Ghost of Tsushima - Der wahre Kern der fiktiven Geschichte

In Ghost of Tsushima stürzen wir uns als Samurai ins mittelalterliche Japan, doch wie sah das Land damals aus? Gab es die Mongolen-Invasion wirklich?

von Sven Raabe,
04.07.2020 10:30 Uhr

In Ghost of Tsushima tauchen wir in das feudale Japan ein - doch wie sah das Land damals eigentlich aus? In Ghost of Tsushima tauchen wir in das feudale Japan ein - doch wie sah das Land damals eigentlich aus?

In Ghost of Tsushima entführt uns das inFAMOUS-Studio Sucker Punch auf die real existierende Insel Tsushima, die zwischen der koreanischen Halbinsel und der südwestlichsten japanischen Hauptinsel liegt. Für die Story-Kampagne des Spiels schlüpfen wir in die Rolle des Samurai Jin Sakai, der gegen die einfallenden Mongolen in die Schlacht zieht.

Ein reales historisches Ereignis der japanischen Geschichte, das für den fiktiven Jin allerdings nicht allzu gut ausgeht. Als Teil einer großen Samurai-Armee wird er von den Mongolen besiegt und schwört als "Geist", die Invasoren von Tsushima zu vertreiben. Eine ereignisreiche Zeit, auf die sich auch ein historischer Blick lohnt - viel Spaß!

Das Zeitalter der Krieger-Elite

Ghost of Tsushima führt uns, genauer gesagt, in das Jahr 1274, das zur sogenannten Kamakura-Zeit (1185-1333) gerechnet wird. Bis dahin regierte der japanische Kaiser über das Land und auch die an seinem Hof lebenden Adligen verfügten über einen großen Einfluss in Japan. Mit Minamoto no Yorimoto stieg dann allerdings der erste Shogun, eine Art Militär-Dikator, zur Macht auf und stellte einen neuen Gegenpol zum Kaiser dar.

Ghost of Tsushima - Trailer verrät neue Details zur Story und Release 3:07 Ghost of Tsushima - Trailer verrät neue Details zur Story und Release

Eine neue Ordnung: Letzterer sollte im feudalen Japan fortan nur noch eine symbolische Rolle innehaben und legitimierte lediglich den Machtanspruch der verschiedenen Shogune. Zusammen mit diesen erhob sich eine neue gesellschaftliche Elite: die Samurai, zu denen auch Jin zählt. Sie und die Shogune waren die wahren Herrscher Japans. Entsprechend galt damals: Derjenige mit der schlagkräftigsten Armee hatte das Sagen in Japan.

Samurai bildeten die Spitze dieser neuen, kriegerischen Gesellschaft und stellten sich mit Leib, Leben und Schwert oftmals in die Dienste der Shogune, die so ihre Macht sicherten. Dies war gerade deshalb von Bedeutung, weil mit dem Aufstieg der Shogune keinesfalls Frieden in Japan einkehrte. Immer wieder kam es zu Bürgerkriegen zwischen rivalisierenden Warlords und Fürsten, zu denen auch Shogune zählen konnten. Oftmals zogen auch Samurai für diese Gruppen in die Schlacht.

Gemeinsamer Feind: Für die Samurai ging es vor allem darum, Ruhm und Ehre zu erlangen - sowohl für das persönliche Ansehen als auch um so größere Chancen zu haben, für weitere Schlachten angeworben zu werden. Die Samurai waren damals, wenn überhaupt, in Clans, also Familienverbänden, organisiert und es brauchte ein Ereignis historischen Ausmaßes, um eine echte Einheit heraufzubeschwören. Ein Ereignis wie es 1274 eintreten sollte, als Japan zum Ziel einer mongolischen Invasion wurde.

Die Mongolen sind erbitterte Gegner, die uns schwer zu schaffen machen. Die Mongolen sind erbitterte Gegner, die uns schwer zu schaffen machen.

Die Mongolen kommen!

Mongolen-Anführer Kublai Khan hatte schon länger ein Auge auf den Inselstaat Japan geworfen. Nachdem er zuvor bereits China und Korea erobert hatte, wollte er nun über den Seeweg sein Imperium erweitern. Tsushima wurde dabei als frühes Angriffsziel auserkoren, da die Insel an einer strategisch wichtigen Position liegt: in der Nähe zur koreanischen Halbinsel und nahe der südwestlichsten japanischen Halbinsel Kyushu.

Überwältigende Übermacht: Kublai Khan hatte dem japanischen Kaiser zwar mehrfach nahegelegt, die Autorität des mongolischen Reiches anzuerkennen, allerdings rechnete er nie damit, dass der Kaiser dies auch tatsächlich tun würde. Aus diesem Grund ließ er eine Flotte aufstellen, die im Oktober 1274 am Strand von Tsushima landete und in Ghost of Tsushima vom fiktiven Khotun Khan angeführt wird. Er ist der Antagonist des Spiels, der Jin zu Beginn auch gleich eine empfindliche Niederlage beibringt.

Die Ankunft der Besatzer auf der japanischen Insel markiert den Beginn der Ersten Mongolen-Invasion. Die ausländischen Krieger rissen schnell die Kontrolle über die kleine Insel an sich. Samurai wie Jin stellten sich den Invasoren zwar entgegen, doch den disziplinierten und gut organisierten mongolischen Truppen waren sie nicht gewachsen. Von ihrer Kavallerie und ihren Fußsoldaten wurden die Samurai gnadenlos aufgerieben.

In Ghost of Tsushima können wir auch die Rüstung von Jin anpassen, die wiederum bestimmte Spielstile begünstigt. In Ghost of Tsushima können wir auch die Rüstung von Jin anpassen, die wiederum bestimmte Spielstile begünstigt.

Der Zweck heiligt die Mittel: Zu Beginn des Spiels stellt sich Jin gemeinsam mit weiteren Samurai den Truppen von Khotun Khan entgegen, doch diese Konfrontation nimmt kein gutes Ende. Seine Waffenbrüder sterben und auch das Leben von Jin liegt in Trümmern. Als vermeintlich letzter Samurai sieht es Jin als seine Pflicht an, die Eindringlinge aus seiner Heimat zu vertreiben. Nach und nach nimmt er die Identität des "Geistes von Tsushima" an, um die Mongolen mittels "unehrenhaften" Vorgehens wieder von der Insel zu vertreiben.

Nun, zumindest unehrenhaft für einen Samurai, denn als "Geist" stellt er sich seinen Gegnern nicht nur im Duell, sondern schlägt vor allem aus den Schatten heraus zu. Er versteckt sich in der Dunkelheit, schleicht sich gekonnt an seine Feinde heran und ermordet diese hinterrücks. Das mag effizient sein, geht gleichzeitig aber gegen alle Lehren, mit denen Jin in seiner Samurai-Vergangenheit erzogen wurde.

Was die Samurai von den Mongolen lernten

Unter den Mongolen, die immerhin eine der mächtigsten Armeen der damaligen Zeit waren, hatte Jins Heimat Tsushima sehr zu leiden. Die Invasoren beherrschten nicht nur schlagkräftige Militärtaktiken, sondern verfügten darüber hinaus über fortschrittliche Waffentechnologien. Dennoch ergaben sich historisch gesehen durch dieses Ereignis auch Chancen, gerade für die Samurai.

Neue Ideen, neue Waffen: Zu dieser Zeit war es für viele Samurai üblich, gewissermaßen als einsamer Wolf gegen einzelne Gegner anzutreten. Es entwickelte sich zu einer Tradition, seinem Feind entgegen zu stürmen, seine vergangenen Taten sowie die eigene Abstammung laut auszurufen und den Kontrahenten anschließend zum Zweikampf zu fordern.

Egal ob Bossgegner oder einfache Soldaten - Jin tritt regelmäßig in blitzschnellen Schwertduellen an. Egal ob Bossgegner oder einfache Soldaten - Jin tritt regelmäßig in blitzschnellen Schwertduellen an.

Die überwältigende Stärke der Mongolen, mit der sie anfangs auch Tsushima überrollten, speiste sich hingegen aus aber ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit: Mit Disziplin und natürlich ihrer Überzahl setzten sich die Mongolen immer wieder erfolgreich auf dem Schlachtfeld durch. Eine Einigung der Samurai und der Shogune war plötzlich sinnvoll.

Hinzu kamen die bereits erwähnten fortschrittlichen Waffen, die die Mongolen mit auf die Insel brachten. Dazu zählten beispielsweise das Schießpulver sowie primitive Granaten. Letztere wurden beispielsweise dazu genutzt, um Pferde aufzuschrecken. Es erscheint durchaus möglich, dass wir mit Jin auf solche Waffen werden zurückgreifen können, um die Mongolen noch effektiver bekämpfen zu können.

Vom Winde verweht

Dass die Mongolen letztendlich geschlagen werden konnten, war hingegen auch den Mächten der Natur zu verdanken. Im November 1274 zerschmetterte ein gewaltiger Taifun die mongolische Flotte und plötzlich waren die Invasoren im Feindesland gefangen. Wenig verwunderlich erlitten ihre Streitkräfte anschließend massive Verluste, wurden sie doch von den Einheimischen mit aller Härte bekämpft.

Mächte der Natur: 1281 startete Kublai Khan einen weiteren Invasionsversuch, der letztendlich auf die gleiche Art enden sollte: Wieder fegte ein Taifun die mongolische Flotte hinweg, woraufhin die verbliebenen Krieger von den Einheimischen getötet wurden. Der mächtige Sturm, der die fremden Schiffe vernichtete, wurde von den Japanern übrigens "Kamikaze" genannt, was so viel wie "Göttlicher Wind" bedeutet.

Um die Mongolen zu besiegen, greift Jin zu allen Mitteln - auch wenn es seinen Samurai-Kodex verstößt. Um die Mongolen zu besiegen, greift Jin zu allen Mitteln - auch wenn es seinen Samurai-Kodex verstößt.

Die Bezeichnung der "Kamikaze-Flieger", die während des Zweiten Weltkrieges kämpften, geht ebenfalls auf jenen göttlichen Wind zurück. Im Kampf gegen die Alliierten verzeichneten die Japaner immer größere Verluste gegen ihren technologisch wie zahlenmäßig überlegenen Gegner. Da ein göttlicher Beistand ausblieb, erhoffte sich die japanische Führung von den "Kamikaze-Piloten" einen ähnlichen Effekt wie von jenen Taifunen, die damals die Feinde Japans in die Flucht schlugen.

Generell wird der Wind auch in Ghost of Tsushima eine wichtige Rolle spielen, denn er leitet Jin und somit auch uns über die Insel. Da die Entwickler bewusst auf Wegmarker verzichten, können wir uns auf Knopfdruck vom Wind zum nächsten interessanten Ort führen lassen. Ein spannender Einfall, der zugleich wunderbar die Naturverbundenheit Japans sowie die mythologische Bedeutung des Windes hervorhebt.

Was wir darüber hinaus noch mit Jin auf Tsushima erleben werden, erfahren wir am 17. Juli 2020, wenn das Spiel exklusiv für die PS4 erscheint.

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