Ubisoft beurlaubt hochrangige Mitarbeiter & will Vorwürfe ernst nehmen

Nach dem Rücktritt von AC Valhalla-Director Ashraf Ismail wurden nun zwei weitere hochrangige Mitarbeiter nach Vorwürfen des sexuellen Fehlverhaltens beurlaubt.

von David Molke,
29.06.2020 18:00 Uhr

Update:

Nach dem Rücktritt des ehemaligen AC: Valhalla-Directors zog Ubisoft nun weitere Konsequenzen aus den anhaltenden Beschwerden gegen Mitarbeiter. Wie Bloomberg berichtet, wurden die beiden Executives Tommy François und Maxime Béland mit sofortiger Wirkung beurlaubt.

Währenddessen wird eine interne Ermittlung durchgeführt, die beide Mitarbeiter im Zusammenhang mit Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens untersuchen soll. Sowohl gegen François als auch Béland gibt es mindestens drei unabhängige Beschwerden, die via Twitter publik gemacht wurden.

Ubisoft verspricht Veränderungen: Im Zuge dessen hat Ubisoft-CEO Yves Guillemot einen offenen Brief an seine Mitarbeiter verfasst, der an die Öffentlichkeit gelangte. Dort geht Guillemot zwar nicht auf spezifische Vorwürfe ein, spricht aber seine Solidarität mit Betroffenen aus und verspricht ein konzernweites Umdenken, das dabei helfen soll, Fehlverhalten verhindern zu können. (via BusinessInsider)

Laut Bloomberg, soll die Reaktion vieler Mitarbeiter noch von Skepsis geprägt sein, ob Ubisoft wirklich dazu bereit ist, entsprechende Schritte einzuleiten.

Originalmeldung:

Ashraf Ismail zieht sich mit sofortiger Wirkung von seiner Position als Creative-Director von Assassin's Creed Valhalla zurück. Ismail wurden von mehreren Frauen diverse Verfehlungen rund um sexuelles Fehlverhalten und Manipulation vorgeworfen. Er hat als Reaktion darauf angekündigt, zurückzutreten und sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall: In den letzten Wochen und Monaten gab es sehr viele ähnliche Berichte aus der gesamten Videospielindustrie.

Vorwürfe der emotionalen Manipulation & Täuschung

Ashraf Ismail betreut Assassin's Creed Valhalla ab sofort nicht mehr als Creative Director. Er selbst hat die Entscheidung folgendermaßen auf Twitter begründet, bekannt gegeben und sich entschuldigt (der ursprüngliche Tweet und anscheinend der auch der komplette Twitter-Account sind mittlerweile nicht mehr online).

"Ich trete von meinem geliebten Projekt zurück, um mich angemessen mit den persönlichen Problemen in meinem Leben zu beschäftigen. Die Leben meiner Familie und mein eigenes sind erschüttert. Es tut mir zutiefst leid, an alle die hierbei verletzt wurden."

Was wird ihm vorgeworfen? Emotionale Manipulation, sexuelles Fehlverhalten, Täuschung und das Ausnutzen seiner Machtposition. Er soll wiederholt mit mehreren weiblichen, deutlich jüngeren Fans Affären gehabt und diese belogen haben.

Er suchte sich gezielt Partnerinnen, die bis zu 18 Jahre jünger waren. Denen hat er laut den Vorwürfen nicht nur vorenthalten, dass er eigentlich verheiratet ist, sondern sie auch auf Nachfragen dazu bewusst belogen. Dabei handelt es sich häufig um eine sich wiederholende Täter-Strategie (in manchen Fällen als "Grooming" bezeichnet), die auf ungleichen Machtverhältnissen und einem großen Altersunterschied basiert und entsprechend ernst genommen werden muss.

Das sagt Ubisoft dazu: Gegenüber Polygon und Gamasutra hat Ubisoft bestätigt, dass Ashraf Ismail nicht der Creative Director von Assassin's Creed Valhalla bleibt. Auch vielen anderen Ubisoft-Mitarbeitern wurde in den letzten Tagen sexuelles Fehlverhalten beziehungsweise Belästigung vorgeworfen, worauf das Unternehmen wie folgt reagiert:

"Wir sind zutiefst betroffen von diesen Anschuldigungen. Wir nehmen die Missbrauchs- oder Belästigungs-Vorwürfe sehr ernst und wir sehen uns die Anschuldigungen genau an, um die nächsten Schritte zu bestimmen."

Kein Einzelfall: Vorwürfe gegen weitere Studios

Nachdem es bereits letztes Jahr eine Welle an Beschuldigungen gab, häufen sich erneut in den letzten Tagen die Anschuldigungen gegenüber bekannten Namen in der Videospielbranche. Eine Sammlung der aktuellen Berichte könnt ihr euch zum Beispiel hier bei Bloomberg, bei Medium oder in diesem Google-Doc anschauen.

Chris Avellone: Mehrere Frauen werfen dem Autoren (u.a. bekannt für Fallout: New Vegas) teilweise schwere sexuelle Belästigung sowie Nötigung vor. Einen umfassenden Bericht zu den Vorwürfen findet ihr auf Kotaku.

Techland trennt sich: Mehrere Entwickler wie Paradox oder Techland haben sich von Chris Avellone distanziert beziehungsweise bekannt gegeben, nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten zu wollen. Wie Gamasutra berichtet, werden seine Texte für Bloodlines 2 nicht weiter berücksichtigt.

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Insomniac Games: Auch beim Sony-Studio soll es in der Vergangenheit immer wieder zu Fällen von sexualisierter Gewalt gekommen sein, wie ehemalige MitarbeiterInnen berichten. Die Vorwürfe sind vielfältig und drehen sich unter anderem auch um einen Mann, der aktuell noch immer bei den Machern von Marvel's Spider-Man angestellt ist.

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UPDATE: Das Statement von Insomniac Games wird von betroffenen Person allerdings auch als problematisch angesehen. Rachel D. Mark, die sich ebenfalls mit einer persönlichen Erfahrung an die Öffentlichkeit gewandt hat, kritisierte die Stellungnahme, die nicht für die tatsächliche Studiokultur stehe, scharf.

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Nicht nur Videospielstudios betroffen: Auch um die Streaming-Plattform Twitch häufen sich die Anschuldigungen (via Polygon). Viele Streamer und Partner des Unternehmens werden wegen sexueller Belästigung angeprangert. In einem Statement verspricht der Konzern, das Ganze ernst zu nehmen und die entsprechenden Schritte einzuleiten.

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Dass auf die ersten Berichte über sexuelles Fehlverhalten prominenter Personen in der Videospielindustrie weitere Vorwürfe folgen, ist kein Zufall. Viele Betroffene finden jetzt erst den Mut, über ihre Erlebnisse zu berichten und fühlen sich dadurch bestärkt, dass es gerade auch andere tun und sie nicht allein mit ihren Erfahrungen dastehen.

Opfer sexueller Gewalt und Belästigung müssen gerade in einem professionellen Kontext immer befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird, weshalb viele Zwischenfälle über Jahre hinweg nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Es ist daher abzusehen, dass wahrscheinlich noch weitere Berichte dieser Art folgen werden.