Held*in nach Schema F: Warum ich Character Builds nie verstehen werde

Wer möchte, findet zu jedem RPG detaillierte Anleitungen dazu, wie man die besten und stärksten Held*innen erstellen kann. Hannes wundert sich: Macht das nicht jedes Rollenspiel-Gefühl kaputt?

von Hannes Rossow,
29.07.2021 16:00 Uhr

In vielen Spielen, darf ich meine eigenen Held*innen entwerfen - warum also Bastelanleitungen zur Hand nehmen? In vielen Spielen, darf ich meine eigenen Held*innen entwerfen - warum also Bastelanleitungen zur Hand nehmen?

Wenn ich mich auf ein neues Rollenspiel einlasse, dann herrscht bei mir immer auch ein Stück weit Vorfreude auf das kommende Abenteuer. Noch weiß ich nicht, welche Wendungen die Geschichte bereithalten wird. Noch kann ich nur erahnen, in welche Welten ich vordringen werde. Und noch weiß ich kaum etwas über den Held oder die Heldin, die ich gleich stundenlang im Charakter-Editor erstellen werde.

Ein Held nach meinem Geschmack

Gerade die Erschaffung einer Figur, in all ihren Facetten, übt auf mich den größten Reiz von Rollenspielen aus. Wird es eine magiebegabte Diebin, die auf Zweihänder spezialisiert ist? Oder doch lieber der Zwerg, der problemlos zwischen Schrotflinte und Raketenwerfer hin und her wechselt? Dass ich im Spielverlauf mit dutzenden, kleinen Entscheidungen einen fertigen, kampferprobten Charakter kreiere, der am Ende meinen Spielstil perfekt widerspiegelt, ist jedes Mal aufregend.

Und deswegen kann ich es auch nicht verstehen, wenn man sich dieses Gefühl mit vorgefertigten Character Builds nehmen lässt.

Zu jedem größeren Rollenspiel gibt es im Netz eine Flut an Anleitungen, wie sich Held*innen mit ganz spezifischen Fähigkeiten und Werten erstellen lassen: Detaillierte Hilfestellungen beim Skillen, Empfehlungen für Perks und Upgrades, perfekt zusammengestellte Outfits für die beste Ausrüstung in jeder Situation.

In Borderlands 3 geht viel um Optimierung - sei es durch Ausrüstung oder spezialisierte Builds. In Borderlands 3 geht viel um Optimierung - sei es durch Ausrüstung oder spezialisierte Builds.

Character Builds haben natürlich ihre Daseinsberechtigung: Manche Spieler*innen möchten vielleicht im Endgame auftrumpfen, manche suchen den Anschluss im PvP-Modus und manche möchten nach 200 Stunden im Spiel einfach austesten, wie sich die Spielmechaniken ausreizen lassen. Warum aber schon am Releasetag nach Anleitungen gesucht wird, wie viel Geschicklichkeit der Paladin am besten haben sollte, kann ich nicht nachvollziehen.

Aber muss das sein? Möchte ich denn überhaupt einer Anleitung folgen, wie ich meinen RPG-Charakter erstellen und ausbilden sollte? Will ich eine Schablone auf meine Heldin legen und sie dann abpausen? Ich kann den Reiz von Character Builds nicht nachvollziehen, denn in meinen Augen schränken sie die spielerische Freiheit und die kreative Vielfalt ein. Am Ende geht's nämlich nur um eine Sache: Selbstoptimierung.

Höher, besser, schneller, weiter

Schon im echten Leben werden wir oft mit der Aufforderung konfrontiert, mehr aus dem eigenen Leben zu machen. Mal sind es Diäten für die "Problemzone" am Bauch, mal sind es Apps, die den Tagesablauf besser regeln sollen, mal sind es Ratgeber, wie man im Job besser vorankommt. Tipps dieser Art können hilfreich sein, es schwingt aber immer die Gefahr mit, dass die Selbstoptimierung zum Zwang wird. Und das letzte, was ich in Spielen möchte, ist, einen perfekten Waldläufer mit maximalen Schadenswerten haben zu "müssen".

Auch in Cyberpunk 2077 lassen sich Builds jeder Couleur anfertigen. Auch in Cyberpunk 2077 lassen sich Builds jeder Couleur anfertigen.

Natürlich kann ich Spielmechaniken und die Arithmetik der Charakterwerte zu meinen Gunsten beeinflussen und optimieren. Nur heißt das dann immer zwischen den Zeilen, dass ich zwecks Optimierung am besten aufhören sollte, so zu spielen, wie ich gern spielen möchte. "Mein" Abenteuer ist hier vorbei und ich ziehe ab sofort weiter mit dem Helden oder der Heldin, die sich andere Spieler*innen erdacht haben. Und selbst wenn ich den Bossgegner dann doch aus eigener Kraft schaffe, der Druck, in Zukunft "effizienter" zu spielen, ist trotzdem allgegenwärtig.

Wenn's nicht weitergeht: Sei doch jemand anderes!

Dass mein Held auch ineffizient sein kann, gehört für mich zum spielerischen Ausdruck. Ein wilder Mix aus Klassen und Fähigkeiten kann sich für mich oft richtiger anfühlen als ein Spezialist. Das wird mir in vielen RPGs zwar auch ermöglicht, oft kann es aber ein Todesurteil sein, viele Dinge ein bisschen zu können, aber nichts davon richtig. Und dann ist es stets sehr schade, wenn die Lösung lautet, dass ich einfach so spielen sollte, wie es andere tun - dann wird's auch leichter.

Es gibt auch einige Rollenspiele, die kreative Lösungswege ermöglichen. Divinity: Original Sin 2 ist hier ein sehr gutes Beispiel. Selbst wenn der eigene Charakter nicht "heldenhaft" genug ist, um bestimmte Kämpfe aus eigener Kraft zu stemmen, kann ich die Umgebung ausnutzen und Systeme kombinieren. Ein Dutzend Ölfässer auf den Boden zu werfen und die Lache großflächig abzubrennen, sorgt dann für den nötigen Feuerschaden, den meine Blitzmagierin vielleicht nicht liefern kann.

Divinity: Original Sin 2 ist komplex genug, dass jeder Charakter zum Helden werden kann. Divinity: Original Sin 2 ist komplex genug, dass jeder Charakter zum Helden werden kann.

Das Gegenteil davon sind Titel wie Diablo 3 oder Borderlands 3 - action-orientierte Rollenspiele, in denen am Ende nur der ausgeteilte Schaden zählt. Multiplikatoren und kombinierte Perks sind oft das Allheilmittel, um auch auf hohen Schwierigkeitsgraden mithalten zu können. Ich weiß, dass das eben zu bestimmten Spielsystemen dazu gehört und es ist ja nicht so, als könnte ich mich nicht auch in Talentbäumen verlieren. Es heißt aber auch, dass es eine handvoll "richtiger" Wege gibt, diese Spiele zu spielen. Und diesen Wegen muss ich mich eben annähern.

Sich zu sehr auf Werte und Statistiken konzentrieren zu müssen, lenkt mich meist vom eigentlichen Spiel ab - der Welt, der Geschichte und meinem ganz persönlichen Abenteuer. Und sobald ich mehr damit beschäftigt bin, Zahlen hin und her zu schieben, statt die Spielwelt zu erkunden und NPCs Löcher in den Bauch zu fragen, dauert es nicht lange, bis ich die Lust verliere. Es wäre schön, wenn es mehr Spiele wie Divinity 2 gäbe. Vielleicht ist es ja auch einfach Teil meiner "Abenteuer", auf der Hälfte der Strecke liegen zu bleiben und als gescheiterter Held in Vergessenheit zu geraten. Auch eine schöne Geschichte.

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