RDR2: Arthur Morgans tragische Geschichte erinnert mich an meine

Vor ungefähr sechs Jahren veränderte sich das Leben unseres freien Autoren Canberk drastisch, wodurch er seine eigenen Bedürfnisse immer mehr hinten anstellte. Einen Verbündeten und Leidensgenossen fand er in Arthur Morgan, in dessen Leben er viele Parallelen fand.

von Canberk Köktürk,
05.08.2021 14:00 Uhr

Der freie Redakteur Canberk hat mit Arthur mehr durchgemacht, als er zuvor vermutet hätte. Der freie Redakteur Canberk hat mit Arthur mehr durchgemacht, als er zuvor vermutet hätte.

Durch eine Erkrankung hatten wir plötzlich eine pflegebedürftige Person in der Familie. Ich brach deshalb kurz vor dem Abschlusses mein Studium ab, um meine Angehörigen zu unterstützen. Ungefähr drei Jahre nachdem sich für uns schlagartig alles veränderte, erschien Red Dead Redemption 2. Das Spiel wurde zu meinem Ventil, um aus meinem stressigen Alltag zu entkommen und zu entspannen. Ich tauchte tief in Arthur Morgans Geschichte ein und erlebte die Welt von Red Dead Redemption 2 durch seine Augen. Dabei bemerkte ich die vielen Parallelen unserer Geschichten.

Achtung: Der folgende Text bespricht wichtige Handlungspunkte aus Red Dead Redemption 2!

Loyalität gegen Vernunft

Arthur ist die rechte Hand des charismatischen Anführers Dutch van der Linde, der "Van der Linde Gang". Eine Gruppe Outlaws, die nicht nur aus bösen Kriminellen besteht, sondern eine große Familie aus jung und alt ist. Arthur hat zu allen eine gute Beziehung. Ob er sich die Sorgen des alkoholkranken Geistlichen anhört oder dem jungen Jack Marston das Angeln beibringt, man bekommt das Gefühl, dass Arthur der große Bruder dieser Menschen ist. Beschützend, streng aber liebevoll.

Ein Leben für die Gang: Neben der Pflege der zwischenmenschlichen Beziehungen ist Arthur häufig gezwungen, Dinge zu tun, die sein Boss Dutch von ihm verlangt. Dazu gehören fast immer Überfälle, Morde oder Intrigen. Diese Aufgaben macht Arthur zunächst ohne viel nachzudenken und zu hinterfragen. Gewalt und Kriminalität gehören nun einmal zu seinem Leben, seitdem er als junger Weise von Dutch aufgenommen wurde.

Für Dutch, den Boss der Gang, macht Arthur einfach alles. Für Dutch, den Boss der Gang, macht Arthur einfach alles.

Dutch, der während des Spielverlaufs besessen von der Idee ist, mit einem letzten Coup die Outlaws endlich von der Verfolgung der Gesetzeshüter zu erlösen und das Land zu verlassen, geht immer mehr Risiken ein. Arthur befürchtet, dass sein Boss seine Familie in Gefahr bringt. Dadurch geraten beide des Öfteren aneinander und die Beziehung leidet.

Mit jedem gescheiterten "Letzten-Plan" wird Arthurs Stimme der Vernunft lauter und seine Proteste stärker. Das merkt Dutch und weiht Arthur immer weniger in die Pläne ein, wodurch er immer mehr zum Außenseiter wird. Das trifft Arthur sehr, denn seine einzige Familie, das einzige wofür er überhaupt lebt, schließt ihn aus und dennoch soll er jederzeit bereit sein sowie für sie kämpfen. Einer der wichtigsten Konflikte im Spiel ist die Frage ob Loyalität gegenüber der Gang wichtiger ist als die Vernunft und die eigenen Bedürfnisse.

Viele Identifikationspunkte

Wenn sich das Leben von mehreren Menschen plötzlich verändert und sie dennoch miteinander an einem Ziel arbeiten müssen, kommt es andauernd zu Konflikten. So wie die Gruppe Outlaws, die permanent auf der Flucht vor Gesetzeshütern ist, mussten meine Familie und ich die neuen Lebensumstände gemeinsam meistern und akzeptieren. Durch die großen Umstrukturierungen gab es viele Uneinigkeiten. Auch meine Meinung und Bedürfnisse sollten, für sehr lange Zeit keine große Rolle in Entscheidungsfindungen spielen.

Canberk Köktürk
@captaincanbi
Wenn Canberk nicht gerade repetitive Sportspiele zockt oder sich Gedanken über Diskriminierung in unserer Gesellschaft macht, dann ist er in Open World Spielen mit intensiven Stories versunken. Das hängt mit seiner Leidenschaft für Filme und Serien zusammen. Eine seiner Lieblingsgeschichten ist die von Arthur Morgan in Red Dead Redemption 2, da sie herausragend erzählt ist und das Western-Genre neu interpretiert.

Der Alltag war ohne jegliche Struktur: Ich musste immer spontan für Aufgaben bereit stehen. Das war für mich eine Zeitlang kein Problem. Doch nach zwei Jahren hatte dieser Ausnahmezustand gesundheitliche Folgen für mich. Wie Arthur funktionierte ich für meine Familie und stellte meine Bedürfnisse an letzter Stelle.

Der andauernde Stress und meine unsichere Zukunft hatten Auswirkungen auf meine psychische Gesundheit. Ermüdungserscheinungen durch das tägliche Pendeln und der harten Arbeit gaben mir das Gefühl, dass ich bald an das Ende meiner Kraftreserven erreichen würde. Es war verwirrend, dass ich so viel tat aber keinen Schritt in meinem Leben weiterkam. Irgendwann musste ich mir die Frage stellen: Wie lange geht das noch gut? Einen Schritt in die richtige Richtung bot mir eine langjährige Therapie, in der ich über meine Ängste und Sorgen sprechen sowie an ihnen arbeiten konnte.

Der Tod als Wendepunkt

Späte Erkenntnis: Auch Arthur erkennt erst durch eine Krankheit, dass sein Leben nicht so abläuft wie er sich das vorgestellt hat. Während unserer gemeinsamen Reise steckt sich Arthur mit Tuberkulose an. Die Nachricht trifft den Protagonisten schwer. Der bevorstehende sichere Tod sorgt dafür, dass ihn die Frage beschäftigt, was er in seinem Leben überhaupt erreicht hat und ob seine schlimmen Taten ihn verfolgen werden.

Die berühmte Cutscene, in der Arthur seine Angst vor dem Tod einer Nonne an einer kleinen Zugstation gesteht bricht mir immer wieder das Herz. Ungefähr so fühlte ich mich bei meinen unzähligen Therapie-Sitzungen, die mir dabei halfen, mir meine Ängste einzugestehen. Die Nonne tröstet ihn damit, dass er zu keinem Zeitpunkt, mit dem sicheren Tod im Rücken, sein Leben klarer sehen konnte. Nach diesem Gespräch konnte man in Arthurs Augen erkennen, dass er verstanden hat, dass er etwas verändern muss.

Arthur Morgans Schicksal hat viele Spieler*innen zu Tränen gerührt. Arthur Morgans Schicksal hat viele Spieler*innen zu Tränen gerührt.

Der Rest ist vielen Spieler*innen von Red Dead Redemption 2 bekannt: Arthur stellt sich gegen Dutch und alle die, die noch hinter ihrem Boss stehen. Alles, was Arthur noch mit seinen letzten Kräften tun kann, ist die Befreiung von John Marston und seiner Familie. Die Emanzipation aus der Gang passiert nicht aus egoistischen Gründen, da er weiß, dass er sowieso bald sterben wird. Durch sein Opfer für John, Abigail und Jack tut Arthur zum ersten Mal etwas, was er selbst für richtig hält. Mit einem tragischen Tod und einem der ergreifendsten Szenen der Videospielgeschichte verabschiedet sich Arthur von uns.

Arthur und Ich

Als ich nach 150 Spielstunden Red Dead Redemption 2 beendete, konnte ich die Leere nicht leugnen, die Arthur in mir hinterließ. Er war wie ein Partner, mit dem ich gemeinsam Angst, Trauer, Verrat und Freundschaft erleben konnte. Er war in einer sehr schwierigen Zeit wie ein Leidensgenosse, mit dem ich mich sehr identifizieren konnte. Nicht aufgrund seiner Heldentaten oder unbeschreiblichen Coolness als Schurke, sondern durch seine Beziehung zu anderen Menschen und wie er auf sein eigenes Leben schaut.

Durch Arthur sammelte ich all meine Mut und begann endlich wieder an mich selbst zu denken. Ich begann wieder zu studieren, nahm mir Zeit für mich selbst und baute ein gesünderes Verhältnis zu meiner Familie auf. Arthur erkannte zu spät, dass es immer einen Ausweg gibt, solange man bereit ist sich der Wahrheit zu stellen. Ich erkannte das mit seiner Hilfe zum Glück eher.

Dieser Artikel ist Teil unserer Held*innen-Themenwoche, die noch bis zum 13. August 2021 läuft und euch täglich spannende neue Artikel rund um das Thema Videospiel-Charaktere präsentiert. Alle bislang erschienenen Artikel findet ihr hier in unserer Übersicht.

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