Assassin's Creed Valhalla - Geschichts-Check: Was erwartet Eivor?

In Assassin's Creed Valhalla treibt es uns als Nordmann oder Frau mit dem Drachenboot nach England. Was könnte Eivor, gemessen an echter Geschichte, erwarten?

von Sven Raabe,
19.05.2020 19:00 Uhr

Was erwartet Eivor in England und Dänemark? Was erwartet Eivor in England und Dänemark?

Nachdem wir mit Assassin's Creed Syndicate schonmal auf den britischen Inseln für Königreich und Krone herumgemeuchelt haben, greifen wir dieses Mal Großbritannien in Assassin's Creed Valhalla in der Rolle der Eroberer an. Denn im neuen Teil der Serie dreht sich alles um die Plünderungen und blutigen Einfälle der Skandinavier an der britischen Küste, und wir sind als Eivor mitten drin.

Serientypisch werden wir dabei nicht nur eine der ereignisreichsten Perioden der englischen Geschichte erleben, sondern ebenso einige wichtige und bis heute verehrte Persönlichkeiten der damaligen Zeit treffen.

Um einen Vorgeschmack darauf zu bekommen, was uns als Eivor erwartet, werden wir in diesem Artikel historischen Hintergründe genauer ansehen. Dabei konzentrieren wir uns, wie auch Assassin's Creed Valhalla, auf die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts, die von wiederholten Konflikten zwischen Angelsachsen und Nordmännern geprägt war.

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Was trieb die Wikinger zur See?

Eivor, unsere Hauptfigur, stammt aus Dänemark, Doch wie kommt er eigentlich nach Großbritannien? Warum zogen die Nordmänner aus, neue Gefilde zu entdecken?

Um es direkt zu sagen: Es gibt nicht diesen einen Grund, der die Nordmänner in angelsächsische Königreiche trieb, sondern eher eine Verkettung mehrerer Umstände. Zum einen machte das unwirtliche Klima Skandinaviens den Boden schwer bestellbar, was Bauern die Lebensgrundlage erschwerte.

Hinzu kamen wahrscheinlich Probleme wie Überbevölkerung und das skandinavische Erbrecht, laut dem das Erbe nicht aufgeteilt werden durfte und so immer ein großer Teil der Nachkommen leer ausging. Denn ein schwer zu bestellender Boden ist immer noch besser als gar kein Boden.

Und zuletzt spielten sehr wahrscheinlich auch Abenteuerlust und Gier nach Reichtum eine Rolle, gerade zu Beginn der Raubzüge waren es vorwiegend junge Leute, die die Reise antraten, und sich dann mit dem erbeuteten Reichtum in ihrer Heimat als Bauern oder Viehzüchter niederliessen. Die Angreifer stammten dabei vorwiegend aus Dänemark und Norwegen.

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Letzteres ist, wie bereits erwähnt, die Heimat von Valhalla-Protagonist Eivor und deswegen einer der Orte, an dem wir uns in Valhalla rumtreiben werden.

Zuhause: Spannend und moralisch fragwürdig

Und dort gibt es viel zu entdecken: Die Nordmänner waren nämlich mehr als die brutalen Krieger, als die sie in vielen historischen Quellen dargestellt werden, sondern auch versierte Handwerker und vor allem erfolgreiche Händler. Tatsächlich erstreckte sich das von ihnen geschaffene Handelsnetz nicht nur über den Nord- und Ostseeraum, sondern reichte bis ins entlegene Konstantinopel, die Hauptstadt des Kaiserreichs Byzanz. Da wir bereits wissen, dass wir in Valhalla eine eigene Siedlung aufbauen, könnte der Handel über Ozeane hinweg ein wichtiger Gameplay-Aspekt werden.

Doch der "Handel" bezog sich nicht nur auf Schmuck, Wertstoffe oder Nahrung. Eine besonders gefragte Ware zu jener Zeit waren Menschen, die als Sklaven verkauft und mit Hilfe des Handelsnetzes in weite Teile der Welt verschifft wurden. Die Nordmänner erlangten eine gewisse Berühmtheit als Sklavenhändler, denn während ihrer Beutezüge nahmen sie gezielt Gefangene, um diese später zu verkaufen.

Die Raubzüge der Wikinger liefen nicht immer ehrenvoll ab. Die Raubzüge der Wikinger liefen nicht immer ehrenvoll ab.

Ob der Sklavenhandel Teil von Valhalla sein wird, lässt sich natürlich noch nicht sagen. Es wird jedoch auf jeden Fall spannend zu sehen, wie Ubisoft mit diesem Teil des Mittelalters umgehen will.

Warum gerade England?

Während die meisten wissen, dass die Skandinavier immer wieder entlang der britischen Küste einfielen, haben wir bis heute noch keine eindeutige Antwort darauf, wieso die Nordmänner auf der Insel einfielen und warum so viele nach England fuhren, wenn sie doch eine direkte Landbrücke mit dem europäischen Festland verband. Warum eine gefährliche Seereise auf sich nehmen, wenn man einfach hätte laufen können?

Tatsächlich war Großbritannien im 9. Jahrhundert noch nicht das zusammenhängende Königreich, das wir heute kennen. Das Land der Angelsachsen war in mehrere kleinere Königreiche aufgeteilt, dessen Herrscher sich regelmäßig untereinander bekriegten. Als dann die Überfälle der Nordmänner begannen, waren die stehenden Heere der Reiche zunächst zu sehr mit inneren Konflikten beschäftigt, als sich um ein paar Überfälle von Piraten zu kümmern.

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Als dann 866 die Skandinavier mit einem riesigen Heer erschienen, konnten die zahlenmäßig unterlegenen angelsächsischen Truppen dem Ganzen nichts entgegensetzen und wurden bisweilen schlichtweg überrannt.

Von Plünderern zu Eroberern

Denn eigentlich hatte das ganze relativ harmlos angefangen. Denn die Ausfälle gegen die britische Küste wirkten auf den ersten Blick wie normale Piratenangriffe, mit denen jede Küstenstadt zu kämpfen hatte. Zur Zeit Eivors und König Alfreds, die wir beide im Trailer sehen, war das ganze jedoch zu einer vollwertigen Eroberung ausgewachsen.

Diese Überfälle lassen sich in vier Phasen einteilen, die allesamt im 9. Jahrhundert abliefen. Zunächst brachen die Nordmänner lediglich in den Sommermonaten nach England aus und kehrten nach den Plünderungen wieder in ihre Heimat zurück. Dabei gingen die Skandinavier wahrscheinlich ziemlich bedacht vor. Sie nutzten das Überraschungsmoment, um schnell und brutal zuzuschlagen. Dabei spielten Späher oft eine entscheidende Rolle, welche im Vorfeld die Schwachpunkte der gegnerischen Verteidigung offenlegen sollten.

Wir wissen bereits, dass Plünderungen auch in Assassin's Creed Valhalla eine Rolle spielen werden. Hier zeigt uns die Geschichte, dass auch die oft als klobig verschrieenen Nordmänner durchaus heimlich und versteckt vorgehen konnten.

Außerdem dürfte sie ihr Glaube, wenn sie den ehrenhaften Tod als Krieger sterben von Odin nach Walhall eingeladen zu werden, beflügelt haben, rücksichtsloser anzugreifen, vor allem im Bezug auf das eigene Leben. Dieser Glaube spielt auch in Valhalla eine große Rolle, schließlich erscheint Odin im ersten Trailer Eivor während eines Kampfes.

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In der zweiten Phase der Überfälle begannen einige Nordmänner damit, auf der Insel zu überwintern. Dies war nicht ohne Risiko, denn sie konnten von den Angelsachsen jederzeit überfallen und getötet werden. Was, zieht man den Grund für ihre Anwesenheit auf der Insel in Betracht, durchaus verständlich war.

Die dritte Phase wird von einer bedeutenden Veränderung der Nordmänner-Truppen gekennzeichnet: Ab circa 863 schlossen sich mehrere Nordmänner-Heere zum sogenannten "Großen Heer" zusammen. Das Heer, das die angelsächsischen Truppen überwältigte. Nutzten sie zuvor noch ihre schnellen Boote, um von einem Ziel zum nächsten zu kommen - ein nicht unerheblicher Vorteil gegenüber den behäbigen angelsächsischen Truppen - bewegte sich das Große Heer nun vor allem über Land fort.

Ihr Operationsgebiet richtete sich dabei nach dem Zustand der christlichen Reiche, denn sobald diese Schwäche zeigten, setzte sich das Heer in Bewegung - nicht nur in England, sondern auch im Frankenreich, also Teilen des europäischen Festlands.

In England waren speziell die vier nördlicheren Königreiche Wessex, Northumbrien, Mercia und Ostanglien von den Plünderungen der Nordmänner betroffen, die wir in Valhalla übrigens als Eivor allesamt erkunden dürfen. Das schließt die Städte Winchester, York und sogar das frühe London mit ein.

Es gibt bereits Screenshots diverser Siedlungen, doch ist nicht klar, ob wie hier Großbritannien oder Skandinavien sehen. Es gibt bereits Screenshots diverser Siedlungen, doch ist nicht klar, ob wie hier Großbritannien oder Skandinavien sehen.

Bröckelnde Königreiche und die Valhalla-Spielwelt

Die Königreiche hatten zu Beginn der Invasion keine Chance: Dem Großen Heer gelang es innerhalb von fünf Jahren Mercia, Northumbrien und Ostanglien zu besiegen. Somit fielen auch London und York zeitweise unter die Kontrolle der Nordmänner. Von 865-871 fielen die Skandinavier in Ostanglien ein, was zur Eroberung Londons führte.

866 nahm das Große Heer das Königreich Northumbrien und die dortige Stadt York ein. Beide Städte wurden von den Römern im 1. Jahrhundert nach Christus gegründet, damals noch als Lager oder kleine Siedlung, und gewannen schließlich unter angelsächsischer Herrschaft zusehends an Bedeutung. Mercia wurde 873 oder 874 - die historischen Quellen sind diesbezüglich nicht eindeutig - von den Nordmännern eingenommen, und fiel erst 880 wieder unter die Kontrolle des Königreichs Wessex.

Genau in diese Zeit fallen wahrscheinlich Teile der Handlung von Assassin's Creed Valhalla, denn der König von Wessex, Alfred der Große, taucht im Trailer auf, einer seiner Gefolgsleute steht Eivor sogar auf dem Schlachtfeld gegenüber.

Alfred war der Grund dafür, weswegen sich Wessex im ausgehenden 9. Jahrhundert als größtes der angelsächsischen Königreiche einigermaßen gegen die Nordmänner behaupten konnte. Geboren im Jahre 848 bestieg er 871 den Thron von Wessex, nachdem sein älterer Bruder in einer Schlacht gegen die Skandinavier umkam. Auch Alfreds Regentschaft war geprägt von wiederholten Konfrontationen mit den Nordmännern, die ihn zwischenzeitlich sogar zum Rückzug ins moorige Hinterland zwangen.

Die Wikinger überrollten die Angelsachsen mit ihren Heer, erfolgreicher Widerstand formte sich nur langsam. Die Wikinger überrollten die Angelsachsen mit ihren Heer, erfolgreicher Widerstand formte sich nur langsam.

Da die bisherigen Vorstöße gegen die Skandinavier kaum von Erfolg gekrönt waren - die Angelsachsen hatten kaum professionelle Krieger in ihren Reihen - änderte Alfred seine Taktik. Während er gut gesichert in einer antiken Festung sein weiteres Vorgehen plante, ließ er seine Männer Hinterhalte legen. Ihre Ortskenntnisse waren ein nicht unerheblicher Vorteil gegenüber dem Großen Heer, das sie primär mit Pfeil und Bogen sowie Speeren attackierten und so allmählich zermürbten.

Auf diese Weise erkaufte sich Alfred kostbare Zeit, um ein eigenes Heer aufzustellen, mit dem er den Nordmännern, angeführt von Gurthum, in der Schlacht von Edington im Jahre 878 eine empfindliche Niederlage beibringen konnte. Anders als in vielen anderen Assassin's Creed-Spielen scheinen wir also dieses Mal vielleicht auf der Seite der Übermacht zu stehen, gegen die sich mit Heimlichkeit und Hinterhalten gewehrt wird.

Von Eroberern zu Siedlern

Hierauf folgte ein für die Geschichte des heutigen Englands historisches Ereignis: Alfred handelte einen Friedensvertrag mit Guthrum und seinen Kommandanten aus. Sie alle mussten sich taufen lassen und binnen eines Jahres ihre Leute abziehen.

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Darüber hinaus gestand Alfred den Nordmännern ein eigenes Gebiet zu, auf dem dänisches Recht gelten sollte. Dieses Land entwickelte sich zum primären Gebiet für skandinavische Siedler und stellt einen historischen Schritt auf dem Weg zu einem später geeinten England dar.

In jenem Friedensvertrag bezeichnete sich Alfred als "Führer des ganzen englischen Volkes", was ihm, nachdem er die Skandinavier zurückgedrängt hatte, auch keines der angrenzenden Königreiche übel nahm. Innerhalb der Entwicklung zum heutigen, geeinten England kommt ihm deswegen eine besondere Rolle zu. Seine diplomatischen Bestrebungen leiteten zudem die vierte Phase der skandinavischen Überfälle ab 890 ein, die so eigentlich gar nicht mehr genannt werden dürfen.

Anstatt zu überfallen, gliederten sich Skandinavier in die Angelsächsische Gesellschaft ein. Anstatt zu überfallen, gliederten sich Skandinavier in die Angelsächsische Gesellschaft ein.

Denn zwischen Nordmännern und Angelsachsen kam es vermehrt zu Friedensverträgen und Lehnsverbindungen. Zudem begann die Christianisierung der Skandinavier, die in England sesshaft wurden, die in der darauffolgenden Zeit immer mehr mit den Angelsachsen zu einem Volk verwachsen sollten. Aus den reisenden Plünderern und Händlern wurden somit Siedler und Bauern.

Da sich gerade die beiden letzten Phasen so voneinander unterscheiden, wird es interessant zu sehen, was Eivor davon mitbekommt. Ist er Teil der Eroberer? Hilft er bei den Friedensbemühungen? Oder macht er eine Entwicklung durch und ist am Ende sogar an beidem beteiligt?

Missverstandener König

Eine Sache bleibt noch aufzuklären: Alfred war nicht, wie es im Trailer den Anschein hat, ein ruchloser Kriegstreiber, sondern vielmehr ein Diplomat und Förderer von Kunst sowie Kultur. Neben seinen diplomatischen Bestrebungen mit den Nordmännern gründete Alfred Schulen und Klöster, ließ zerstörte Städte und Kirchen wieder aufbauen, erließ neue Gesetze und verfügte, dass alte lateinische Texte übersetzt werden sollten (er lernte sogar selbst Latein).

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All dies im Verbund mit seinen Errungenschaften in seinem Kampf gegen die Nordmänner brachte ihm nach seinem Tod, in Anlehnung an Frankenkönig Karl, den Beinamen "der Große" ein. Da Alfred bereits im Ankündigungs-Trailer zu Valhalla einen kurzen Auftritt hatte, dürfte er im fertigen Spiel einer der wichtigsten Charaktere sein, der Eivor vermutlich einige Schwierigkeiten bereiten dürfte.

Ihr merkt also schon, Assassin's Creed Valhalla hat sich eine bedeutsame sowie äußerst spannende Epoche der europäischen Geschichte als Schauplatz seiner Handlung ausgewählt, die allerlei Potential für spannende Abenteuer birgt.

Freut ihr euch bereits auf eine Reise ins mittelalterliche England?

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