Gollum im Test: DAS haben Der Herr der Ringe-Fans nicht verdient

Wir sind mit Gollum von Barad-dûr bis Khazad-dûm gekraxelt und geschlichen und haben nach gut 13 Stunden leider keinen Schatz für euch im Gepäck.

Der Herr der Ringe: Gollum im GamePro-Test. Der Herr der Ringe: Gollum im GamePro-Test.

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Ihr müsst beim Namen Droggelbecher schmunzeln und ab und an huscht euch ein lautstarkes “Hussa!” über die Lippen? Dann geht es euch wie uns und ihr habt die humorvollen Point&Clicks von Daedalic früher rauf und runter gespielt. Für Der Herr der Ringe: Gollum hat das Hamburger Entwicklerstudio die gewohnten Pfade verlassen und musste dafür bereits vor Release allerhand Kritik einstecken. Sei es aufgrund der teils betagten Optik oder hinsichtlich des unrunden Spielgefühls des linearen Stealth-Adventures. Auch wir waren zuletzt in unserer Preview vor rund zwei Monaten noch äußerst skeptisch, ob sich Daedalic mit dem neuen Vollpreisspiel nicht doch übernommen hat.

Mittlerweile haben wir alle zehn Akte gespielt und kommen zu einem recht ernüchternden, wenn auch etwas überraschenden Ergebnis: Hattet ihr nämlich befürchtet, dass Gollum als Held nicht funktioniert, können wir euch beruhigen. Seine zwiegespaltene Persönlichkeit und die Geschichte seiner beschwerlichen Flucht aus Saurons Fängen haben uns als Der Herr der Ringe-Fans mitunter Spaß gemacht. Rein spielerisch schrammt das Schleich- und Kletterabenteuer jedoch nur knapp an einem Komplettausfall vorbei, wodurch wir nur für all jene unter euch eine Empfehlung aussprechen können, die bereit sind viele Abstriche in Sachen Gameplay und ja, auch Optik in Kauf zu nehmen.     

Auf welcher Konsole habt ihr getestet und gab’s Probleme? Gespielt wurde die PS5-Version, die uns vom Publisher zur Verfügung gestellt wurde. Der Spielstart verlief zunächst aufgrund enorm vieler Abstürze sehr unrund. Nachdem wir in den Grafikeinstellungen (kein Scherz) die Haar-Animation von Gollum deaktiviert hatten, kam es jedoch nur noch zu gelegentlichen Aufhängern. In einem späteren Patch wurde das Feature dann komplett entfernt. 

Generell hatten wir im überwiegend gespielten Leistungsmodus (Ziel-Framerate: 60 fps) ein flüssiges Spielerlebnis, in dem wir nur ab und an über Bugs gestolpert sind. Was den generellen technischen und optischen Zustand anbelangt, darauf kommen wir im Test noch zu sprechen.  

Die große Stärke: Gollum

Bevor ihr frustriert und schulterzuckend mit einem “war ja klar” eure Ring-Replika mit Schmackes durch den Raum pfeffert, hört euch zunächst noch an, wie ihr vielleicht doch Spaß an Gollum habt – schließlich liegt mit Shadow of Mordor das letzte Der Herr der Ringe-Spiel schon ganze sechs Jahre zurück und …sind wir ehrlich, es dürstet uns doch allen nach frischer Videospielkost aus dem Tolkien-Universum.

Also spitzt die Elbenohren! Von der fantastischen deutschen Synchro, seiner ganzen Animation bis hin zu seiner zwiegespaltenen Persönlichkeit, Gollum selbst hat Daedalic richtig toll hinbekommen – sein Äußeres verordnen wir wohlwollend unter Geschmackssache.

In Zwiegesprächen müssen wir für Gollum oder Smeagol argumentieren. In Zwiegesprächen müssen wir für Gollum oder Smeagol argumentieren.

Ohne euch zu spoilern sei gesagt, dass seine Reise hinaus aus den düsteren Katakomben Barad-dûrs, hinein in den elbischen Düsterwald bis in die Minen Morias überaus interessant ist, da wir sie aus einer frischen Perspektive mit einigen neuen und im Ansatz durchaus interessanten Figuren erleben. Eine Perspektive, die wir durch Entscheidungen ab und an selbst formen und so über das Leben und Sterben einiger Nebencharaktere entscheiden.

Hier solltet ihr zwar keinen enormen Tiefgang erwarten, durch unterschiedliche Antwortmöglichkeiten in einem Zwiegespräch zwischen Smeagol und Gollum können wir aber beispielsweise entscheiden, ob wir einen Begleiter an Riesenspinne Kankra verfüttern oder NPCs vertrauen oder nicht. Das wirkt sich wiederum leicht auf den Fortgang der Geschichte aus. Auch entscheiden wir in vielen Gesprächen, welche Persönlichkeit des Hobbits spricht.  

Damit keine falschen Erwartungen geschürt werden: Ihr bekommt hier keine überaus komplexe Geschichte mit einem breiten Cast an vielschichtigen Charakteren geboten. Das Herr der Ringe-Gefühl wird jedoch gut eingefangen und allem voran Gollum und beispielsweise der von Daedalic ausgedachte mysteriöse Antagonist Candleman machen Laune.    

Ein Fall für den Schicksalsberg: Das Gameplay

Kommen wir zum düsteren Schattenreich von Der Herr der Ringe: Gollum, seinem Gameplay-Mix aus seichtem Schleichspiel und monotoner, teils hakeliger und immer wieder mächtig frustrierender Kletterei.

Beginnen wir mit der Kraxelei, die uns im Stile eines Uncharted oder Tomb Raider über markierte, strikt lineare Pfade führt. Gollum springt über Abgründe, hangelt sich über tiefe Schluchten hinweg, …macht im Stile von Jedi Cal Kestis sogar Wall-Runs. An und für sich könnte das auch Laune machen, würde sich das Ganze nur nicht oftmals so unglaublich holprig anfühlen. Immer wieder hakt es, wenn wir durch Ranken eine Wand hochklettern, die störrische Kamera macht uns das Leben schwer und aberdutzende Male sind wir in den sofortigen Tod gehüpft, weil wir uns bis zum Ende nur schwer an die holprige Steuerung gewöhnen konnten.    

Klettern Auf strikt linearen Pfaden klettern wir durch Saurons Feste, was mitunter überaus hakelig ist.

Stealth Feinde lenkt Gollum ab, indem er Steine auf metallene Feuerschalen wirft.

Was die Schleicherei anbelangt, macht das Spiel nur einen geringfügig besseren Eindruck. Das große Problem: Gollums Fähigkeiten sind zu limitiert und das Spiel zu linear aufgebaut, sodass wir uns beim Stealth kaum kreativ austoben können. Unser ungewöhnlicher Held kann lediglich mit kleinen Steinen feindliche Orks oder Elben ablenken, sich im Gras verstecken oder an kniffligen Stellen beispielsweise unter einer Brücke hindurchtauchen. Werden wir erwischt, müssen wir das Spiel von den meist fair gesetzten Checkpoints aus neu starten. Gegner von hinten zu erdrosseln, auch das geht. Allerdings dauert der Todeskampf gefühlt länger als die Extended Edition von "Die Rückkehr des Königs" und ist zudem aufgrund des seichten Schwierigkeitsgrades der Stealth-Passagen so unnötig, dass wir im ganzen Spiel nur drei Gegner auf diese Art ausgeschaltet haben. 

Aufgelockert wird das Gameplay zudem durch gelegentliche Rätsel, die qualitativ allerdings stark schwanken und bei denen nicht immer klar wird, was das Spiel von uns verlangt. Hilfen zur Lösung gibt es übrigens nicht, insgesamt sind sie aber eine nette Abwechslung.   

Optionen für Barrierefreiheit - Folgende Accessibility-Features könnt ihr nach Spielstart direkt über die Einstellungen aktivieren:

  • Ducken/Laufen mit Umschaltfunktion: Ihr könnt beide Mechaniken mit nur einem Druck aktivieren bzw. deaktivieren 
  • Farbenblindheit-Modus: Grün, Rot, Blau
  • Textgröße anpassen: Die Schrift lässt sich in mehreren Stufen stark vergrößern.

Auch hier wollen wir abschließend einordnen, dass das Gameplay wie oben bereits erwähnt kein Totalausfall ist. Ist man bei der Kletterei mal im Flow und hat sich erfolgreich an einer Horde Orkse vorbeigeschlichen, dann macht das durchaus Laune. Insgesamt ist das Spielerische jedoch nicht rund genug und wäre vor allem in Sachen Stealth selbst vor 20 Jahren kein Leckerbissen gewesen. Selbst ein AA-Spiel wie Styx: Master of Shadows, das 2014 erschien, bietet hier weit mehr. 

Zwischen feinster Atmo und Texturmatsch    

Abschließend müssen wir noch ein paar Worte zur Optik verlieren und für euch das Gesehene ein wenig einordnen, angefangen mit ein paar harten Worten. 

Was uns auf der PS5 teilweise in allen drei Grafikmodi (Qualität, Qualität mit Raytracing, Leistung) für Texturen begegnet sind, ist eines Vollpreistitels im Jahr 2023 nicht würdig – und hier sprechen wir nicht von spät nachladenden Objekten. Zudem wurden Gesichtsanimationen von NPCs bereits beispielsweise in L.A. Noire vor zwölf Jahren besser dargestellt und während Gollum selbst toll animiert ist, staksen Figuren teils holprig vor uns her.

Atmo Es geht auch anders. Einige Schauplätze fangen das Der Herr der Ringe-Gefühl sehr gut ein.

Matsch Allerdings stolpern wir auf PS5 auch immer wieder über solch Texturmatschepampe.

Gesicht Hässliche Orkse.

Dennoch würden wir nicht sagen, dass Der Herr der Ringe: Gollum per se ein unansehnliches Spiel ist. Wenn durch eine Gebirgshöhle sanft Mondlicht schimmert, wir aus der Ferne auf den Schicksalsberg blicken oder wir gefangen in Barad-dûr auf das mächtige Sklaven-Bollwerk schauen, dann macht das nicht nur optisch, sondern vor allem atmosphärisch einiges her und Erinnerungen an die fantastische Filmtrilogie werden wach.

Erwartet hier nur kein optisches AAA-Feuerwerk – auch wenn die Marke und der Preis das suggerieren.

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