Mein Herz für Klassiker - Ich, Die Sims & brennende Küchen

Mehr Core-Casual geht nicht. In unserer Reihe Mein Herz für Klassiker geht Rae ihrer verflossenen Liebe für Die Sims auf den Grund und warum der erste Teil der Lebenssimulationsreihe auch heute noch etwas besonderes ist.

von Rae Grimm,
01.08.2017 17:00 Uhr

Rae schenkt ihr Herz für Klassiker diese Woche den Sims Rae schenkt ihr Herz für Klassiker diese Woche den Sims

Jeden Tag dasselbe Spiel. Ich bin wach noch bevor der Wecker klingelt und starre in die Dunkelheit. Unten im Haus bewegen sich meine Eltern bewusst leise, um mich nicht zu stören. Dass ich nicht schlafe, können sie nicht wissen, dafür habe ich schließlich gesorgt. Nach einer scheinbar endlosen Ewigkeit höre ich endlich die Haustür ins Schloss fallen. Ich verharre weitere zwei Minuten bewegungslos in der Dunkelheit und lausche, ob vielleicht jemand zurück kommt, dann springe ich aus dem Bett und sprinte in Richtung Computer.

Was ist "Mein Herz für Klassiker"?
In diesem wöchentlichen Format stellt euch die GamePro-Redaktion abwechselnd ein Spiel vor, das mindestens zehn Jahre ist und erklärt euch, warum es sich dabei aus unserer persönlichen Sicht (!) um einen Klassiker handelt. Mal ist es das Gameplay, das seiner Zeit voraus war, mal eine Story, die nie an Relevanz verloren hat oder einfach nur ein Spielelement, das uns nicht mehr aus dem Kopf geht.

Jeden Tag dasselbe Spiel. Es ist ein alter PC, der Familiencomputer, der das P nicht verdient. Während die alte Kiste in die Gänge kommt, wippe ich ungeduldig auf und ab. Schließlich ist jede Minute, bis ich um 7:27 Uhr das Haus verlassen muss, nicht nur kostbar, sondern ganz genau durchgeplant, um das Maximum an Spielzeit aus den frühen Morgenstunden zu kitzeln. Der restliche Tag wird dominiert von Schule, Hausaufgaben und der Frage "meinst du nicht langsam, dass du genug gespielt hast?", die für meine Eltern eigentlich schon beantwortet ist.

Nicht nur ich musste zur Schule, Sim-Kinder auch. Nicht nur ich musste zur Schule, Sim-Kinder auch.

Jeden Tag dasselbe Spiel. Endlich. Der PC ist fertig hochgefahren und ich kann das verlockende Symbol im Spieleordner klicken, das mich jeden Tag vergessen lässt, dass ich keine Frühaufsteherin bin. Allerdings bin nicht nur ich dem Aufstehen abgeneigt, dem PC geht es ebenso. Wenn ich schon glaubte, dass das Hochfahren langsam wäre, dann ist der folgende Prozess noch viel, viel quälender. In einer Geschwindigkeit, die irgendwo zwischen Zeitlupe und Eingefroren anzusiedeln ist, startet das Objekt meiner Spielegelüste bis mir schließlich ein blauer Bildschirm mit den erlösenden Worten Die Sims entgegen strahlt, über den im Schneckentempo witzige Sprüche kriechen, während fetzige Samba-Musik aus den Lautsprechern tönt.

Der schönste blaue Bildschirm meiner Jugend. Der schönste blaue Bildschirm meiner Jugend.

Jeden Tag dasselbe Spiel. Von nun an besteht das Ritual aus jeder Menge kurzer Sprints zwischen meinem Zimmer, dem Badezimmer, der Küche und dem Computerzimmer. Sobald ich sehe, dass der blaue Bildschirm, der das Warten zur Folter macht, einer friedlichen Vorstadt gewichen ist, gerät alles andere in Vergessenheit. Nun gibt es nur noch meine Sim-Familie.

Unwissend, wie viel besser das Spielgefühl sein kann und welche optischen Freuden mich erwarten könnten, spiele ich ohne zu Murren auf der geringsten Grafikeinstellung. Geduldig warte ich die vielen langen Sekunden ab, die meine Sims benötigen, um in die Gänge zu kommen und eine ihnen zugeteilte Aufgabe zu erledigen. Geduld, die normalerweise wirklich nicht meine Stärke ist. Aber irgendetwas an der Lebenssimulation hält mich so gefangen, dass ich über all die technischen Probleme hinwegsehen kann - oder über die, die ich bekommen würde, wenn meine Eltern von meinem morgendlichen Ritual erfahren würden.

Die Sims ist ein wenig wie mit Puppen spielen 2.0, nur dass die Puppen ein Eigenleben haben (wenn ich, ihr Gott, es ihnen mit einem gesetzten Häkchen gestatte) und mich niemand anschreit, wenn ich sie in Brand stecke.

Und Brände, wie jeder erfahrene Sims-Spieler weiß, sind eine ständige Gefahr. Wer seinen Sim nicht jeden Tag mit bestellter Pizza versorgt, brennt mit etwas Pech früher oder später sein komplettes Haus beim Salat machen nieder. Denn leider ist auch die Feuerwehr nur bedingt hilfreich, wenn sie neben eurem Sim steht und mit ihm in Panik verfällt.

Sims leben gefährlich. Sims leben gefährlich.

Schöpfung und Zerstörung sind die beiden Gegenpole, von denen Die Sims lebt. Die Lebenssimulation macht euch zur Gottheit, die über das Leben ihrer eigenen Schöpfungen wacht - mit all der Liebe und Grausamkeit, die dazugehören. Wie ihr das Spiel spielt, bleibt euch überlassen.

Während ich in Kleinstarbeit nicht nur meine Sims, sondern vor allem ihre Häuser gestalte und mehr Zeit im Bau-Modus als im eigentlichen Spiel verbringe, genießt einer meiner Freunde es zu meinem großen Horror, zufällig generierte Sims in vorgefertigte Häuer zu packen, diese mit Teppich auszulegen, die Türen zu entfernen und sie dann ohne Kochfähigkeiten Salat machen zu lassen, nur um zu sehen wie lange es bis zur völligen Auslöschung der gesamten Familie dauert.

Teller, die Durchgänge versperren. Schlafen im eigenen Urin. Eine Kauderwelsch-Sprache. Cheats für unendliches Geld. Besuche vom Sensenmann ... Die Sims ist ein Spielerlebnis, das anders ist als alles, was ich bis dahin gespielt habe. Hinzu kommt das ebenfalls noch neue Gefühl, die Weiten des Internets mit unserem brandneuen Modem erkunden zu können, dessen Knarren und Knartzen und Piepen für mich gleichbedeutend mit Freiheit und, ja, Die Sims sind.

So schön kann das Sims-Leben sein. So schön kann das Sims-Leben sein.

Das Internet, so lernte ich schnell, lockte nicht nur mit Chatrooms, GIFs des tanzenden Babys aus Ally McBeal und unendlichen Informationen, sondern auch mit Mods. Und dafür gab es jede Menge für Die Sims. So viele, dass ich mich fast 15 Jahre später kaum noch daran erinnern kann, wie das Originalspiel eigentlich zwischen all den Mods und Erweiterungen (die ich natürlich alle besaß) aussah. Im nachhinein betrachtet waren das vielleicht auch die Gründe, die unseren PC fast in die Knie und mich zu meinem allmorgendlichen Ritual zwangen.

Aus heutiger Sicht kann ich meine Faszination mit Die Sims nicht mehr nachvollziehen. Zwar spiele ich neue Teile noch immer religiös für ein paar Tage, dann widme ich mich aber anderen Spielen und meine Sims sammeln digitalen Staub im virtuellen Limbus. Mein Geschmack hat sich zu sehr verändert seit intensives Gaming noch etwas Verbotenes war und nicht mein Beruf. Seit ich lieber um 6 Uhr morgens aufgestanden bin, um mehr Zeit mit einem Spiel zu verbringen, als bis 6 Uhr morgens wach zu bleiben, weil mich etwas an den Bildschirm fesselt. Heute ist es eben nicht mehr jeden Tag dasselbe Spiel. Und das ist auch gut so.

Mehr: Die Sims 4 - Lebenssimulation erscheint Ende 2017 für PS4 & Xbox One

Dieser Artikel wurde am 10. Februar 2015 erstmals auf gamespilot.de veröffentlicht und wurde für die Neuveröffentlichung leicht verändert.

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