Mass Effect: Jacks gestrichene Pansexualität ist eine riesige Enttäuschung für mich

Jack aus Mass Effect sollte ursprünglich pansexuell sein, wurde aber kurzfristig zu einer heterosexuellen Romanzenoption umgewandelt. Eine verpasste Chance, die unserer freien Autorin Nele sauer aufstößt.

von Nele Wobker,
30.06.2021 15:00 Uhr

Jack sollte ursprünglich offen pansexuell sein und eine Romanze mit männlichen und weiblichen Shepards eingehen können. Jack sollte ursprünglich offen pansexuell sein und eine Romanze mit männlichen und weiblichen Shepards eingehen können.

Achtung! Diese Kolumne enthält Spoiler zur Mass-Effect-Trilogie und beschäftigt sich z. T. mit Vergewaltigung und Gewalt.

Ja, ich gebe es zu. Meine Shepard hat in Mass Effect bisher zwar auch mit vielen anderen Charakteren geflirtet, am Ende ist sie aber immer bei Kaidan gelandet, dem lieben aber langweiligen Kaidan. Das ging so weit, dass ich die Romanze mit Liara bis zur berüchtigten Dreier-Konfrontation an Bord der Normandy weiter forciert habe, nur um dann komplett neu zu laden, weil mir der gute Kaidan mit seinem Dackelblick in der Situation so leid tat. So treu war meine Protagonistin dem menschlichen Wächter.

In Mass Effect 2 war ich dann immer wieder froh, mich für Kaidan und gegen Liara entschieden zu haben, weil ihre Wandlung nicht mehr zu meiner Shepard passte. Im ersten Teil fand ich die Asari-Wissenschaftlerin zwar herrlich geeky aber zu sehr Gänseblümchen und im zweiten dann zu kalt. So kann's gehen.

Als ich Mass Effect 2 zum ersten Mal begann, hatte ich die ganzen ersten Spielstunden kaum etwas anderes im Kopf, als meinen Lieblingsbiotiker Kaidan wiederzutreffen und Cerberus loszuwerden. Zumindest, bis ich Jack traf.

Doch mein Lieblingscharakter hat ein großes Problem

Ab da wollte ich zwar noch immer Cerberus vernichten aber nun gemeinsam mit Jack. Diese Frau würde einem bis in einen aktiven Vulkan folgen, da war ich mir sicher. Denn sie weiß genau, wie kostbar es ist und wie selten es passiert, dass man Menschen trifft, die mit einem durch Dick und Dünn gehen, bei denen man man selbst sein kann und genau dafür geliebt wird.

Problem aber: Meine Shepard ist weiblich und Jack kann nur von einem Mann gedatet werden. Diese Erkenntnis war ziemlich enttäuschend. Die einzige Romanze, für die ich den etwas langweiligen Kaidan verlassen hätte, steht wegen so etwas banalem wie dem Geschlecht der Protagonistin nicht zur Wahl.

Dabei war dies ursprünglich anders geplant: Jack sollte nicht nur pansexuell sein, sondern auch polyamorös. Also hätte meine Shepard, die ebenfalls eine Biotikerin ist, vielleicht sogar auch mit Kaidan zusammenbleiben können. Wobei ihm das vermutlich eher weniger gefallen hätte. Liara allerdings schien einem Dreierverhältnis nicht unbedingt abgeneigt zu sein. Vielleicht wäre sie unter diesen Umständen doch eine Option gewesen. Ein biotisches Power-Trio! Wie schön es hätte sein können.

Jack ist am ganzen Körper tätowiert. Die Motive erzählen von Jacks Vergangenheit. Jack ist am ganzen Körper tätowiert. Die Motive erzählen von Jacks Vergangenheit.

Warum ich Jack so fantastisch finde

Jacks Rekrutierungsmission zählt für mich nach wie vor mit zu einer der coolsten in Mass Effect 2. Man läuft als Shepard durch dieses krasse und menschenunwürdige Gefängnis und wird Zeug*in abartiger Szenen. Beispielsweise stehen mehrere Wachleute um eine der Zellen herum, während in dieser Zelle ein weiterer Wärter auf eine am Boden zusammengekauerte Person eintritt.

Shepard kann nichts unternehmen und muss ihrer Mission weiter nachgehen. Die Mission! Wir sollen eine Insassin aus dem Horror-Knast mitnehmen: "Subject Zero". Mein unschuldiger, schlichter Kaidan wäre hier zugrunde gegangen, obwohl er während seiner Zeit bei BAat auf der Gagarin-Station natürlich auch viel traumatisierendes erlebt hat. Dies hier ist aber um einiges dramatischer.

Jack ist "anders" stark. Jack ist "anders" stark.

Mit noch etwas flauem Magen ob der eben gesehen Szenen geht unser Squad weiter. Was kann das für ein Mensch sein, den wir hieraus befreien? Schon bevor ich Jack das erste Mal zu sehen bekam, hatte ich ungeheuren Respekt vor ihr.

An die Szene, in der sich ihre Kryokapsel endlich öffnet, werde ich mich (hoffentlich) mein Leben lang erinnern, denn dieser Moment hat echt Eindruck bei mir hinterlassen. Der Stasebehälter öffnet sich, Jack macht die Augen auf und ist direkt wach und präsent. Unverzüglich beginnt sie gegen ihre Fesseln anzukämpfen. Mit Erfolg. Ab da fliegt uns Gefängnispersonal entgegen und wir beobachten die Biotikerin in Aktion. Wow, was für ein Auftritt!

Nele Wobker
@ElenRekbow

Nele ist selbst pansexuell und davon überzeugt, dass durch signifikante, queere Charaktere in Videospielen und anderen Medien, Menschen dabei geholfen werden kann, sich akzeptiert & gesehen zu fühlen und vielleicht sogar dabei, etwas über sich selbst herauszufinden. Auch das gesellschaftliche Bewusstsein könnte positiv erweitert werden. Die ehemalige Administratorin des deutschen Mass-Effect-Wikis hofft, dass BioWare beim nächsten Mass Effect in Sachen Diversität ein paar Schippen drauf legt, nicht nur was Queers angeht.

Darum ist Jacks Hintergrundstory problematisch

Jack ist unfassbar stark. Und zwar nicht auf die Art, die das Patriarchat gönnerhaft als "starke Frau" bezeichnen würde. Sie ist kein Mensch, der alle Aufgaben im Leben meistert, den Haushalt schmeißt, Wert darauf legt, adrett auszuschauen und es dennoch schafft, möglichst vielen faszinierenden Hobbys nachzugehen.

Sie ist eine erbarmungslose Killermaschine, die gelernt hat, auf sich alleine gestellt zu sein, niemandem vertrauen zu können und nichts auf Oberflächlichkeiten zu geben. Sie ist stark, weil es für sie keine Alternative dazu gibt.

Sicherlich entspricht Jack auch ein Stück weit dem Trope einer Frau, die in der Story erst misshandelt und missbraucht wird, um ihren Charakterbogen zu begründen - und das stört mich. Diese Art der Erzählung scheint ein popkulturelles Problem zu sein, denn eher selten werden Frauen in Medien als "von Natur aus stark" dargestellt. Häufig werden erst traumatisierende Erlebnisse hinzugezogen und fertig ist die Hintergrundstory.

Das ist nicht nur langweilig, sondern generell fragwürdig, da dieser Umstand der sogenannten Rape-Culture geschuldet ist. Jacks Geschichte spielt in einer männlich dominierten Gesellschaft, in der Gewalt gegen Frauen bewusst und unbewusst heruntergespielt wird. Es ist absurd, ekelhaft und leider in vielen auf Frauen bezogenen Handlungssträngen zu finden.

Dass Jacks Persönlichkeit dann obendrein auch noch um einen wichtigen Aspekt, ihre Pansexualität, beraubt wurde, ist ebenfalls bezeichnend für die durchweg übergriffige Rape-Culture. BioWare gab dem Druck nach, welcher durch ein männlich geprägtes und ur-konservatives US-Nachrichtenmagazin (Fox News) ausgeübt wurde. Nun ist Jack nur noch an Männern interessiert.

Warum Fox News mitverantwortlich für Jacks gestrichene Pansexualität ist, beleuchtet dieser GamePro-Artikel genauer:

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Eine verpasste Chance

Mir und mit Sicherheit auch vielen anderen Spieler*innen, hätte ein besonderer Charakter wie Jack demonstriert, dass es okay ist, von der vorherrschenden "Norm" abzuweichen. Sie hätte gezeigt, was es neben dem monogamen, cis-heterosexuellen Beziehungssystem unter anderem noch auf dieser Welt gibt und dass man sich nicht anpassen muss, um geliebt und akzeptiert zu werden.

Dass Fox News mit dafür gesorgt hat, dass Jack & Jacob in heterosexuell umgeschrieben wurden, macht mich ziemlich wütend, weil dadurch eine falsche Botschaft übermittelt wird, und zwar, dass Queerness etwas Negatives ist, was unterdrückt werden sollte. Auch wenn Jack nicht real ist, so steht sie dennoch für eine Vielzahl von tatsächlich existierenden Queers, die weltweit unterdrückt und verfolgt werden.

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