Hitman VR - Agent 47 ist der falsche Protagonist für Virtual Reality

Nach einer langen Durststrecke kommt Virtual Reality endlich wieder in Bewegung. Aber ist ein Plus an Immersion wirklich jedem Franchise zuträglich?

von Chris Werian,
05.09.2020 13:15 Uhr

In den Hitman-Spielen schauen wir Agent 47 beim Morden zu, in VR ist aber alles anders. In den Hitman-Spielen schauen wir Agent 47 beim Morden zu, in VR ist aber alles anders.

Die aktuellste Ausgabe der Playstation "State of Play" ging bei mir fluffig durch. Ein paar nette Impressionen zum langersehnten Crash Bandicoot 4, Alan Wake ist in Control nicht länger nur Bestandteil einiger Collectibles und Godfall wirkt dank klassischer Musikuntermalung deutlich ansprechender. Für mich jedoch so überraschend wie verfehlt: Die Ankündigung der modernen Hitman-Trilogie in VR.

Die besondere Stellung von Hitman

Die von dem geklonten Auftragskiller "Agent 47" handelnde Reihe besticht seit zwei Dekaden durch seine makabre Vielschichtigkeit. Wir planen Attentate, sondieren die Spielumgebung und versuchen letztendlich den perfekten Mord zu begehen. Rechtfertigen können wir unsere Taten durch die vom Auftraggeber zur Verfügung gestellten Informationen über Drogenbaronen, Gang-Bosse und Waffenhändler, die als Ziele auserkoren wurden. Es sind immer die Bösen, die es erwischt.

HItman 3: Trailer zeigt neuen VR-Modus 1:24 HItman 3: Trailer zeigt neuen VR-Modus

Aber stehen wir tatsächlich auf der Seite des Guten? Zweifelsfrei kümmern wir uns größtenteils um Kriminelle. Allerdings wird das klare Freund-Feind-Bild schnell aufgeweicht, hinterfragt man die Struktur der regierungsunabhängigen "Agency", also die Organisation, deren Aufträge wir erledigen. Ihre Dienste stehen ausschließlich den Reichen und Mächtigen der Welt zur Verfügung und die zu eliminierenden Personen passen ebenfalls in dieses Raster - nur werden sie eben als böse identifiziert.

Aufgrund der Mystifizierung der Agentur bleibt stets offen, ob wir gerade die Konkurrenz eines Unterweltbosses verschwinden lassen, schlicht das Einkommen des Unternehmens aufbessern oder Selbstjustiz mit einem tatsächlichen gesellschaftlichen Zweck ausüben. Und falls Letzteres zutreffen mag, wie gerecht ist diese dann?

Agent 47 verschwindet als optischer Ankerpunkt des Spiels, wir werden selbst zum Hauptdarsteller. Agent 47 verschwindet als optischer Ankerpunkt des Spiels, wir werden selbst zum Hauptdarsteller.

Weshalb mir ein neutraler Blick so wichtig ist

Da die Geschichte bisher von mir selbst entkoppelt war, fiel es mir nie schwer eine Grenze zwischen dem Spielinhalt und meiner Betrachtung zu ziehen. Hitman fand stets in seinem eigenen Mikrokosmos statt, ich hatte nur die Aufgabe, 47 durch die Handlung zu führen und dabei seinen Charakter mit meiner Vorgehensweise zu definieren. Dadurch bin ich zwar in gewissem Maße involviert, bleibe aber weiterhin lediglich Zuschauer aller resultierender Konsequenzen.

Virtual Reality reißt diese Trennung ein: Wir beobachten nicht nur aus objektiver Distanz und bewerten das Geschehen auf dem Bildschirm, wir werden zum ausführenden Individuum. Allein die Vorstellung mit meinen Move-Controllern die Handbewegungen nachzuahmen, die nötig sind, um einen Menschen zu erdrosseln, rufen bei mir Ekel hervor. Zumal Hitman VR eine weitere Barriere umgeht: Absichtlich unrealistische Gegnermodelle.

Gegnermodelle in Boneworks - Deutlich von menschlichen Gegnern unterscheidbar. Gegnermodelle in Boneworks - Deutlich von menschlichen Gegnern unterscheidbar.

Schauen wir uns einmal Half-Life: Alyx, Boneworks oder Resident Evil 7 an, so stellt man schnell fest, dass diese durchgängig auf fantastische Elemente setzen. Die Hitman-Reihe bemüht sich im Gegensatz dazu allerdings um ein hohes Maß an Authentizität, was mir bei der zunehmenden Produktionsqualität aktueller Triple-A-Produktionen schwer auf den Magen schlägt. Ich brauchte mehrere Wochen, um die gewalttätige Abwärtsspirale von The Last of Us 2 zu verkraften. Ein Titel, der wohlgemerkt sämtliche Gräueltaten durch das Runterbrechen auf einen Knopfdruck kaschieren kann. Nun soll ich physisch komplexe Tötungsbewegungen mit meinem eigenen Körper imitieren? Nö, ohne mich!

Bin ich zu sensibel?

Auf einige Leser dürfte ich mit diesem Artikel wirken, als sei ich ein übereifriger Sittenwächter, der damals auch den Untergang der westlichen Zivilisation in DOOM und Counter-Strike gesehen hätte. Mitnichten! Noch Jahre nach Spec Ops: The Line und BioShock wartete ich auf Videospiele, die Gewalt so thematisierten, dass sie eine abstoßende Wirkung erzielen. Hitman VR schafft das bei mir mit Bravour und das wahrscheinlich sogar ungewollt.

Hitman VR ist daher die Probe für den Ernstfall: Virtual Reality scheint sich dank Half-Life: Alyx zu erholen und wird auch zukünftig eine größere Rolle einnehmen. Blickt man auf die Videospielhistorie zurück, so wird es zwangsweise den einen grenzüberschreitenden Titel geben, der für umfangreiche Debatten in allen Medien sorgt. Wie wir darauf vorbereitet sind, hängt also an der Auseinandersetzung mit Titeln wie eben Hitman VR oder das mit einem frischen Trailer versehene Medal of Honor: Above and Beyond ab. Diese Chance sollten wir uns nicht entgehen lassen!

Wie ergeht es euch dabei? Habt ihr ähnliche Bedenken bezüglich Hitman VR oder steht ihr dem Spiel offen gegenüber?

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