FIFA 18 - Die größte Schwäche von “The Journey” sind die echten Fußball-Stars

Wenn es eine Sache gibt, die FIFA seit jeher vom großen Konkurrenten PES abgehoben hat, dann ist es das um einiges größere Lizenzpaket. Allerdings kann eine solche Lizenzlast auch Nachteile mit sich bringen, wie The Journey in FIFA 18 zeigt.

von Fabiano Uslenghi,
06.10.2017 18:00 Uhr

EA Sport protzt gern mit Lizenzen und das schadet der Geschichte von FIFA 18.EA Sport protzt gern mit Lizenzen und das schadet der Geschichte von FIFA 18.

Auch wenn jährlichen Sportspielen wie FIFA leicht Innovationsarmut vorgeworfen werden kann, hat die Reihe diesem Stigma doch zumindest vergangenes Jahr mit der Einführung eines Storymodus verstärkt entgegengewirkt. Abgerundet mit Cutscenes und spielrelevanten Entscheidungen abseits des Platzes konnten Spieler erstmals in die Rolle des Youngsters Alex Hunter schlüpfen und ihn bei seiner Reise an die Spitze der Premier League begleiten.

Trotz des neuartigen Ansatzes hatte der Modus aber auch gewisse Schwächen. Gerade erzählerisch konnte sich The Journey nicht von altbekannten Hollywood-Klischees absetzen. In FIFA 18 geht die Geschichte von Alex in die zweite Runde und obwohl sie durchaus mit einigen neuen Features auftrumpfen kann, tappt EA Sports gerade in der zweiten Hälfte der Handlung in eine selbstgemachte Lizenzfalle.

FIFA 18 - Trailer zum Story-Modus deutet Alex Hunters Wechsel ins Ausland an 1:34 FIFA 18 - Trailer zum Story-Modus deutet Alex Hunters Wechsel ins Ausland an

Die Reise geht weiter

Fans der FIFA-Reihe wird wahrscheinlich bereits bekannt sein, dass es Alex Hunter dieses Jahr erlaubt ist, auch außerhalb von England eine Anstellung als zukünftiger Starstürmer zu bekommen. Folglich drehen sich in The Journey: Hunter Returns auch große Teile der Handlung um Alex Zukunft im Profifußball und seine Aussichten einen Platz bei einem der Top-Clubs in Europa zu ergattern. Erzählerisch hat die Story in FIFA 18 zumindest ein paar Fortschritte gemacht hat. Im weiteren Verlauf kommt es zu einigen Überraschungen, die sich stellenweise sogar darauf auswirken, mit welchem Spieler wir auf dem Platz stehen werden.

Fabiano Uslenghi
@StillAdrony

Seitdem Fabi vor fast genau 15 Jahren das erste Mal die Demo zu Fifa Fußball Weltmeisterschaft 2002 aus einem Happy Meal gezogen hat, gehört die jährliche Portion Rasenschach zu seinem fest eingeplanten Spiele-Repertoire. Als überzeugter Singleplayer und Freund mitreißender Geschichten hat er es in der Regel auf den Karrieremodus abgesehen. Seit FIFA 17 ist er jedoch neuerdings ebenfalls gespannt darauf, in welche Richtung sich der Storymodus entwickeln wird.

Die Präsentation und Zwischensequenzen wirken im Vergleich zu FIFA 17 abgerundeter und es kommt zu verschiedenen Szenen, in denen die emotionalen Ausbrüche der Figuren nachvollziehbarer wirken und damit ein Interesse des Spielers an der Geschichte wecken. Umso enttäuschender und frustrierender ist es, dass von den Entwicklern im gleichem Maße Fehler begangen wurden, die einige Tugenden des ersten Teils von der Tischplatte wischen. Denn während es im vergangenen Jahr noch um die fußballerischen Aufgaben ging, die unmittelbar vor Alex lagen, dreht sich der Hauptteil der Geschichte in diesem Jahr um Probleme, die den Liga-Alltag nur geringfügig beeinflussen.

Der spannende Konkurrenzkampf zwischen Gareth Walker und Alex Hunter gehört in FIFA 18 der Vergangenheit an.Der spannende Konkurrenzkampf zwischen Gareth Walker und Alex Hunter gehört in FIFA 18 der Vergangenheit an.

Ein Grund hierfür lässt sich darin finden, dass die Charaktere, mit denen sich Alex dieses Mal umgibt, nicht mit ihm in einer Mannschaft spielen, sondern sein privates Umfeld bilden. Dadurch entsteht eine seltsame Distanz zwischen der Story und dem eigentlichen Gameplay, welches ja nach wie vor aus dem Absolvieren der Fußball-Matches besteht. Nur in ganz wenigen Ausnahmen nimmt die Handlung auf die Pflichtspiele Einfluss, was für mich wiederum meist die Höhepunkte von The Journey markiert.

Zu elft alleine

Zugegebenermaßen wirkte es erst ein wenig befremdlich als ich in der ersten The Journey-Ausgabe feststellte, dass Alex nicht der einzige fiktionale Spieler ist, der dem Kader des bevorzugten Clubs zugewiesen wurde. So spielten wir zusätzlich noch Seite an Seite mit unserem ehemals besten Freund Gareth Walker oder dem anfangs recht herablassend wirkenden Danny Williams. Dazu kamen die beiden eingefleischten Profis Bernard und Gallo. Diese neuen Gesichter irritierten zwar anfangs, doch wurde ihre Rolle schnell klar. Um eine spannende Fußballgeschichte erzählen zu können und damit Alex überhaupt in der Lage war mit Mannschaftskollegen zu debattieren, brauchte FIFA Charaktere, die diese Rollen übernehmen konnten. Sie gaben uns das Gefühl, Teil einer Mannschaft zu sein, die ein gemeinsames Ziel verfolgen und nach dem Spiel zusammen feiern oder Weisheiten austauschen.

In FIFA 18 ist Alex jedoch ziemlich auf sich allein gestellt. Bernard und Gallo bleiben in England. Gareth ist längst zum Liga-Rivalen gewechselt und Danny kickt ohnehin in der zweiten Spielklasse. Dafür wirbt EA damit, dass sich Alex nun auch in Zwischensequenzen mit realen Spielern unterhalten wird, die die Rollen der vorherigen Mitspieler einnehmen sollen. Leider geht diese Rechnung nicht ganz auf. Denn keiner der vertonten Lizenzspieler weist auch nur im Ansatz die charakterlichen Nuancen auf, wie es bei den fiktiven Spielern der Fall war.

In diesem Jahr wirkt Alex deutlich isolierter als noch im Vorgänger.In diesem Jahr wirkt Alex deutlich isolierter als noch im Vorgänger.

So wurde bei FIFA 17 noch sehr schnell klar, dass etwa Bernard von seinem Status als Profi sehr überzeugt ist, während sich Gallo meistens etwas bodenständiger gab. Danny und Gareth konnten sogar regelrecht arrogant wirken. Die echten Stars in FIFA 18 hingegen, sind selbstverständlich auch hier darauf bedacht, ein beinahe makelloses Bild zu zeigen. Zudem gibt es in jeder Mannschaft, in der Alex spielt, stets nur einen Mitspieler, der hier und da mal ein paar Worte sagt und den Assistenzcoach, der offenbar als einziger Mensch im Verein bereit ist, eine längere Konversation mit Alex zu führen. Übrigens ebenfalls ein fiktiver Charakter. Der eigentliche Cheftrainer zieht es jederzeit vor, wortlos daneben zu stehen.

Das führt schließlich dazu, dass wir uns am Spieltag so fühlen, als sei kein anderer Spieler außer Alex überhaupt relevant. Nichts bindet uns an unsere Mitspieler. Den einzigen Bezug, den wir zu ihnen haben, sind ihre Namen und Spielergesichter, die man als Fußball-Fan natürlich kennt. Während ich mich in FIFA 17 noch darüber freuen konnte, wenn Bernard mir wieder einen Zuckerpass in den Lauf spielte und ich das Leder kurz darauf versenkte, um dann gemeinsam zu jubeln, spielt es für mich in FIFA 18 einfach keine Rolle, wer sonst noch das gleiche Trikot trägt. Zumal die eigentliche Handlung davon ohnehin nicht beeinflusst wird.

Lizenz vor Persönlichkeit

Die größte Enttäuschung und das ganze Ausmaß der Lizenz-Flut finden sich allerdings glücklicherweise erst im letzten Drittel von The Journey: Hunter Returns. Erwartet ab jetzt ein paar kleinere Spoiler zur Geschichte.

Anstatt fiktiver Charaktere treten in FIFA 18 auch (ehemalige) Topstars wie Thierry Henry auf.Anstatt fiktiver Charaktere treten in FIFA 18 auch (ehemalige) Topstars wie Thierry Henry auf.

Nachdem es Alex im Laufe der Handlung also endlich geschafft hat und ihm Angebote von Bayern München, PSG und Atletico Madrid auf den Tisch gelegt werden, begann für mich der Teil des Spiels, der sich mehr nach Arbeit als Unterhaltung angefühlt hat. Dabei wird erst in diesem Abschnitt ein Feature eingeführt, das auf den ersten Blick recht vielversprechend wirkt. So steht es Alex ab diesem Moment nämlich frei, zu entscheiden, mit welchem weltklasse Spieler er in Zukunft im Sturm stehen will. Zur Auswahl stehen dabei Thomas Müller, Antoine Griezmann und Dele Alli. Zusätzlich entwickelt Alex im Laufe der Zeit eine immer bessere Chemie zu seinem Sturmpartner, was ihre spielerische Verbundenheit symbolisieren soll. Leider zeigt sich auch hier, wie erzählerisch uninteressant und austauschbar Alex' Beziehung zu diesen Topstar wirklich ist.

Die bis zu diesem Moment recht interessant gehaltene Geschichte um Alex' sportliche Zukunft und seiner Familie, spielt praktisch keine Rolle mehr. Stattdessen wechseln sich Pokal und Ligaspiele mit regelmäßigem Training ab, was gelegentlich von einigen nichtssagenden Zwischensequenzen unterbrochen wird. Hier hätte die Chance genutzt werden können, um Alex und seinen jeweiligen Sturmpartner wirklich einander näher zu bringen und mir erneut das Gefühl zu geben, Teil einer Mannschaft zu sein oder zumindest auf dem Platz mit jemandem zu stehen, den ich gut kenne.

Das eigentliche Spielgeschehen rückt zunehmend in den Hintergrund.Das eigentliche Spielgeschehen rückt zunehmend in den Hintergrund.

Es wird auch versucht, den Partner wie einen Freund wirken zu lassen, aber die dafür eigens geschriebenen Szenen leiden schon allein an der alles überdeckenden Austauschbarkeit der Lizenzspieler. Es ist einfach nicht wichtig, ob Griezmann, Müller oder Alli zu sehen sind. Keiner von ihnen strahlt auch nur das geringste Maß an Persönlichkeit aus oder erweckt das Gefühl, dass er und Alex die dicksten Freunde sind. Sie sagen es zwar, doch spürbar ist diese "kollegiale Freundschaft" zu keinem Zeitpunkt.

Diese realen Superstars sind nur dazu da, um Spielern den Eindruck zu vermitteln, mit einem Promi befreundet zu sein. Es wurde sich lieber darauf verlassen, die Lizenzen ihr Werk tun zu lassen, anstatt eine gute Geschichte oder zumindest interessante Persönlichkeiten zu entwickeln. Wenn der The Journey-Modus auch in Zukunft nicht zu einem abgespeckten Karrieremodus mit Zwischensequenzen voller Lizenzspieler werden soll, muss sich EA für das nächste Jahr etwas anderes einfallen lassen. FIFA hat noch immer das Potenzial eine gute Geschichte zu erzählen, doch dafür müssen die Lizenzspieler zur Randerscheinung werden.


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