkulten Ritualen eure Seele zu verlieren.

Cultist Simulator erzählt seine gesamte Geschichte über eine verzahnte Kartenspielmechanik und findet in Echtzeit statt. Cultist Simulator erzählt seine gesamte Geschichte über eine verzahnte Kartenspielmechanik und findet in Echtzeit statt.

Im Gegensatz zur abgehobenen Handlung ist die Spielmechanik sehr bodenständig. Die gesamte Geschichte, alle Ereignisse und Aktionen werden durch ein digitales Kartenspiel abgebildet. Zu Beginn seht ihr nur eine Karte für euren aktuellen Arbeitsplatz sowie eine Aktionskachel, die mit "work" beschriftet ist. Legt ihr dort eure Job-Karte ab, beginnt ein Countdown von 60 Sekunden. Das gesamte Spiel läuft in Echtzeit ab und Timer zeigen an, wie lange die Karten in den Aktionen gesperrt sind.

Nach getaner Arbeit bekommt ihr eure Job- und zusätzliche Geldkarten zurück, die den Lohn für euer Werk symbolisieren. Statt zur Arbeit zu gehen, könntet ihr aber beispielsweise auch eine Leidenschafts-Karte in das Arbeitsfeld einsetzen. Je nach Karte ändert sich die Textbeschreibung und ihr erfahrt, dass eure Figur zum Beispiel ein Bild malen wird und darauf hofft, dieses danach verkaufen zu können.

Das Ausspielen von Karten auf Aktionsfelder schaltet nach dem Ablauf von Timern neue Karten frei. Wer alle Textboxen gründlich liest und studiert findet dort Hinweise auf weitere Kartenkombinationen. Das Ausspielen von Karten auf Aktionsfelder schaltet nach dem Ablauf von Timern neue Karten frei. Wer alle Textboxen gründlich liest und studiert findet dort Hinweise auf weitere Kartenkombinationen.

Um die Geschichte voranzutreiben und euren Kult zu etablieren, müssen die richtigen Kartenkombinationen gefunden werden. Startet ihr beispielsweise ein Gespräch mit einer Person, öffnet sich ein weiterer Slot für zusätzliche Karten, die das Auslegen von Gesprächsthemen ermöglichen. Im Auktionshaus dagegen fügt ihr Geldkarten hinzu, um einen Gegenstand zu ersteigern.

House of Cards

Die Komplexität entsteht daraus, dass ihr mit dem Fortschritt der Geschichte immer mehr Aktionen (reden, träumen, erkunden, usw.) und Karten freischaltet und parallel verwalten müsst. Glücklicherweise lässt sich das Spiel jederzeit pausieren. So können alle Texte in Ruhe gelesen und der nächste Zug geplant werden. Der Kartenpool ist direkt mit eurer Geschichte und Person verknüpft und umfasst alle Objekte, Personen oder Orte, die ihr trefft. Aber auch Gedanken, Erinnerungen und Gefühle werden auf diese Weise symbolisiert und beschreiben euren geistigen und physischen Zustand.

Ein Tutorial fehlt in diesem Spiel laut der Entwickler bewusst. Einzige Hilfe sind einige Notizen, die die grundlegende Idee des Spiels zusammenfassen. Ein Tutorial fehlt in diesem Spiel laut der Entwickler bewusst. Einzige Hilfe sind einige Notizen, die die grundlegende Idee des Spiels zusammenfassen.

Kombiniert ihr etwa zwei Fitness-Karten miteinander, trainiert eure Figur und steigert ihre körperliche Belastbarkeit. Arbeitet ihr zu hart oder geht ihr Risiken ein, erhaltet ihr Verletzungskarten oder Krankheiten. Kombiniert ihr eine Krankheit mit einer Geldkarte bedeutet das, dass ihr euch einen Arztbesuch oder Medizin leistet. Heilt ihr die Krankheitskarte nicht, erscheint ein neuer Countdown, der sich jede Minute eine Gesundheitskarte nimmt, bis ihr sterbt und von vorne anfangen müsst.

Knallharter Überlebenskampf

Cultist Simulator ist im Grunde ein storybasiertes Survival-Spiel mit Kartenmechanik. Neben der physischen Unversehrtheit solltet ihr immer die Zufriedenheit und geistige Verfassung eurer Spielfigur im Auge behalten. Liegen nicht mehr genügend Verstandes- und Leidenschafts-Karten in eurer Auslage, leidet ihr an Einsamkeit oder Trauer und werdet ganz Lovecraft-typisch wahnsinnig. Alternativ landet ihr durch zu viele kriminelle Aktivitäten im Knast oder werdet von gefährlichen Personen aus dem Weg geräumt. Die eingangs erwähnten 30 unterschiedlichen Enden umfassen auch die vielen Möglichkeiten, wie ihr scheitern könnt.

In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne - Bestimmte Tode ermöglichen neue Ausgangspfade, so dass die Motivation steigt, es direkt erneut zu versuchen. In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne - Bestimmte Tode ermöglichen neue Ausgangspfade, so dass die Motivation steigt, es direkt erneut zu versuchen.

Doch auch ein missglückter Versuch eröffnet neue Chancen. Nach jedem Bildschirmtod könnt ihr ein neues Leben auf Grundlage des vorherigen starten. Für bestimme Pfade ist es sogar zwingend notwendig, zuvor einen bestimmten Tod erlebt zu haben. So fangt ihr mal als wohlhabende Erbin an und durchstöbert den Nachlass eures Onkels, oder startet direkt in einem gutbezahlten Job als Krankenhausarzt. In der Switch-Version sind bereits drei DLC-Pakete mit zusätzlichen Storylines, Enden und Charakteren enthalten, die sich nahtlos in das Spiel einfügen.

Rein visuell passiert beim Cultist Simulator sehr wenig, daher spielen Musik und Sounds eine große Rolle. Jede Bewegung einer Karte wird mit einem befriedigenden Rascheln belohnt, atmosphärische Klänge und eine Geräuschkulisse aus klackenden Zahnrädern und tickenden Sekundenzeigern erzeugen die nötige Dramatik. Die abwechslungsreichen Musikstücke unterstreichen die angespannte und teils gruselige Lovecraft-Atmosphäre perfekt.

Unübersichtliche Portierung

In der Originalversion am PC lassen sich alle Karten und Aktionsfelder frei auf dem Spieltisch anordnen. Damit bilden sich nach und nach thematische Gruppen und eine Art Mindmap, die Gedankengänge und Zusammenhänge grafisch abbildet. In der Switch-Version ist das freie Anordnen nicht möglich. Die Aktionsverben sind fix am unteren Bildschirmrand platziert und lassen sich mit den Schultertasten durchblättern. Reiter am oberen Rand gruppieren die Karten in thematisch vorgegebene Stapel wie "Okkult" oder "Personen".

Die Steuerung ist so gut es geht auf das Gamepad übertragen worden und benötigt etwas Eingewöhnung. Das Touchpad der Switch ist ebenfalls aktiv und kann parallel für Eingaben genutzt werden. Die Steuerung ist so gut es geht auf das Gamepad übertragen worden und benötigt etwas Eingewöhnung. Das Touchpad der Switch ist ebenfalls aktiv und kann parallel für Eingaben genutzt werden.

Mechanisch funktioniert diese Steuerungsart, aber die Übersicht und das Gefühl immer tiefer in der riesigen und wahnwitzigen Gedankenwelt des Spiels zu versinken, geht durch diese Kompromisslösung verloren. Besonders schlecht gelöst: Temporäre Timer, die Bedrohungen wie eine Verfolgung oder eine tödliche Krankheit bedeuten, erscheinen losgelöst sowie ohne Warnung auf einem separaten und versteckten Bildschirm und können so leicht übersehen werden und zum Game Over führen.

Cultist Simulator bleibt auch auf der Switch mit einigen Abstrichen ein faszinierendes und einzigartiges Kartenspiel mit großer Tiefe. Allerdings ist die Einstiegshürde so brutal, dass wir dieses "Kultspiel" nur eingeschränkt empfehlen können. Da der Titel ganz bewusst auf jegliche Form von Tutorial verzichtet, ist der potentielle Frustfaktor sehr groß. Herauszufinden, was dieses Spiel überhaupt will und wie die Karten- und Zeitmechaniken ineinandergreifen, stellt den zentralen Anreiz dar. Wer sich von dieser gewollten Unzugänglichkeit und der frustrierenden und brutalen Survival-Mechanik nicht entmutigen lässt, findet im Cultist Simulator etliche morbide und gut geschriebene Geschichten rund um Wahnsinn, okkulte Rituale und den gefährlichen Reiz von Macht über Menschen.

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