Mehr Assassin’s Creed als Urlaub: Warum mich Ezio in Rom verfolgt hat

Eigentlich wollte Annika ihren Rom-Urlaub frei von Videospielen genießen. Stattdessen steckte sie in einer Art Assassin’s Creed-Flashback fest. Das störte anfangs, entpuppte sich aber dann als Segen.

von Annika Bavendiek,
12.06.2022 11:00 Uhr

Vor meinem Rom-Urlaub hätte ich nie erwartet, das Ezio mich dabei “begleitet”. Vor meinem Rom-Urlaub hätte ich nie erwartet, das Ezio mich dabei “begleitet”.

Brotherhood war nicht mein erstes Assassin’s Creed-Spiel, aber das erste, das mich so richtig mit seiner Historie und Welt fasziniert hat. Natürlich fand ich auch Florenz und Venedig im Vorgänger wirklich eindrucksvoll, aber als ich das erste Mal mit Ezio durch das virtuelle Rom des 16. Jahrhunderts ritt, wusste ich es sofort: Da will ich unbedingt mal im echten Leben hin!

Und genau das habe ich endlich getan, auch wenn es gut zwölf Jahre gedauert hat. Aber mit meinem Rom-Urlaub im Mai habe ich mir nun einen Traum erfüllt. Aber auch wenn AC Brotherhood der Ursprung dafür war, wollte ich mir die Tage dort keine Gedanken um Videospiele machen. Daraus wurde allerdings nichts, denn als wir ankamen, wurden meine Erinnerungen scheinbar so stark aktiviert, dass ich zum Beispiel überall an den Gebäuden Klettermöglichkeiten wahrnahm und Ezio sah, wie er mit dem Assassinen-Sprung (Leap of Faith) von Türmen hechtete.

Annika Bavendiek
Annika Bavendiek

Nach den ersten beiden Teilen hat Annika auch Brotherhood rauf- und runtergespielt. Dabei hat sie alle geschichtlichen Hintergründe, die das Spiel ihr bot, förmlich aufgesaugt – natürlich ordentlich getrennt von dem Anteil Fiktion, den Ubisoft mit einbaut. Einiges davon vergaß sie zwar mit der Zeit, durch ihren Rom-Urlaub hat sie ihr Wissen darüber umso stärker wieder aufgefrischt. 

AC Brotherhood suchte mich wie ein Geist heim

Als Brotherhood 2010 erschien, versenkte ich unzählige Stunden in das Spiel. Abseits der Story wurde jede Feder eingesammelt, jede Glyphe entschlüsselt, jedes Grab erkundet. Dass ich mich viele Jahre später mit der dadurch stark entwickelten Verknüpfung zwischen Rom und AC Brotherhood selbst beirren würde, hätte ich dabei nie für möglich gehalten. 

Denn in Rom angekommen dauerte es nicht lange und ich kam nicht davon weg, an jedem Gebäude irgendwelche Stellen ausfindig zu machen, an denen Ezio theoretisch hochkraxeln könnte. Mir fielen auch ständig die Türme auf, wie wir sie im Spiel von den Borgia zurückerobern. Und wenn ich so durch die Straßen lief und italienische Wortfetzen vernahm, fühlte ich mich sofort wie in der Open World, nur das es dort NPCs statt echter Menschen waren.

Anders als Ezio bin ich die Türme nicht hinaufgeklettert, um sie abzufackeln, sondern habe es beim Fotografieren belassen. Anders als Ezio bin ich die Türme nicht hinaufgeklettert, um sie abzufackeln, sondern habe es beim Fotografieren belassen.

Bei diesen realen Assoziationen blieb es aber nicht. In meinem Kopf spielten sich auch viele Szenen aus dem Spiel ab: So stellte ich mir völlig automatisch vor, wie Ezio die Türme wie im Spiel anzündet und hinabspringt. Und auch Sehenswürdigkeiten wie das Kolosseum verknüpfte mein Gehirn direkt mit dem smarten Assassinen. Gedanklich ging ich durch, wie ich mit ihm im Spiel all diese Orte entdeckt habe. Ja selbst bei großen Menschenmengen kam mir immer wieder die Untertauchen-Funktion mit ihrem prägenden Sound und weißem Schleier um die Personen herum in den Sinn. Wo ich auch hinsah, sah ich Assassin’s Creed Brotherhood.

Echtes Kolosseum Echtes Kolosseum
AC Kolosseum AC Kolosseum

Natürlich sieht das Kolosseum im Spiel nicht wie das Original aus, aber trotzdem fühlte ich mich wieder zurück ins Spiel versetzt.

Zu viel Brotherhood des Guten

Anfangs fand ich das gar nicht so witzig, denn es lenkte mich doch gehörig von der Wirklichkeit ab. Immerhin war ich dort, um mir das echte Rom anzusehen und den Urlaub mit Freunden zu genießen. Stattdessen spukte da ein Spiel in meinem Kopf herum.

Irgendwie hatte es sogar etwas vom Sickereffekt. Im Assassin’s Creed-Universum beschreibt der das Einnisten von Erinnerungen der Vorfahren in die eigenen (oder das Aneignen von Fähigkeiten der Vorfahren), wenn man sich zu lange im Animus befindet. Das kann schließlich dazu führen, dass es einem schwer fällt, die eigenen von den fremden Erinnerungen zu trennen.

In meinem Fall hat das Durchspielen von Brotherhood mein Bild von Rom wohl so stark geprägt, dass ich nicht anders konnte, mich vor Ort ständig an Spielszenen zu erinnern. Auf die eine oder andere Art erlebe ich solche Flashbacks immer wieder mal, beispielsweise wenn ich irgendwo einen abgesenkten Autotransportanhänger sehe und dabei an Stunts aus GTA denken muss, aber so stark war es noch nie.

In einem Trailer bekommt ihr das korrupte Rom aus dem Spiel nochmal genauer vorgestellt:

Assassins Creed: Brotherhood - Rome-Trailer Assassin's Creed: Brotherhood - Rome-Trailer

Keine Not, sondern eine Tugend

Diese Assoziationen und Vergleiche wurden zwar bereits nach einem Tag weniger, ganz weg gingen sie aber den Urlaub über nie. Scheinbar begann mein Gehirn die alten Erinnerungen mit den neuen Eindrücken zu verdrängen, kämpften sich aber auch immer wieder mal kurz hoch.

Mit der Zeit begriff ich dann aber, dass diese starke Assoziation aber auch ihre Vorteile haben. Assassin’s Creed ist nicht einfach nur der Ursprung für mein Interesse an Rom, sondern verstärkt sie auch. Dadurch, dass ich in Brotherhood von Kampfeslust bis hin zu Liebe so viele Gefühle miterlebt habe, verknüpfe ich die echte Stadt und Kultur indirekt auch mit diesen Emotionen. Und Erinnerungen, seien es Fakten zur Geschichte oder einfach Umgebungen, bleiben besser im Gedächtnis, wenn sie mit Emotionen verknüpft sind.

Aus diesem Grund wusste ich nach all den Jahren doch noch erstaunlich viel über Rom und merkte mir auch neues Wissen recht gut: Die Geographie der Stadt, Sehenswürdigkeiten, seine Geschichte.

Ich musste die Engelsburg nur sehen und schon hatte ich die Szene im Sinn, als Ezio Caterina ganz neckisch einfach in ein Lock schmiss. Keine Sorge, die landete natürlich weich. Ich musste die Engelsburg nur sehen und schon hatte ich die Szene im Sinn, als Ezio Caterina ganz neckisch einfach in ein Lock schmiss. Keine Sorge, die landete natürlich weich.

Als ich zum Beispiel vor der Engelsburg stand, fiel mir wieder ein, dass sie ursprünglich als Grabmal für einen römischen Kaiser diente, sie dort aber auch Gefangene inhaftierten. Nicht umsonst muss Ezio sich dort einschleichen, um Caterina Sforza zu retten. Ich wusste zudem intuitiv, in welche Richtung das Pantheon lag und konnte die grobe Geschichte der Borgias wiedergeben, ohne mich abseits von Brotherhood jemals damit beschäftigt zu haben.

Und nicht nur das: Auch nach meinem Urlaub wirkte diese Verknüpfung weiter. Während ich in Rom quasi überall einen gedanklichen Brotherhood-Filter drüber legte, verhielt es sich im Spiel wieder umgekehrt. Angefixt durch den Urlaub startete ich nämlich einen neuen Durchlauf in Assassin’s Creed Brotherhood und verglich alles mit meinen Erfahrungen aus dem Urlaub. Natürlich stellt die Open World Rom nicht so detailgetreu nach, wie es beispielsweise mit Paris in Assassin’s Creed Unity der Fall ist, aber ich konnte mich dennoch ohne Map gut orientieren und erkannte markante Punkte und Gebäude wieder.

In meinem neuen Spieldurchgang schlendere ich nun mit Ezio am Pantheon entlang und erleben den gegenteiligen Effekt: Ich erinnere mich im Spiel an den Urlaub und wie ich mit meinen Freunden auf den Stufen dieses Brunnen saß, während wir das beste Eis überhaupt aßen. In meinem neuen Spieldurchgang schlendere ich nun mit Ezio am Pantheon entlang und erleben den gegenteiligen Effekt: Ich erinnere mich im Spiel an den Urlaub und wie ich mit meinen Freunden auf den Stufen dieses Brunnen saß, während wir das beste Eis überhaupt aßen.

Ich war sogar irgendwie stolz auf mich, als im Spiel La Volpe davon sprach, dass er Ezio in Trastevere treffen will. Trastevere? Das Viertel kenne ich! Da gibt es tolle Restaurants und die beste Pizza, die ich je gegessen habe.

Letztendlich bin ich selbst immer noch erstaunt, wie stark meine alten Erfahrungen mit Brotherhood meinen Rom-Urlaub beeinflusst haben, der dann wiederum meinen neuen Spieldurchlauf beeinflusst. Eine zu Beginn etwas störende Wechselwirkung, die ich jetzt nicht mehr missen möchte.

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr im echten Leben auch solche Assoziationen zu Spielen?

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