Wie Bayek aus Assassin's Creed Origins mir dabei half, meine Angststörung zu verstehen

Durch ein traumatisches Erlebnis entwickelte unser Autor Canberk eine Angststörung. Als er die Hintergründe verstand, nahm er die Geschichte von Bayek aus AC Origins anders wahr.

von Canberk Köktürk,
31.03.2022 13:00 Uhr

Nicht nur Bayek aus Assassins Creed: Origins wünscht sich in eine bessere Zeit zurück. Nicht nur Bayek aus Assassin's Creed: Origins wünscht sich in eine bessere Zeit zurück.

Durch ein traumatisches Erlebnis gab es eine Zeit in meinem Leben, in der ich mich in Aufgaben stürzte, um mich abzulenken. Nebenjob, Studium und eine Pflegetätigkeit in der Familie. Für einige Jahre war eine 120 Stunden Woche völlig normal. Das sorgte letztendlich dafür, dass meine psychische Gesundheit darunter litt.

Ungefähr zu dieser Zeit gab es nur eine Entspannung für mich: Open World Games mit einer guten Story. Damals überraschte mich auch Assassin's Creed Origins mit seiner hemmungslosen Traurigkeit, als ich das Spiel direkt am Erscheinungstag zum ersten Mal spielte. Doch erst beim zweiten Durchlauf wurde mir klar, welche Parallelen Bayeks Geschichte zu meinem Leben hatte.

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Schmerzhaftes Trauma

Am Anfang von Assassin’s Creed Origins erleben wir in einem Flashback, wie dem Protagonisten Bayek von Siwa ein traumatisches Erlebnis widerfährt. Während eines Besuchs des Pharaos werden Bayek und sein Sohn Khemu vom mysteriösen Orden der Ältesten entführt. Als Bayek und Khemu versuchen zu fliehen, kommt es zu einer verstörenden Szene: Bayek, der mit einem Dolch einen Widersacher zur Strecke bringen will, ersticht durch eine List seines Gegners seinen eigenen Sohn. Der Orden lässt Bayek einfach mit der Leiche von Khemu zurück.

Bayek, der von diesem traumatischen Erlebnis total verstört ist, kehrt zu seiner Partnerin Aya zurück. Beide versprechen einander, den Orden zur Strecke zu bringen. Bayek flieht sich in diese große Aufgabe, ohne sich Zeit zum trauern zu nehmen.

Auch die Beziehung von Bayek und Aya leidet durch die Ereignisse der Story. Auch die Beziehung von Bayek und Aya leidet durch die Ereignisse der Story.

Besessen von Rache kämpft sich Bayek also durch den kulturellen Schmelztiegel Ägyptens. Während er auf der Suche nach Hinweisen jeder Spur hinterher rennt, gibt es nur wenige ruhige Momente mit Rückblicken zu Gesprächen zwischen Khemu und Bayek. Dort unterhalten wir uns mit ihm über Sternzeichen oder bringen in Flashback-Missionen Khemu das Jagen bei. Nur in diesen kurzen Augenblicken erlaubt sich der letzte Medjai Ruhe. Sonst geben ihm die rohe Gewalt und die schnellen Ereignisse der Story kaum Zeit für eine Pause.

Im ersten Durchlauf von Assassin’s Creed Origins sah ich nur eine einfache Rachegeschichte. Erst durch die Aufarbeitung meines eigenen Traumas konnte ich Bayeks tatsächliche Motivation verstehen.

Niemals Stillstehen!

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich wie Bayek nicht stillstehen wollte. Durch ein traumatisches Erlebnis wurde auch mir die Kontrolle über mein Leben entrissen. Ich entschied mich immer mehr, mich in meine Verpflichtungen zu vertiefen, ohne Rücksicht auf meine Bedürfnisse zu nehmen. An den meisten Tagen der Woche war ich bis zu 18 Stunden unterwegs. Wie Bayek rannte ich Aufgaben hinterher, um mein Trauma zu verdrängen.

Durch den andauernden Stress in meinem Leben entwickelte ich eine Angststörung - Alltägliche Situationen sorgten bei mir für Schweißausbrüche, Herzrasen, Atemnot und Tunnelblick. Viele Jahre wusste ich nicht, was es damit auf sich hatte. 

Canberk Köktürk
@captaincanbi

Wenn Canberk nicht gerade repetitive Sportspiele zockt oder sich Gedanken über Diskriminierung in unserer Gesellschaft macht, dann ist er in Open World Spielen mit intensiven Stories versunken. Das hängt mit seiner Leidenschaft für Filme und Serien zusammen. Einer seiner Lieblinge ist Assassin’s Creed Origins. Nicht nur wegen der Welt, Story und Musik hat das Spiel einen besonderen Stellenwert für ihn. Das Spiel verbindet er auch mit dem Fortschritt seiner psychischen Gesundheit.

Erst durch die Psychotherapie lernte ich, meine Erfahrungen aufzuarbeiten und den Zusammenhang zwischen meinen Ängsten und dem zwanghaften Drang nach Beschäftigung zu verstehen. Durch Strategien und Übungen wurden meine Angstattacken immer weniger. Ich rannte nicht mehr wie Bayek pausenlos durch die Welt, um ein Gefühl der Kontrolle über mein Leben aufrecht zu erhalten. Stattdessen nahm ich mir Zeit für mich und die Aufarbeitung meines Traumas. 

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Das zweite Mal nach Siwa

Mit meinen Erfahrungen und Erkenntnissen aus der Psychotherapie gewappnet, wollte ich nach vier Jahren Bayeks Geschichte noch einmal erleben. Schließlich hatte Assassin’s Creed Origins bei mir durch seine Geschichte, die Musik, die neuen RPG-Elemente in der Reihe und die schöne Welt nachhaltige Spuren hinterlassen.

Die Bindung von Bayek zu Khemu ist auch beim zweiten Durchlauf nicht weniger herzzerreißend. Die Bindung von Bayek zu Khemu ist auch beim zweiten Durchlauf nicht weniger herzzerreißend.

Diesmal sah ich in Bayeks Geschichte keinen einfachen Rachefeldzug eines Vaters, der seinen Sohn verloren hatte, mehr. Sondern einen Mann, der vor seinen Problemen, die durch ein traumatisches Erlebnis verursacht wurden, wegrannte. Ich empfand schmerzendes Mitgefühl für Bayek, der von einer Aufgabe zur anderen springt und sich keine Zeit nimmt, um zu trauern. Das Bedürfnis immer weiter zu machen und niemals aufzuhören, konnte ich sehr gut nachempfinden, wodurch ich mit Bayek eine besondere Verbindung aufbaute.

Aber auch in den Augenblicken, in denen ich mit ihm die Sternbilder über dem ägyptischen Himmel bewundern und den Gesprächen mit Khemu lauschen konnte, wurde mir regelrecht das Herz rausgerissen. Bayeks Sehnsucht nach den schönen vergangenen Tagen mit seiner Familie erinnert mich an meine schlimmste Zeit: Auch ich saß früher häufig an abgelegenen Orten, um an die “heile” Zeit vor dem traumatischen Erlebnis zu denken und sie mir zurückzuwünschen.

Ich bin froh, dass ich Bayek Geschichte noch einmal aus dieser Perspektive sehen konnte. Mir wurde durch Assassin’s Creed Origins mein Fortschritt und meine Entwicklung seit der Psychotherapie noch mehr bewusst. Mein Leben wird heutzutage nicht mehr von Ängsten bestimmt. Durch die Strategien aus jahrelanger Therapie, die ich für die Stressbewältigung und zur Überwindung meiner Angst gelernt und angewandt habe, kann ich mich inzwischen als der Beschützer meiner eigenen mentalen Gesundheit bezeichnen. Der Medjai meiner Psyche.

Eine wichtige Bitte: Da es sich bei unseren Artikeln aus der Mental Health-Woche um sensible Themen handelt, die uns beim Schreiben teilweise viel abverlangt haben, bitten wir euch an dieser Stelle ganz besonders um eine freundliche und verständnisvolle Kommentarkultur. Vielen Dank und viel Spaß beim Lesen!

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