Frust in Videospielen hat mir den Spaß verdorben - aber ich fand einen Ausweg

Fliegende Controller, Wutschreie – Videospiele rufen ab und an destruktive Verhaltensweisen hervor. Dagegen anzukämpfen ist gar nicht so leicht, diese Erfahrung hat auch Chris machen müssen.

von Chris Werian,
06.06.2021 12:00 Uhr

Frust, Wut, Ärger - Videospiele können die schlimmsten Gefühle zu Tage fördern. Muss das wirklich sein? Frust, Wut, Ärger - Videospiele können die schlimmsten Gefühle zu Tage fördern. Muss das wirklich sein?

Ein neues Biom, Gegner mit unbekannten Attacken, Pech bei den Item-Drops. Der virtuelle Bildschirmtod lauert in Roguelikes wie Returnal hinter jeder Ecke. Nicht immer trägt man als Spieler:in daran Schuld, auch der Zufall kann einem übel mitspielen. Frust ist dann unvermeidlich, oder? Tatsächlich lässt sich negative Energie bändigen. Bockschwere Spiele verlieren dadurch ihren Schrecken und können sogar einen gewissen Reiz entwickeln.

Stress durch zu große Gaming-Ambitionen

Kompetitives Spielen faszinierte mich in meiner Jugend sehr, sei es nun in Form von Speedruns oder dem eSport. Wenig überraschend registrierte ich mich daher auch sogleich für die Consoles Sports League, der damaligen Konsolensparte der ESL, als diese ans Netz ging. Über mehrere Jahre hinweg spielte ich aktiv Gears of War auf semiprofessionellem Niveau.

Gears of War ist auf Offline-Events berüchtigt für seine lautstarke, verbal wenig zurückhaltende Community. Dass dein Gegenüber aufsteht und dich zwischen den Runden anschreit? Eher die Regel als die Ausnahme. (Bildquelle: Gears.gg) Gears of War ist auf Offline-Events berüchtigt für seine lautstarke, verbal wenig zurückhaltende Community. Dass dein Gegenüber aufsteht und dich zwischen den Runden anschreit? Eher die Regel als die Ausnahme. (Bildquelle: Gears.gg)

Wettbewerb sorgt für enorme Drucksituationen: Sobald ein Match oder Turnier anstand, wurde aus spielerischer Unbekümmertheit Ernst. Wer verliert schon gern, nachdem stundenlang Spielzüge einstudiert wurden? Die Angst vor dem Scheitern war stets allgegenwärtig. Zudem Gears of War ein Titel ist, der von Anfang an eine für Außenstehende martialisch anmutende Community kultivierte. "Trash Talk" ist so untrennbar mit der Reihe verbunden wie das Kettensägenbajonett mit dem Lancer-Maschinengewehr.

Hinzu kamen die Unberechenbarkeiten des frühen DSL-Zeitalters, jugendlicher Übermut und die Tatsache, dass jeder jeden kannte. Zusammengefasst also Unmengen an Stressfaktoren, die pures Gift für die eigene Person sein sollten. Die Folge waren Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Ebenso würde ich mich innerhalb dieser Zeitspanne als "schnell reizbar" beschreiben, Streit wurde beinahe täglich angezettelt.

Mein Lösungsansatz: Inspiriert von den Profis der MLG (eines der weltweit führenden Formate im eSport), kanalisierte ich die überschüssigen Emotionen mit Ausgleichssport in Form von Mountainbiking. Das funktionierte gut, ein Controller schloss nie Kontakt mit der Zimmerwand, ich wurde insgesamt wieder deutlich gelassener. Wirklich geholfen hat das beim Umgang mit Spielfrust aber nicht, eigentlich wurde nur eine Ablenkung gefunden, sobald der Kessel kurz vor dem Überkochen war.

Chris Werian
@DrChrisRespect

Wer Chris heutzutage antrifft, wird sich kaum vorstellen können, wie er an Spielabenden mit Gears of War und Bloodborne "explodieren" konnte. Gears of War spielt er immer noch im Multiplayer ("gibt einfach keine Alternative"), aber mit einer inneren Gelassenheit, die fast schon beängstigend ist. Ebenso hat er viele unglaublich schwere Spiele ins Herz geschlossen. Mit großer Freude zerlegt er diese nun, statt sich wegen ein paar Bildschirmtoden den Spaß rauben zu lassen.

Ratlosigkeit und Angst beim Spielen

Nachdem ich auf diese Weise noch einige, deutlich unerfolgreichere Jahre mit Call of Duty verbracht habe, traute ich mich kaum an neue Wagnisse heran, schließlich könnte sich ja herausstellen, dass man in seinem Lieblingshobby doch nichts auf dem Kasten hat. Ich war das Gegenteil von "frustresistent".

Dabei war das Interesse an einem Genre riesengroß: Soulslikes.

Bloodborne sieht wenig einladend aus und spielt sich dementsprechend. Vor allem für Anfänger, die sich nur selten an Soulslikes heranwagen. Bloodborne sieht wenig einladend aus und spielt sich dementsprechend. Vor allem für Anfänger, die sich nur selten an Soulslikes heranwagen.

Als großer Horror- und Cthulhu-Fan versuchte ich mich als erstes an Bloodborne. Mein Playthrough hätte aber nicht schlechter laufen können. Ich ließ mich viel zu sehr von Aussagen anderer Spieler leiten, anstatt mich auf mich selbst zu konzentrieren - "Das ist super schwer, tu dies, tu das, steigere diese und jene Fähigkeit." Da meine Unsicherheit groß war, habe ich solche "Ratschläge" einfach angenommen. Das Resultat war ein völlig kaputter Character-Build und ein Spielstil, der mir überhaupt nicht lag.

Es sollte ganz furchtbar werden: Der Gipfel war ein mehrtägiges Boss-Fight-Fiasko im DLC, das sich auf insgesamt zwölf Stunden verteilte. Dass ich am Ende gewann, würde ich größtenteils einer Portion Glück und dem enormen Zeitinvestment zuschreiben. Dabei hätte der Kampf so viel leichter sein können, meine Ängstlichkeit im Verbund mit dem heftigen Frust machten mich für alternative Herangehensweisen jedoch blind.

Licht am Ende des Frust-Tunnels

Auf eine Empfehlung hin installierte ich die Shoot-Em-Up-Plattformer-Mixtur Downwell auf meinem PC. Die anfängliche Begeisterung in den ersten Leveln hielt allerdings nicht lang an, das Spiel knallte mir auf einmal eine Hürde nach der anderen entgegen.

In den folgenden Monaten deinstallierte ich Downwell wutentbrannt ganze neun Mal, das Knallen meiner Faust auf der Tischplatte hallte häufig durch die Wohnung. Der Titel verleitete aber stets zur Wiederkehr. Nach einer Weile schaffte man es doch in den nächsten Abschnitt, der Endboss rückte immer näher.

In Downwell fallt ihr über mehrere Level hinweg einen Brunnen herab. Es gilt Feinden, Projektilen und fiesen Fallen auszuweichen. Da man nur wenige Treffer einstecken kann, reaktionsstark sein muss und keine Ahnung hat, was am unteren Ende des Bildschirmausschnitts lauert, heißt es schnell 'Game Over'. In Downwell fallt ihr über mehrere Level hinweg einen Brunnen herab. Es gilt Feinden, Projektilen und fiesen Fallen auszuweichen. Da man nur wenige Treffer einstecken kann, reaktionsstark sein muss und keine Ahnung hat, was am unteren Ende des Bildschirmausschnitts lauert, heißt es schnell 'Game Over'.

Ein Sieg auf ganzer Linie: Entscheidend für den Abschluss des Spiels sollte allerdings ein generelles Umdenken werden. Irgendwann ging es nicht mehr weiter und ich stand vor einer endgültigen Wahl. Aufgeben oder noch einmal ganz von vorn beginnen? Ein "Neustart" bedeutete für mich, dass ich von nun an in Ruhe plane und zu jedem Bildschirmtod ein paar analytische Gedanken notiere.

Also das genaue Gegenteil meiner sturen Drauflos-Mentalität.

Glücklicherweise spürte ich, dass ich endlich eine Veränderung in meinem Gaming-Alltag vornehmen muss. Downwell betrachte ich bis heute daher als meinen virtuellen Mount Everest. Ein Symbol dafür, nicht einfach nur ein Spiel abgeschlossen, sondern vor allem festgefahrene Denkweisen besiegt zu haben. Selbstsicherheit generierte sich nun aus dem Gefühl, dem Spiel einen Schritt voraus zu sein, es durchschauen zu können.

Die etwas andere Art, mit Niederlagen umzugehen

Nachfolgend wagte ich mich an vielfältige Genres, um mal zu schauen, ob sich die Erfahrung von Downwell übertragen lässt. Angefangen bei 2D-Plattformern über Hack-&-Slays bis hin zu Soulslikes. Wieder mit dabei war auch Bloodborne, dem ich mich noch einmal unbefangen widmete. Nicht mehr die Angst vor frustigen Erlebnissen dominierte die Spielerfahrung, sondern die Auseinandersetzung mit Spielmechaniken sowie die Bereitschaft, die eigenen Fehler zu analysieren. Der Unterschied hätte kaum überwältigender sein können, Bloodborne wuchs auf einmal zu meinem absoluten Lieblingsspiel heran.

Am Ende des Weges stand Below: Das Roguelike sollte mir als Abschluss meines Umdenkprozesses dienen, da es alle mentalen Fertigkeiten abforderte, die ich über die Jahre gewann. Der Protagonist wird im Spielverlauf körperlich nicht stärker, Fortschritt verbucht man nur mit zunehmender Erfahrung - eine perfektere Analogie könnte ich mir für meine eigene Entwicklung nicht ausdenken.

Die Tiefen von Below sind unbarmherzig. Neben Gegnerkonfrontationen müssen Survival-Aspekte wie Hunger, Durst und Kälte beachtet werden. Die Tiefen von Below sind unbarmherzig. Neben Gegnerkonfrontationen müssen Survival-Aspekte wie Hunger, Durst und Kälte beachtet werden.

Die Konsequenzen jeder Entscheidung werden sofort spürbar, wiederkehrende Muster lassen sich schnell erkennen. Behält man seinen Blick also offen, lässt sich immer eine Schlussfolgerung ziehen, die beim nächsten Run hilft. Below war zwar immer noch eine gewaltige Herausforderung, da ich aber meine Konzentration durchgängig aufrechterhalten konnte, fiel diese schnell in sich zusammen. So wurde das Spiel zum Genuss, Frust kam nie auf.

Frust steht uns nur selbst im Weg

Über die Jahre entstand so ein harmonisches Verhältnis zu Schwierigkeit. Viele Strategien ließen sich für andere Titel adaptieren, es lohnte sich also, mal etwas mehr Zeit mit einem Spiel zu verbringen. Auch konnte ich meine Erkenntnisse auf viele weitere Bereiche übertragen, die zuvor Angstschweiß auf meiner Stirn auslösten. Elektrogeräte aufschrauben? Videoschnitt? Artikel verfassen? Mittlerweile alles kein Problem mehr. Angemessen vorbereiten, ausprobieren, die eigenen Fehler analysieren sowie konzentriert und gelassen bleiben.

Frust ist die größte Hürde, die man sich selbst stellen kann, und ich bin froh sie aus weiten Teilen meines täglichen Lebens verbannt zu haben.

Wie geht ihr mit Frustsituationen um? Gibt es Spiele, die euer Nervenkostüm schon überstrapaziert haben?

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