Als am 13. April 1990 die erste Folge von "Die Macht des Zaubersteins" (Nadia: The Secret of Blue Water) auf dem japanischen Sender NHK ausgestrahlt wurde, ahnte kaum jemand, welches Drama sich hinter den Kulissen abspielte.
Das verantwortliche Studio Gainax, damals noch ein vergleichsweise junges Unternehmen ohne die Erfahrung traditioneller Anime-Studios, hatte sich mit dem Projekt in eine existenzbedrohende Lage manövriert. Der Schuldenberg türmte 80 Millionen Yen hoch - und damit Gainax beinahe in den Ruin getrieben.
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Von Miyazakis Vision zu Annos Albtraum
Die ursprüngliche Konzeption stammte aus der Mitte der 1970er Jahre, als Hayao Miyazaki für NHK und die Tōhō-Studios ein Projekt entwickelte, das letztlich nie realisiert wurde. Miyazaki verwendete Teile dieser Ideen später für seinen Film "Das Schloss im Himmel" (1986) sowie für "Conan, der Junge aus der Zukunft" (via IGN).
Als Gainax 1989 das Konzept aufgriff, arbeiteten Yoshiyuki Sadamoto und Mahiro Maeda die Handlung weiter aus. Ursprünglich sollte Sadamoto die Produktion leiten, doch nach zwei Folgen übernahm Hideaki Anno die Regie.
- Anno, der später mit "Neon Genesis Evangelion" Weltruhm erlangen sollte, arbeitete während der Nadia-Produktion unter immensem Druck. Die chaotischen Produktionsbedingungen führten dazu, dass Anno nach Abschluss der Serie in eine schwere Depression fiel.
- Yasuhiro Takeda, Co-Gründer von Gainax, beschreibt in seinen "Notenki Memoirs" die Produktion als vollständiges Chaos: Niemand wusste, wer für welche Episoden verantwortlich war, Drehbücher und Storyboards wurden über Nacht ohne Genehmigung geändert, und südkoreanische Animationsstudios arbeiteten ohne klare Anweisungen.
Ursprünglich war Nadia auf 26 Episoden geplant. Doch weil die Serie in Japan unerwartet erfolgreich lief, forderte NHK eine Verlängerung auf 39 Episoden. Diese Entscheidung kam so spät, dass Gainax gezwungen war, mitten in der laufenden Produktion zusätzliche Folgen einzufügen, was die Probleme zusätzlich verschärfte.
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80 Millionen Yen Schulden und keine Rechte
Am Ende der Produktion im März 1991 stand Gainax mit einem Schuldenberg von 80 Millionen Yen da - nach heutigem, inflationsbereinigtem Wert etwa eine Million Euro.
Noch gravierender: Das Studio hatte sämtliche Rechte an der Serie an NHK und Toho abtreten müssen. Einzige Ausnahme waren die Videospielrechte. Gainax konnte daher weder von Merchandise-Verkäufen noch von Wiederholungen profitieren.
Um die Verluste aus der Nadia-Produktion auszugleichen, arbeitete Gainax an weiteren Projekten (darunter der Kultklassiker "Otaku no Video"), die jedoch ebenfalls Verluste einfuhren. Als Anno trotz anhaltender Depressionen überredet wurde, den geplanten Nadia-Kinofilm zu inszenieren, zog sich Gainax kurz vor der Fertigstellung aus der Produktion zurück.
Die 50 Millionen Yen Vorschuss, die Group TAC gezahlt hatte, konnten nicht zurückgezahlt werden: Das Studio stand kurz vor der Insolvenz.
Von Nadia zu Evangelion: Der Weg zur Rettung
Gainax blutete aus: Mitarbeiter verließen das Studio scharenweise, einige gründeten später Studio Gonzo. Toshio Okada schlug sogar vor, Gainax solle die Anime-Produktion komplett aufgeben. Doch Yasuhiro Takeda und andere Führungskräfte überzeugten ihn, Anno noch eine letzte Chance für eine TV-Serie zu geben.
- Zunächst versuchte Hiroyuki Yamaga, eine Fortsetzung zu "Royal Space Force" mit dem Titel "Uru in Blue" zu realisieren.
- Nach einem Jahr Vorproduktion musste das Projekt mangels Finanzierung eingestellt werden: Das Studio konnte seine Animatoren nicht mehr bezahlen.
Die Rettung kam schließlich 1995 mit "Neon Genesis Evangelion". Anders als bei Nadia behielt Gainax diesmal die Merchandise-Rechte - und als die Serie zum Megahit wurde und Hunderte Millionen Yen einspielte, konnte das Studio endlich seine Schulden begleichen. Erst nach dem finanziellen Erfolg von Evangelion zahlte Gainax die 50 Millionen Yen an Group TAC zurück.
Studio Gainax selbst existiert seit Dezember 2025 nicht mehr - nach jahrzehntelangen finanziellen und rechtlichen Problemen wurde das Insolvenzverfahren abgeschlossen.
Innerhalb des Gainax-Universums sind die Verbindungen zwischen Nadia und Evangelion übrigens weiterhin vorhanden: Der 2012 erschienene Film "Evangelion 3.33: You Can (Not) Redo" enthält zahlreiche visuelle Anspielungen. Das Luftschiff "AAA Wunder" etwa weist deutliche Ähnlichkeiten mit der Nautilus auf. Anno selbst hatte ursprünglich geplant, Evangelion als direkte Fortsetzung von Nadia zu konzipieren, scheiterte jedoch an den erwähnten fehlenden Rechten.
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