Wie ich Assassin’s Creed Valhalla dank Lockdown lieben gelernt habe

Assassin's Creed Valhalla hat so seine Macken, die Annika sauer aufstoßen lassen. Trotzdem kann sie nicht aufhören zu spielen – und das liegt am Lockdown.

von Annika Bavendiek,
21.05.2021 14:00 Uhr

Assassin's Creed Valhalla bringt Annika zur Natur zurück. Assassin's Creed Valhalla bringt Annika zur Natur zurück.

Ich sage es klar heraus: Ich bin kein Wikinger-Fan und die vielen Bugs und sonstigen Kritikpunkte, die wir im Test bemängeln, hätten fast dazu geführt, dass ich Assassin's Creed Valhalla links liegen lasse. Da ich aber seit Beginn der Reihe an Assassin's Creed hänge, konnte ich nicht anders, als trotzdem in das Action-Adventure reinzuschauen - und bin unerwartet intensiv an dem Spiel hängen geblieben.

Dabei war mein Abenteuer mit Eivor mit so vielen Hochs und Tiefs gespickt, wie ich es selten in einem Spiel erlebt habe. Ich kann schon gar nicht mehr aufzählen, wie häufig ich das Spiel von der Platte werfen wollte, weil ich mich teilweise echt veräppelt gefühlt habe. Denn viele Punkte haben wir ja bereits in unserem GamePro-Test bemängelt: Assassin's Creed Valhalla wirft mit belanglosen Quest, Charakteren und Aktivitäten nur so um sich, dass man schnell die Lust verliert.

Und doch zog es mich wieder und wieder mit Eivor zurück nach England und sogar Irland. Nach rund 150 Spielstunden dämmerte es mir dann auch endlich: Der Grund, warum ich trotz der vielen Kritik nicht von Assassin's Creed Valhalla loskomme und stattdessen Cyberpunk 2077 kaum aushalte, hat mit der Pandemie zu tun.

Annika Bavendiek
@annika908

Als Assassinin der ersten Stunde ist Annika innig mit der Spielereihe von Ubisoft verbunden. Der Mix aus Templer-Konflikt, historischen Settings und den Isu als mystisches Element trifft einfach ihren Nerv. Aber auch ihr sonst so langer Geduldsfaden hat irgendwo ein Ende. Und mit Assassin's Creed Valhalla wäre er beinahe gerissen.

Der große Drang nach Freiheit

Die Auswirkungen der Lockdowns hat bei vielen Menschen die persönlichen Bedürfnisse verändert beziehungsweise deutlicher zum Vorschein gebracht. Das war auch bei mir nicht anders und so hat sich auch mein Fokus bei Videospielen verschoben. Ich suche nun nicht mehr vorrangig nach Möglichkeiten, mich in fremden Welten zu verlieren, sondern vermehrt nach Multiplayer- und Koop-Erlebnisse, um soziale Bedürfnisse zu erfüllen.

Abseits davon gibt es aber noch einen anderen Punkt, der bei mir jetzt viel mehr im Mittelpunkt steht und der mir erst durch Assassin's Creed Valhalla bewusst wurde: Der starke Drang nach Freiheit und Natur.

Assassin's Creed Valhalla weckt Abenteuerlust, die ich im Alltag vermisse. Assassin's Creed Valhalla weckt Abenteuerlust, die ich im Alltag vermisse.

Zurück zur Natur: Dass wir viel mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen (müssen), ist ein starker Einschnitt in unseren Alltag, der schließlich auch mich wurmt. . Natürlich kann ich trotzdem in einer Großstadt wie München, in der ich wohne, in den Park gehen oder einen Tagesausflug an den See machen. Aber dafür findet sich nicht immer die Zeit, wenn es denn gerade überhaupt erlaubt ist. Und selbst wenn die Pandemie-Maßnahmen es zulassen, kann ich auch nicht spontan mit dem Auto irgendwohin fahren, da ich keins besitze.

Und sind wir mal ehrlich: Städtische Grünflächen sind schön und gut, aber pure Natur sieht anders aus. Tiefe Wälder oder weite Felder fernab vom Straßenlärm wirken viel erholsamer auf mich als Parks mitten in der Stadt viel erholsamer.

Daher steigt in mir seit Monaten immer mehr das Bedürfnis nach weiter und wilder Natur, in der ich mich verlieren kann. Weit weg von Technologien, Reizüberflutung und unnötigem Konsum.

Assassin's Creed Valhallas Spielweit ist abwechslungsreich wie wunderschön. Assassin's Creed Valhallas Spielweit ist abwechslungsreich wie wunderschön.

Und absurderweise habe ich das in der weiten Welt von Assassin's Creed Valhalla gefunden. Zwischen den römischen Ruinen, dichten Wäldern und spielenden Dorfkindern habe ich meinen persönlichen digitalen Ruhepol entdeckt - zumindest so lange mich keine Wache angreift. Dann gibt's halt schnell volle Pfund auf's Maul, damit ich danach das Treiben der Eichhörnchen wieder in Ruhe genießen kann.

Eine Welt zum Niederknien

Die Spielwelt ist natürlich kein würdiger Ersatz für die echte Welt. In der aktuellen Situation nehme ich aber, was ich kriegen kann und Valhalla macht es mir diesbezüglich sehr einfach: Die wunderschönen Landschaften und das simplere Leben der Wikinger ziehen mich immer wieder in ihren Bann.

Entschleunigung im Spielealltag: Ich erwische mich zum Beispiel immer wieder dabei, wie ich den Lauten irgendwelcher Tiere nachgehe. Das endete dann auch schon mal darin, dass ich mir ein Päuschen zwischen den Schäfchen Englands gönne, die genüsslich in der Sonne grasen. Und statt wie sonst schnell per Schnellreise zur nächsten Quest zu hasten, reite ich entspannter schöne Lichtungen entlang, während ich Vögel beim Singen zuhören kann.

Aber auch in der Stadt beobachte ich hin und wieder einfach das bunte Treiben der Einwohner, die mich weniger verbittert anschauen als die Menschen, denen ich in auf den echten Straße begegne.

In Valhalla einfach nur über weite Felder zu spazieren, kann herrlich entspannend sein. In Valhalla einfach nur über weite Felder zu spazieren, kann herrlich entspannend sein.

Ubisofts Spiele werden zwar oft für ihr Open World-Design kritisiert, die Schönheiten der Spielwelten gehörten aber immer zu den größten Stärken von Assassin's Creed oder Far Cry. Und besonders durch die Pandemie haben sie für mich einen neuen Stellenwert erreicht.

Das geht sogar so weit, dass ich mich noch so sehr über Valhalla ärgern oder mich darin langweilen kann, am Ende sehe ich darüber hinweg und nehme belanglose Aufgaben an, nur um weiter in Eivors Welt eintauchen zu können. Hier steht für mich tatsächlich mal Quantität vor Qualität. Vor der Pandemie hätte ich Valhalla definitiv schneller den Rücken zugekehrt.

Cyberpunk 2077 war zu viel des Guten

Im Nachhinein verstand ich dann auch, wie meine Erfahrung mit Cyberpunk 2077 da reinpasst. Das steht nämlich im krassen Kontrast zu Assassin's Creed Valhalla und bestätigt so mein verändertes Spielverhalten durch die Pandemie nochmal. Klar, verbuggt ist Cyberpunk 2077 ebenfalls nach wie vor, aber es bot mir trotz größerer inhaltlicher Qualität nicht das, was ich aktuell dringender brauche: viel Grün und das Gefühl nicht eingeengt zu sein. Da helfen auch die offenen, aber tristen Badlands nicht gegen.

Häuser dicht an dicht und stark befahrene Straßen - Cyberpunk 2077 engt mich im Gegensatz zu Valhalla ein. Häuser dicht an dicht und stark befahrene Straßen - Cyberpunk 2077 engt mich im Gegensatz zu Valhalla ein.

So beeindruckend Night City auf seine Art auch ist, tat ich mich demnach schwer damit, diese Spielwelt zu genießen. Ich hatte es noch nie erlebt, dass mich ein Spiel psychisch und physisch so sehr anstrengt, dass ich es nicht ohne Probleme stundenlang am Stück spielen konnte: Zu grelle Lichter, zu laute Musik, zu dröhnende Schusswaffen. Dagegen wirkt Valhalla trotz seiner Gewalt mit seinen Klöstern, leisen Bogenschüssen und dem Vogelgezwitscher wie Balsam auf meiner überreizten Seele.

Der Geist nimmt sich, was er braucht

Nachdem mir nun bewusst ist, wie Assassin's Creed Valhalla oder auch Horizon Zero Dawn und Subnautica: Below Zero auf mich wirken, werde ich mich auch bewusster für oder gegen Spiele entscheiden. Letztendlich tue ich mir damit selbst einen Gefallen. Natürlich sehe ich es auch als Botschaft an mich selbst, mir bewusst mehr Zeit in der echten Natur zu gönnen, aber digital steht nach AC Valhalla samt Irlandtrip ein exotischeres Ausflugsziel auf dem Plan: Assassin's Creed Odyssey.

Odyssey wird mein nächstes großes Abenteuer! Odyssey wird mein nächstes großes Abenteuer!

Mit Alexios habe ich zwar schon unzählige Schlachten in Odyssey erlebt, aber mich zieht es dennoch auch in diese Welt von Ubisoft zurück, da ich dort im Discovery-Modus das Mittelmeer-Flair der griechischen Inseln genießen kann. Und das ganz entspannt, ohne Kämpfe und irgendwelche Bauern, die mir eine dumme Aufgaben aufdrücken wollen.

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